Contagion

Soderbergh beherrscht die Welt. Die Welt wird von Angst beherrscht.

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Einen geradlinigen Hollywoodfilm bekommt man auf einem Filmfestival immer seltener zu sehen. Aktuelle Marketingpläne und weltweite Parallel-Starts rechnen nicht mit Kulturveranstaltungen und erst recht nicht mit Kritik. Wenn überhaupt, dann laufen die Filme außer Konkurrenz, um zu vermeiden, dass sie bei Preisverleihungen als Verlierer dastehen. So auch bei Steven Soderbergh, der mit Contagion nicht etwa eine seiner Arbeiten als Independent-Auteur nach Venedig mitgebracht hat, sondern eine seiner Großproduktionen. Singulär ist der Film dennoch, auch als Produkt Hollywoods, aber der Reihe nach. Erst müssen sich die Augen nämlich daran gewöhnen, hier einen globalen Film zu sehen, der nicht sanft ertastet oder sich fragend umsieht, sondern keine Sekunde zögert, sein Sujet von allen Seiten zu beherrschen. Contagion umzingelt, erfasst, misst, ordnet ein, lenkt, genießt und erklärt die titelgebende Seuche.

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Wie verbreitet sich eine Pandemie? Mit Verve und allen Mitteln des großen Budgets geht Soderbergh dieser Frage nach, reiht übergangslos Location an Location, Hongkong, Chicago, London, Minneapolis, Tokio, San Francisco. Er zeichnet die Bewegungen seiner Protagonisten nach, ihre Kontakte, jeden Handschlag, jede Umarmung, und zieht die Aufmerksamkeit auf die kleinen, diskreten Mittler des Lebens in der Gesellschaft: die berührten Gegenstände, das Wasserglas, das im Café noch kurz zuvor der jetzt hustende Angestellte in der Hand hielt. Von Anfang an lässt sich der Katastrophenfilm in zwei sehr unterschiedliche Richtungen lesen: Einerseits und ganz offensichtlich stellt er dar, wie Krankheitserreger ihre Wege der Übermittlung finden und wir als Individuen im Angesicht eines tödlichen Virus das Vertrauen in die Gesellschaft zu verlieren beginnen. Gleichzeitig aber prägt Contagion eine sensible, hoffnungsvolle Haltung. Und auch das ist offensichtlich: Wir können die Finger nicht voneinander lassen. Das Zwischenmenschliche, die Begegnung, unsere Nähe, das, was unsere Welt im innersten zusammenhält. Wenn eine Expertin auf der Suche nach dem Ground Zero, der Infektionsursache, die Bilder der Überwachungskamera eines Casinos in Hongkong sichtet, bewegt der Film sich auf die Ebene der Empfindung, wir sehen keine allwissenden Bilder, keine Aufsichten und entsättigte, flirrende Videobilder, ganz im Gegenteil. Wir befinden uns auf einer Ebene mit den Figuren, rücken immer wieder nah an sie heran, Unschärfen dominieren die Bildkomposition: als erinnerten wir uns gefühlsgeladen an die aufgezeichneten Momente und als fielen uns nur nach und nach Details ein.

