Control

Alltagsdrama trifft Konzertfilm. Das kontraststarke Biopic des Fotografen Anton Corbijn zeigt den Joy-Division-Frontmann Ian Curtis als Durchschnittstypen mit außergewöhnlichem Talent, wachsender Verantwortung und schwindender Kontrolle.

Control

In Anton Corbijns Musikvideo zu Joy Divisons „Atmosphere“ tragen gesichtslose Gestalten in schwarzen und weißen Kutten ein überdimensionales Bild von Ian Curtis an einem menschenleeren Strand entlang. Der Clip entstand, nachdem sich der Sänger und Songwriter einer der einflussreichsten Bands der Post-Punk- und Dark-Wave-Bewegung am 18. Mai 1980 im Alter von dreiundzwanzig Jahren das Leben nahm.

Schwarz-Weiß bebildert ist auch Control. Von seiner damaligen Mitwirkung an der Ikonenstilisierung, die Curtis’ Selbstmord ausgelöst hat, scheint der holländische Regisseur in seinem Kinodebüt allerdings den größtmöglichen Abstand nehmen zu wollen. Corbijn hat sich bislang vor allem mit Fotografien diverser Musikgrößen und Videos für Bands wie „U2“ oder „Depeche Mode“ einen Namen gemacht. Sein erster Langfilm portraitiert den Menschen Curtis, nicht den Mythos, ohne ihm dabei zu tief unter die Haut zu fahren oder seine Inspiration zu psychologisieren, wie es Taylor Hackford mit Ray Charles in Ray (2004) versucht hat.

Control ist weniger eine Nahaufnahme des bis heute stilbildenden Künstlers als eine Betrachtung aus der Halbnahen - der vielleicht einzig mögliche Blickwinkel, denn eine gewisse Distanz bleibt auch zwischen Ian Curtis (Sam Riley) und sämtlichen Menschen in seinem engsten Umfeld. Als er seine Jugendliebe Deborah (Samantha Morton) mit neunzehn Jahren heiratet, erscheint in seinen Augen ein Ausdruck, als drifte er innerlich in eine desolate Isolation ab - ein beunruhigender Blick, der während einer Szene in Gegenwart der späteren Bandkollegen zurückkehrt.

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Dieser Entfernung entsprechend ist die 1996 von Curtis’ Witwe veröffentlichte Biografie „Touching from a Distance“ betitelt, auf die sich Control überwiegend stützt. Die Beziehung von Curtis zu seiner Frau Deborah nimmt somit auch den größten Handlungsraum ein, neben seiner Affäre mit einer belgischen Journalistin (Alexandra Maria Lara) und den zunehmenden epileptischen Anfällen, die ihn wie aus dem Nichts auch bei Live-Aufritten überfallen. Der Sänger, Gitarist und Texter - schwankend zwischen Sanftmut und Streitsucht, Arbeitsamtmitarbeiter und Rockstar, Ausgelassen- und Ausgebranntheit - verfällt durch die Unfähigkeit, sein Privatleben in den Griff zu bekommen und die eigenen Körperfunktionen zu kontrollieren, vermehrt in Depressionen, die schließlich kurz vor der ersten US-Tour im Suizid enden.

Als hochtalentierter und psychisch instabiler Bandleader mit Beziehungs- und Drogenproblemen, der den Ruhm nicht verkraftet, eignet sich Ian Curtis mit seinem Lebenslauf, so tragisch und komplex er ist, wie Jim Morrison, Kurt Cobain und weitere vor ihm, natürlich perfekt als Posterboy für den gleichermaßen genialen wie lebensüberforderten Künstler. Die Geschichte, die Control erzählt, ist also keineswegs neu. Michael Winterbottom hat in seinem hyperaktiven 24 Hour Party People (2002) Curtis’ Absturz und Joy Divisions Bedeutung für die Musikszene Manchesters schon einmal am Rande gestreift. Aber anders als Oliver Stones rauschhafte Morrison-Kolportage The Doors (1991) oder Gus Van Sants tranceartiger und frei imaginierter Abgesang auf Cobain in Last Days (2005) kreist Corbijns vergleichsweise konventionelle Inszenierung in erster Linie um die Hauptdarsteller Sam Riley und Samantha Morton und um die Musik.

Die wird von Riley in den mitreißend gefilmten Konzertsequenzen mit einer Curtis’ sehr ähnelnden dunklen Stimme und den für ihn typischen Robotertänzchen vorgetragen und kommt dem Original erstaunlich nah. Selbst gesungen hat auch Joaquin Phoenix als Johnny Cash in Walk the Line (2005), als dessen Zuschauer ist man sich jedoch stets bewusst, dass ein Schauspieler eine beeindruckende Leistung bringt. Mit der Besetzung des Newcomers Sam Riley - selbst ein Musiker, der zuvor lediglich kleine Nebenrollen absolviert hat - erreicht Control ein Höchstmaß an Glaubwürdigkeit, wie es einst Sid & Nancy (Sid and Nancy, 1986) mit dem Casting eines damals ebenfalls noch unbekannten Gary Oldman als Sex-Pistols-Bassist Sid Vicious glückte.

Control

Über eine weite Strecke vermittelt sich Corbijns Biopic fast ausschließlich über seine elegant elegische Schwarz-Weiß-Ästhetik, die Curtis’ miefiger nordenglischer Heimatstadt Macclesfield in den siebziger Jahren und dem trüben postindustriellen Manchester der achtziger Jahre einen nostalgisch coolen Anstrich in feinen Grauabstufungen verpasst. Das Einfache und Triste der Straßen und Häuser ist hier ähnlich melancholisch schön wie in Tony Richardsons Sozialdramen Bitterer Honig (A Taste of Honey, 1961) und Die Einsamkeit des Langstreckenläufers (The Loneliness of the Long Distance Runner, 1962).

Größter Schwachpunkt von Control sind manche Dialogpassagen. Sobald Curtis mit seiner Geliebten plaudert, rosamunde-pilchert es schon mal: „I am afraid, Ian“. „What are you afraid of?“ „I am afraid of falling in love with you“. Autsch. Und wenn als Soundtrack zu einem Ehestreit ausgerechnet „Love will tear us apart“ zum Einsatz kommt, dann wirkt die Musikuntermalung aufdringlicher als in den sonstigen Szenen.

Die Stärke von Anton Corbijns Kinodebüt liegt in seiner kargen und dennoch feinfühligen Nüchternheit, die auf den ersten Blick den ausschweifenden Drogenexzessen der abgelichteten Ära gar nicht angemessen scheint. Man könnte ihn als Cold-Wave-Film bezeichnen. Die französische Abspaltung der Dark-Wave-Bewegung umschrieb das Musikmagazin „Glasnost“ einmal als „elektronische Klangkunst, deren Wärme in ihrer Kälte liegt“.

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