Continuity

Zwischen Hindukusch und Heimatgefühlen: Der Videokünstler Omer Fast entdeckt in seinem eigenwilligen Konzeptfilm das Kriegsrecht in deutschem Sand.

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Wie weitermachen, wenn sich alles entfernt? Was bleibt, und warum geht es immer weiter? Continuity, das ist ein Film mit einem mehr als emblematischen Titel. Schon das Setting ist beunruhigend: Irgendwo in Brandenburg holt ein Ehepaar einen jungen Soldaten vom Bahnhof ab. Es scheint sich um die Rückkehr ihres Sohnes Daniel zu handeln, aus dem Krieg in Afghanistan. Aber der junge Mann ist nicht ihr wirklicher Sohn. Abends wird dezent bei Rehrücken und Rotwein gefeiert, endlich kehrt die verloren geglaubte häusliche Normalität ein. Am nächsten Tag ist der Ersatz-Sohn wieder wie vom Erdboden verschluckt. Das Spielchen wiederholt sich dreimal, mit unterschiedlichen Söhnen - eine ganz und gar ritualisierte Psychopathologie deutet sich an. Eigentlich aber geht es dem israelischen und Wahl-Berliner Videokünstler und Regisseur Omer Fast um ein Thema, das abseits von Tatort und Anne Will noch wenig bearbeitet ist: um das Deutschland von heute und den Krieg. Ja, es gibt ihn wieder.

Willkommenskuchen mit Deutschlandfahne

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Im Zentrum von Continuity, der auf dem gleichnamigen Kurzfilm Fasts aus dem Jahr 2012 basiert, steht das dysfunktionale Ehepaar. André Hennicke und Iris Böhm erschaffen mit ihrer Darstellung ad hoc eine klinische Unbehaglichkeit. Hennicke geistert aschblond und hünenhaft durch die Bilder, als wäre er seine eigene Wachsfigur. Böhm stellt ihren verhuschten Willen zur eigenen Zerbrechlichkeit geradezu aus. Beider Blicke weichen sich konsequent aus und erschaffen eine monströse Leerstelle. Die Ehe der Eltern wirkt wie eine mathematische Funktion: klar, dosiert, eingebettet in eine Ökonomie des Zusammenlebens. Dazu passt auch die gepflegte Patina zugezogener Dörflichkeit im behaglichen Berliner Speckgürtel. Visuell fängt Continuity dies in einer ruppig-kaltweißen Klarheit ein. Alles glänzt vor Sauberkeit. Vor Ankunft des ersten Sohnes wird schnell noch ein neues passendes Klingelschild aufgeklebt. Und der selbstgebackene Willkommenskuchen ist mit einer Deutschlandfahne aus Marzipan verziert. Kaum zu glauben. Daneben liegen ordentlich Handy und Autoschlüssel. Soll das nun eine Satire auf eine gewisse deutsche(Kino-)Nüchternheit sein? Ganz klar wird das nicht.

Friedfertigkeit und Mordlust

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Wenn sich unter der Oberfläche eine derartige Leere verbirgt, dass der Film immer mehr einem gigantisch stillen Schrei gleichkommt, dann fragt man sich: Was will uns Fast hier zeigen? Dass die Welt des Krieges und ihr Vokabular im bürgerlichen Deutschland keinen Widerhall findet? Damit wäre es nicht getan. Continuity. Der Titel ist entscheidend: Fast zeigt die Brutalität des Weiter-So und die Konsequenzen des Schweigens als experimentelle Filmanordnung, die im Laufe der Zeit zu einer immer komplexeren Geschichte wird. Und auf diese Weise entfaltet sich Continuity als seltsam eigenwilliger Beitrag zur Auseinandersetzung mit der deutschen Gegenwart. Und irgendwo zwischen ausgestellter Friedfertigkeit und fataler Mordlust liegen auf einmal Leichen im Brandenburger Sand.

Kriegsrecht im deutschen Sand

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Die Geschichte vom verlorenen Sohn wiederholt sich immer wieder, sie ist, mit anderen Worten, anwendbar. Schließlich ist das einstmalige Rekrutierungsgespräch bei der Bundeswehr zu sehen: Vom glückseligen Vater begleitet, unterschreibt Daniel bei der Truppe. Als läge in der Armee ein neuer Sinn und eine Ersatzfamilie, die die Eltern endlich von ihren lästigen Pflichten entbindet. Bald stellt sich diese Hoffnung aber als Ammenmärchen heraus: Der Einsatz in Afghanistan bedeutet für Daniel Vergewaltigungen durch seine Waffenbrüder und endet letztlich im Tod. Das alles ist bekannt, und doch durchzieht eine bittere Teilnahmslosigkeit das Mienenspiel der Eltern. Der Schein bleibt gewahrt, und der Krieg schweigt. Dieses sterilisierte Weiterleben wie bisher, der Dienst nach Vorschrift, ätzt sich beim Zusehen förmlich ein. Continuity. „Unsere Freiheit wird am Hindukusch verteidigt“, so sagte das damals Verteidigungsminister Peter Struck. Welche Freiheit denn, möchte man da meinen. Denn letztlich ist es eine kaputte Welt voller neurotischer Sachzwänge, die hier vor unseren Augen ausgebreitet wird. Und nicht irgendwo im afghanischen Wüstensand. Omer Fast entdeckt das Kriegsrecht im deutschen Sand, zwischen Fichten und Einfamilienhäusern. Und genau dieser nüchterne Relativismus macht Continuity zu einem sehenswerten Film.

Zeitgleich mit dem Kinostart von Continuity wird im Berliner Martin-Gropius-Bau eine große Werkschau von Omer Fast eröffnet, die bis März 2017 zu sehen sein wird.

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