Concussion

Das Suburbane als queerer Lebensraum. Stacie Passon porträtiert in ihrem Debütfilm den greigen Alltag einer Regenbogenfamilie.

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„You know that somebody is gay if they know the difference between mauve and taupe“, scherzte einmal David Letterman. Ich muss mich outen: Obwohl in Sachen Farben nicht ganz unbewandert, hatte ich nur einen blassen Schimmer davon, wie Mauve und Taupe genau aussehen, bevor ich angeregt durch André Wendlers farbenkundigen Text zu Concussion in der „Sissy“ die Suchmaschine angeschmissen habe. Und es hat sich gelohnt, nicht nur um Wendlers detaillierten Ausführungen und präzisen Beobachtungen folgen zu können, sondern auch, um vorbereitet zu sein auf Stacie Passons Erstlingswerk. Denn wo das Blockbusterkino oft wenig mehr als Blau- und Orangetöne benötigt, um es visuell krachen zu lassen, da kommt Concussion auf den ersten Blick fast schon farblos daher. Alles, was knallt und schrillt, scheint den Bildern entzogen.

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Mit groben Strichen skizziert Passon das Leben in einer Suburb von New Jersey, zeigt grauen Alltag und Einheitsbrei: Mütter und Hausfrauen bevölkern die Supermärkte, Fitnesscenter, Vorgärten und Wohnzimmer und strampeln sich für den Status quo ab, den der Film mit einigen Absurditäten bis an die Grenze zur Karikatur schildert. Mittendrin in dieser adretten Langeweile steckt auch Abby Ableman, Ehefrau einer erfolgreichen Anwältin und Mutter zweier Kinder, bis ein Unfall sie schließlich aus dem Gleichschritt der liberalen Mittelschicht bringt. Wie schon in John Waters’ Desperate Living (1977) ist es der Baseballwurf eines kleinen Jungen, der das Hausfrauendasein erschüttert und für einen unverhältnismäßigen, durchaus komischen Wutausbruch sorgt: Der Baseball trifft Abby am Kopf, das Blut fließt, die Schimpfwörter sprudeln dem verdatterten Sohn nur so entgegen.

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Von hier an ist der Blick aufs Vorortidyll auch für Abby ein anderer. Passon schickt ihre Protagonistin dabei nicht auf eine grelle Odyssee zu Perversen und Kriminellen, wie Waters es mit seiner Peggy Gravel getan hat. Stattdessen beginnen die feinen Risse sichtbar zu werden, die die heile Welt der Ablemans lange schon durchziehen. Das Blutrot und das Geschrei bleiben die Ausnahme in Concussion, wo der Bruch mit dem alten Leben sich in Nuancen und Schattierungen vollzieht. Selbst als Abby heimlich eine Karriere als Sexarbeiterin in New York City beginnt, um ihre in der langjährigen Partnerschaft eingeschlafene Sexualität wachzukitzeln, inszeniert Passon dies nicht als krassen Kontrast zur bürgerlichen Existenz: Mit der gleichen Sorgfalt und Farbpalette wie das Eigenheim richtet die passionierte Innenarchitektin ihr Appartement am anderen Ufer des Hudson Rivers ein, in dem sie ihre Kundinnen empfängt. In knappen, unaufgeregten Episoden erzählt der Film von Abbys vorsichtiger Erschließung neuer Lebensräume und ihrem behutsamen Herantasten an fremde Körper.

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Man muss nicht Alice Schwarzer heißen, um das, was hier als Prostitution dargestellt wird, unterkomplex zu finden, selbst Pretty Woman (1990) erscheint da in mancher Hinsicht vielschichtiger. Wenn sich Abby für stolze 800 Dollar pro Akt mit Freierinnen ihrer Wahl trifft, ist die Sexarbeit nicht mehr als eine skurrile Anekdote und Schlüssel zu einem metaphorischen Raum, in dem die Hauptfigur mit verschiedenen Entwürfen von Weiblichkeit konfrontiert wird. Um Plausibilität oder Nebenfiguren schert sich der Film hier weniger, als dass er seine Darstellerinnen zu sprechenden Zeichen degradiert, die der soften Erotik irgendwas von Diversity dazwischenstammeln. Da mag es befreiend sein, wenn etwa eine Krebspatientin mit vernarbter Brust ganz beiläufig blankzieht, oft reicht es aber nur zu flachen oder gar verlogenen Botschaften: Ausgerechnet die spindeldürre Trimm-dich-Heldin gibt dem fetten Mädchen, das bei Abby ihre Unschuld verlieren will und von der eigenen Mutter zum Abnehmen gedrängt wird, Empowerment-Weisheiten mit auf den Weg, dazu noch Literatur von de Beauvoir und Gandhi.

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Dass man sich den Film, dessen großer dramatischer Bogen ein ums andere Mal durchhängt und der seine Krisen in abgedroschenen Topoi sucht – wie dem von der Mutter, die vergisst, ihre Kinder von der Schule abzuholen – trotzdem anschauen kann, ist nicht allein der herausragenden Hauptdarstellerin Robin Weigert geschuldet. Ebenso bemerkenswert ist, wie Passon die Vororte als queeren Lebensraum erschließt und nicht, wie so oft im queeren Kino, als bloßen Grund zur Flucht in die Stadt sieht. Hierbei entfernt sie sich bei aller ironischen Distanz nie so weit vom Spießerleben, um unberührt zu bleiben oder dieses zu diffamieren, und zeigt so ein Gespür dafür, wie verletzlich und angreifbar die scheinbare Normalität sein kann. Und wer in der Geschichte von Abby Ableman nur banalen, grauen Alltag sieht, der kennt vielleicht einfach die Farbe Greige noch nicht.

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