À moi seule

Das Biedere als Trumpf: Frédéric Videau dreht mit kugelsicherer Weste einen Kindesentführungsfilm.

Coming Home

Eins sollte klar sein: Im Kino muss jedes Thema erlaubt sein, jede noch so heikle Angelegenheit kann filmisch bearbeitet werden. Es gibt in dieser Hinsicht keine Tabus. Das bedeutet nur im Umkehrschluss natürlich nicht, dass jedes Sujet behandelt werden sollte. Die eigene Legitimation muss sich jeder Film selbst erkämpfen, durch seine Form und die Haltung, die daraus spricht. Ein fiktiver Fall – so betont À moi seule – einer Kindesentführung und achtjähriger Gefangenschaft sowie das Leben nach der Freilassung: Das ist der Stoff, den sich Frédéric Videau vorgenommen hat. Und er geht ihn überaus schlau an. Das beginnt schon damit, dass er die Geschichte nicht zum Zweck eines Thrills missbraucht und die Freilassung des Mädchens, Gaëlle (Agathe Bonitzer),  an den Anfang von À moi seule stellt. Von da an setzt er die Gegenwart, in der sie sich mental von ihrer Vergangenheit zu befreien versucht, parallel zur Zeit der Gefangenschaft.

Die Leinwand dominieren den Film über Agathe Bonitzers Verwandlungen. Videau liebt die Großaufnahme – oder hat bereits ans Fernsehen gedacht – und zeigt uns Haarfarbe um Haarfarbe, wie Gaëlle nach außen stülpt, dass sie nicht sie selbst sein kann. Ihre Gesichtszüge verraten nicht viel, aber das sehr nachhaltig: Sie will kontrollieren, die anderen, aber vor allem die eigenen Gefühle. So weit es nur irgend möglich ist, lässt sie niemanden und nichts an sich heran. Vielleicht tut Videau also gut daran, À moi seule ganz um das Verhältnis Gaëlles zu ihrem Umfeld kreisen zu lassen. Und Bonitzer hat mit Noémie Lvovsky eine starke Partnerin in der Rolle der Mutter, die sie aufzufangen versucht. Lvovsky gelingt es in wenigen Auftritten, ein Gefühl für den Drahtseilakt zu vermitteln, den die Frau als hingebungsvolle Mutter meistern muss, die um die Fragilität ihrer Tochter weiß, sie beschützen will und ihr zugleich den Freiraum zur Verarbeitung des Verbrechens lassen muss.

Coming Home  1

Wenn À moi seule eines auszeichnet, dann ist es, dass Videau ganz auf Sensibilität setzt. Das geht sogar so weit, dass das Verhältnis von Gaëlle zu ihrem Peiniger Vincent (Reda Kateb) geradezu zärtlich wirkt. Der Film bemüht sich, ihre Beziehung als komplex zu zeichnen, indem er bisweilen die erwartbare Dynamik einer Machtausübung durch Vincent auf Gaëlle umdreht und sie als jugendliches Mädchen zeichnet, das gelernt hat, Erwachsene zu manipulieren. Eine weitere Schicht der Subtilität bildet die Abwesenheit von sexueller Gewalt. Immer mehr wirkt es aber so, als sei der Film nur erpicht darauf, dass man ihm bescheinigt, er habe das Leiden einer Kindesentführung dargestellt, ohne je in die Nähe eines exploitativen Gestus zu geraten. In diese Richtung muss man mit Sicherheit auch das Bemühen Videaus interpretieren, dass er darauf besteht, es handele sich hier um eine fiktive Geschichte. Das ändert aber nichts daran, dass sich À moi seule natürlich von der Existenz bekannter, medial durchexerzierter Fälle nährt, die unsere Rezeption vorprägen. Davon kann nicht absehen, wer sich für diesen Stoff entscheidet. Es mag lobenswert sein, den Terror einer solchen Geschichte auf das Psychologische zu verlagern. Das steht und fällt allerdings mit der Darstellung des Täters.

Vincents Figur ist – von einer Szene ganz am Anfang abgesehen – sehr blass. Weder in Reda Katebs Spiel noch in Vincents Verortung lässt À moi seule einen Zugriff auf die Figur zu. Wenn der Film ihn überhaupt situiert, dann ist es nur durch Mangel: keine Familie, keine Geschichte, kein Umfeld. Glücklicherweise sucht er keine Antworten in der Vergangenheit, sondern bemüht sich alles aus der jeweiligen Gegenwart heraus zu erzählen. Doch dort ist nichts zu finden. Wenn Vincent  unsozial ist, dann wirkt es lediglich wie eine bewusste Entscheidung, jenseits der Arbeit seine ganze Aufmerksamkeit Gaëlle zu schenken: Er will sie nur für sich, wie der Originaltitel verlauten lässt. Eine Interpretation seiner Motive, die ein asoziales mit einem perversen und kriminellen Verhalten verquicken würde oder aber im Gegenteil diesen Zusammenhang abstreitet, wird vermieden. Auf dieser Ebene ist Verständnis vielleicht auch unangebracht. Das bedeutet nur gleichzeitig, dass Vincent bis zum Schluss eine Leerstelle bleibt, die in viele Richtungen mit Bedeutung aufgeladen werden kann. Psychologisch und gerade soziologisch könnte À moi seule sich sehr viel weiter vorzudringen trauen. Stattdessen verweilt er in der halb-subtilen, halb-komplexen Haltung, die ausblendet, was sie zu sehr in Erklärungsnot brächte. Das funktioniert gut, ist aber angesichts des Sujets vor allem eins: eine vertane Chance.

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