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Contagion ist zugleich emotional dicht und klinisch kalt. Immer wieder gibt er sich als Chronik, blendet Städtenamen und Einwohnerzahlen ein, zeigt Infektionskarten und lässt Wissenschaftler Formeln erklären oder beobachtet sie bei der Arbeit. Nebenbei, um im Namen des Films der Seuche Herr zu werden, aber auch um deren Leid zu vermitteln, kommt ein Ensemble-Cast von verschwenderischem Ausmaß zum Einsatz. Verschwenderisch vor allem – und das ist für Hollywood durchaus untypisch –, weil die Stars auf den gesamten Film verstreut sind und sich die meisten von ihnen überhaupt nicht begegnen: Matt Damon, Kate Winslet, Jude Law, Gwyneth Paltrow, Laurence Fishburne, Marion Cotillard, John Hawkes, Bryan Cranston und Armin Rohde kämpfen alle an ihren eigenen Fronten. Und obwohl Contagion durchaus als Katastrophenfilm funktioniert, kommt er in Sachen CGI zurückgenommen daher, der größte Teil des Budgets dürfte nach den Schauspielern in die Vielzahl an beeindruckenden Settings geflossen sein. Der erste auffällige Spezialeffekt hingegen ist das Aufsägen von Gwyneth Paltrows Kopf: Nervöses Gelächter und ein Raunen gehen durch den Kinosaal, als da plötzlich in einer Großaufnahme die Kopfhaut über Paltrows Augen gestülpt wird. So viel darf verraten werden: Auch Stars können früh im Film sterben, und Paltrow ist nicht die einzige, die bei Soderbergh überraschend von der Bildfläche verschwindet.

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Die Personalisierung der Infektionsauswirkungen stützt sich auf zwei Figuren: Matt Damons Mitch, ein immuner Vater, der Frau und Sohn ganz zu Beginn im Eiltempo verliert, von den verdutzten Ärzten Antworten fordert und fortan beschützend seine Tochter von jeglichem äußeren Kontakt abschirmt. Er könnte zur Heldenfigur werden, aber Autor Scott Z. Burns, der für so interessante Filme wie Das Bourne Ultimatum (The Bourne Ultimatum, 2007) und Der Informant! (The Informant!, 2009) die Drehbücher lieferte, interessiert sich bei Contagion nicht für die klassische Action-Disposition. Stattdessen ist Mitch wie die meisten anderen Protagonisten vor allem Impulsgeber, Intermezzo und Beispiel. Einen Helden im klassischen Sinne kennt der Film nicht, höchstens dem Ansatz nach: In einem weiteren Erzählstrang gerät Dr. Cheever (Laurence Fishburne) in einen persönlich-professionellen Konflikt, als er unter striktem Befehl der Geheimhaltung seine Frau vor der Pandemie warnt. In einer von diesem Herd ausgehenden Kettenreaktion zeigt Soderbergh im Anschluss den Ausbruch der Massenpanik. Von wegen Held.

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Der Blogger Alan Krumwiede (Jude Law) inszeniert sich im Film selbst als Retter – krank vor der Webcam – und verspricht werbewirksam im Selbstversuch die Heilung durch ein homöopathisches Mittel. Als Vertreter der heutigen Gegenöffentlichkeit verdammt er die Regierung und bezichtigt sie der Verschwörung – unter einer Decke mit der Pharmaindustrie. Doch Contagion ist auch kein Paranoia-Film, der Blogger wird als gewieftes Kind inszeniert, das mit Kapuzenpulli und später mit transparenter Sci-Fi-Kopfglocke dem sich stapelnden Müll in den Straßen von San Francisco entsteigt. Der Mensch ist sich selbst am nächsten. Doch selbst wenn die Gesellschaftsordnung für kurze Zeit zusammenbricht, Menschen zu Plünderern werden, immer bleibt ein Rest Verlass auf die menschlichen Triebe – nach Selbsterhaltung, nach Wahrung der Familieneinheit – und auf ihre Geldgier. Damit kann man rechnen, das kriegt man in den Kasten. Als wolle der Film uns schließlich sagen: Ja, unsere Gesellschaft ist angsterfüllt, aber Hollywood beherrscht die Angst.

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Kommentare


Dominic

Grundsätzlich schließe ich mich der Kritik an; kein Action-Feuerwerk, sondern eine ruhige dokumentationsartige Abhandlung über Helden des Alltags, sei es in privater oder öffentlicher Funktion; übrigens auch wissenschaftlich korrekt dargestellt. Also eigentlich nette Fernsehkost im Strickmuster der Katastrophenfilme Ende der 70er, inklusive der Warnung Angehöriger (damals ging es halt eher um die Havarie in Atomkraftwerken).






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