Concerning Violence

Concerning us: Göran Hugo Olsson blickt auf die afrikanischen Befreiungsbewegungen zurück und liefert verstörend zeitgemäße Erkenntnisse.

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Die erste Aufnahme zeigt einen schwarzen Schuhputzer, untertänig über die Schuhe eines Weißen gebeugt, der wadenhohe grüne Strümpfe trägt. Die zweite Aufnahme führt vom Boden in die Höhe: Aus einem Militärhelikopter blicken wir auf eine scheinbar endlose Weite herab. Weiße Soldaten schießen auf weiße Rinder. Die Tiere, von Todesangst erfasst, rennen panisch umher, aber jedwede Flucht ist sinnlos, zum Scheitern verurteilt, denn der Tod kommt vom Himmel. Es kann nur bestehen, wer Herr über die Dimensionen ist. Dabei erinnert die Bildkomposition an ein Ego-Shooter-Spiel, die Schusswaffe, prominent platziert in der Mitte des Bildes, wirkt greifbar, lenkbar. Triumphierend wird auf die Beute gezoomt. Dann legt sich die raue Stimme der Rapperin Lauryn Hill über die Szene; gleichzeitig wird die deutsche Übersetzung in weißen Lettern eingeblendet, Satzteil für Satzteil, wie ein Edikt ins Bild gehämmert: „Kolonialismus ist Gewalt im Naturzustand und beugt sich lediglich noch größerer Gewalt“.

Das Voice-over als weltgeschichtliches Korrektiv

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Es ist das erste zitierte Fragment aus Frantz Fanons antikolonialistischem Manifest Die Verdammten dieser Erde (1961). Die Auszüge überwölben loses 16mm-Archivmaterial, das schwedische Dokumentarfilmer und Fernsehjournalisten zwischen 1966 und 1984 in Afrika aufgenommen haben und das Olsson im Filmuntertitel als 9 Szenen einer antiimperialistischen Selbstverteidigung bezeichnet. Fanons Worte strukturieren und kommentieren die Aufnahmen. Dass Olsson sich nicht auf das Voice-over beschränkt, sondern die Wörter auch visuell ins Bild prügelt, wo sie fast die Hälfte des Platzes einnehmen, wirkt wie ein weltgeschichtliches Korrektiv: den Bildern der Herrschern den Stempel der Beherrschten aufdrücken. Doch trotz der Dogma-Wirkung dieser Einblendungen sträubt sich der Film gegen eine allzu schnelle Lesart; im Vorwort plädiert die Professorin Gayatri Chakravorty Spivak für eine differenzierte Betrachtung. Sartre, so Spivak, habe Fanon als Billigung von Gewalt verstanden, „weil er nicht zwischen den Zeilen las“.

Bisweilen gestaltet es sich aber schwierig, Concerning Violence zwischen den Zeilen oder den Bildern zu lesen: Polarisierende Zitate, aus dem Kontext von Fanons Buch gelöst, werden passgenau auf die Bilder geworfen; Bilder, deren elementarer Kontext (Ort, Zeit, Akteure) oft gänzlich verschwiegen wird, aneinandergereiht. Dazu einen verhängnisvollen Trompetenstoß. So wie Fanon den Kolonialismus als Gewalt im Naturzustand zu entlarven meint, so suggeriert der Film einen Naturzustand des Kolonialismus, nicht an Ort und Zeit gebunden; eine universelle Erfahrung des Beherrscht- und Ausgebeutet-Seins.

Der Striptease unseres Humanismus

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Und tatsächlich gibt es in diesem disparaten Material etwas, das immer wieder vorkommt: ein schwer zu ertragender Kulturchauvinismus, der so ungefiltert zu Tage tritt, dass er sich selbst zu karikieren scheint. In einer der eindrücklichsten Szenen des Archivmaterials legen Tansanier im Schweiße ihres Angesichts die Fundamente einer Kirche, deren Bau ein schwedisches Missionspaar in Auftrag gegeben hat. Gefragt, ob auch Schulen und Krankenhäuser gebaut werden, antwortet das Paar, all das stehe an zweiter Stelle: Die Kirche werde „hier“ dringender gebraucht. Auf die unverblümte Menschenfeindlichkeit lässt Olsson das Archivmaterial antworten, er zeigt diejenigen, denen die Kolonisierenden jegliche Werte, jegliche Sittlichkeit absprechen. Er zeigt afrikanische Frauen, die über die selbstermächtigende Wirkung von Bildung sprechen. Er zeigt eine Frau mit abgehacktem Arm, eine schwarze Venus von Milo, die ihr Kind stillt. Olssons Übereinanderlegen von Fanon und Archiv zeigt, was Sartre in seinem Vorwort zu Die Verdammten dieser Erde einen „Striptease unseres Humanismus“ nannte. Olsson zeigt auch, wie man einem Film, der fast ausschließlich aus Aufnahmen und Text besteht, an denen man in keiner Weise beteiligt war, die eigene Unterschrift gibt: durch das kluge Überlagern und Kreuzen, das Kontrastieren, das Spiegeln, das Antworten.

Halt, erste Welt

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Die Verdammten dieser Erde erschien 1961 in Frankreich, während des Algerienkrieges, und wurde am selben Tag noch wegen „Gefährdung der inneren Sicherheit des Staates“ beschlagnahmt und verboten. 50 Jahre später ist die kinematografische Neuauflage durch Olsson kein zeitgeschichtliches Dokument, das uns einen erfreulichen zwischenzeitlichen Fortschritt vor Augen führt, sondern immer noch ein programmatisches Manifest, das heutige Umstände anprangert und an vielen Stellen die Weitsicht Fanons offenbart. Es ist ein Film über die Hegemonie der ehemaligen Kolonialstaaten und über nie überwundene Auswirkungen des Kolonialismus. Am Ende, als die Kamera durch eine schier endlose Reihe von verelendeten Afrikanern gleitet, spricht Fanon von der Entwicklungshilfe und einer erforderlichen „doppelten Bewusstwerdung“: Den Kolonisierten werde bewusst, dass ihnen Reparationen zustehen; den Kolonisierenden werde bewusst, dass sie den Kolonisierten etwas schuldig seien. Das Zitat wirft die Frage auf, an wen sich Olssons Film richtet: „Vorwärts, Genossen“, ruft Fanon zum Schluss die Kolonisierten und ehemals Kolonisierten auf. „Halt, erste Welt“, scheint es dagegen aus Olssons Film zu dringen. Wer in dem Film dieses Europäers über Kolonialisierung und Entkolonialisierung so etwas wie einen filmischen Imperialismus vermutet, geht fehl: Es ist ein Film für und über Europäer.

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Kommentare


manfred bruckner

Interessant scheint auch, welch Aktualität die Bilder eben in Burkina Faso bekamen... sehr starker Film, sehr beeindruckender Text.






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