Computer Chess

Vom Mumblecore zur Mockumentary: Andrew Bujalskis vergnügliche Nerd-Satire imitiert neben dem 80er-Jahre-Look auch den Modus des Dokumentarischen sehr gekonnt.

Computer Chess 01

„Das ist ein menschlicher Wesenszug. Dieses Problem hatte ich auch schon mal“, sagt einer der Programmierer, die sich in einem Hotel zu ihrem alljährlichen Computerschach-Turnier getroffen haben. Solange sie miteinander über Bits und Bytes fachsimpeln, funktioniert ihre Peer-to-peer-Kommunikation gut. Sobald sie aber ihre Kompatibilität mit einer im selben Hotel gehosteten Esoteriker-Gruppe testen müssen, zeigt sich ihre fundamentale Verbindungsstörung zur nicht-digitalen Welt. Bei Face-to-face-Live-Chats mit externen Usern hätten die schwer nerdigen Protagonisten aus Computer Chess (2013) wohl gerne eine „Escape“-Taste zur Verfügung.

Bujalski macht sich (und seinen Zuschauern) einen großen Spaß daraus, in die 1980er Jahre zurückzureisen und die damals noch kleine Gemeinschaft technisch begabter, aber sozial zurückgebliebener Informatiker zu beobachten. Natürlich tragen sie dicke Brillen, sind entweder spargeldürr oder aber übergewichtig. Und selbstverständlich lispeln und stottern sie im Gespräch. Hinter diesen karikaturartigen Klischees steckt bei Bujalski jedoch keine Bosheit, sondern warme Ironie.

Computer Chess ist zwar ein fiktiver Film, nimmt dabei aber einen dokumentarischen Habitus an. Und so detailfreudig, wie der aus der Mumblecore-Bewegung stammende Bujalski die Welt der 80er und die Nischengesellschaft der Programmierer in Szene setzt, nimmt man seinem Film die gefakete cinéma-vérité-Attitüde auch glatt ab.

Nicht nur die Frisuren, Klamotten und unförmigen Computer wirken authentisch – auch die Mentalität der damaligen Zeit ist zu spüren. Hier die Technik-Enthusiasten, die über Künstliche Intelligenz debattieren – dort die Apokalyptiker, die zwischen Computerexperten und dem militärisch-industriellen Komplex eine Verschwörung vermuten und deshalb schon den Dritten Weltkrieg heraufziehen sehen.

Und auch die Ästhetik des Films fügt sich in die dargestellte Epoche ein. Dass Bujalski mit dem alten 4:3-Format und damals üblichen Kameras arbeitet, verstärkt zudem das Doku-Feeling. Die Bilder sind für heutige Verhältnisse ziemlich unscharf, körnig und von Störungen durchzogen. Dass sie außerdem schwarzweiß sind, ist hier nicht etwa einem Willen zur Ästhetisierung geschuldet, sondern spielt auf den Look zeitgenössischer Amateurkamera-Aufnahmen an. Entsprechend sehen wir eher matte und eben gerade nicht kunstvoll-intensive Farbkontraste, wie man sie aus jüngeren Schwarzweiß-Filmen zumeist kennt.

Computer Chess 02

Die diversen experimentellen Stilelemente hingegen, die Bujalski immer wieder einstreut (Negativbilder, Split Screens, Mini-Loops und durch Glas gefilmte Einstellungen), sehen zwar nett aus, bleiben ansonsten aber ein Selbstzweck, der nichts zum Nachempfinden visueller Merkmale von 80er-Jahre-Medien beiträgt. Auch die fast schon obligatorische Integration einiger Farbbilder in das überwiegend schwarzweiße Material folgt keiner erkennbaren Logik.

Die Reinszenierung der 80er Jahre erstreckt sich natürlich auch auf die im Film thematisierte Technik: Wahre Ungetüme von Computern werden von den Programmieren durch das Hotel gehievt und gerollt. Die Teilnehmer stellen ihre Präsentationen mit Hilfe von Overhead-Projektoren und Folien vor und erwecken die fast schon nostalgisch stimmenden Modem-Geräusche zu neuem Leben, wenn sie ihre Rechner miteinander verbinden.

Bujalski ergänzt den Hauptstrang über die Maschinen und die dazugehörigen Menschen durch mehrere Nebenerzählungen. Das Aufeinandertreffen mit den ebenfalls in eigenen Codes sprechenden (und ebenfalls ein paar schöne Seitenhiebe abbekommenden) Spät-Hippies gehört zu den komödiantischen Höhepunkten des Films. Auch die Art und Weise, wie die Nerds mit der einzigen Frau in ihrer Mitte umgehen, sowie ein sich zwischen ihr und einem Konkurrenten entwickelnder, ungelenker Flirt, sind höchst amüsant. Und wenn der Film die Subjekt-Objekt-Relationen umdreht und zeigt, wie die Computer Menschen beobachten und ein eigenes Bewusstsein entwickeln, ist das ebenfalls wunderbar absurd.

Zum Gelingen dieser satirischen Mockumentary trägt die Trockenheit, mit der die Darsteller das mitunter bizarre Verhalten ihrer Figuren spielen, entscheidend bei. Denn so meistert Computer Chess die nicht eben leichte Aufgabe, zu jeder Zeit bei seinem hintergründigen Humor zu bleiben und gegenüber den Protagonisten nicht ins Alberne oder Despektierliche abzugleiten.

Trailer zu „Computer Chess“


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