Coming Forth by Day

Hala Lotfys Slow Cinema verheddert sich auf sehenswerte Weise im Pädagogischen.

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Lähmende Ruhe liegt über der Wohnung in Kairo, in der die junge Soad und ihre Mutter den todkranken Vater pflegen. Coming Forth by Day (Al-khoroug lel-nahar) erzählt von einem gehemmten Leben, auch wenn die erzählte Zeit sich auf nur 24 Stunden dieses Lebens beschränkt. Es ist ein endloses Kreisen in häuslichen Routinen. Hala Lotfys Debütfilm berichtet von ihnen in ausführlichen Halbnahen – vom Schlafen und Teekochen, vom Eincremen des väterlichen Dekubitus oder auch nur vom bloßen Begutachten der Kühlschrankinhalte. Sogar die Muster von Soads Kleidung spinnen sich in denen der Sofabezüge und Bettdecken fort: Figuren und Wohnung verschmelzen im Ornamentalen. Die Enge der Räumlichkeiten, in denen nichts Unerwartetes passieren will, erschließt sich durch eine Kamera, die oft aus dem Flur in die Zimmer filmt. Türrahmen zerteilen die Bilder, es sind Blicke in geschlossene Räume. Einmal äußert der zum Sprechen kaum noch fähige Vater, ihm sei langweilig.

Coming Forth by Day 07

Von einem Außen erzählen zunächst nur das Radio, der im Dauerbetrieb laufende Fernseher und die Geräusche der Straße: Draußen ist es laut, aber das sind keine Lockrufe, nur ein schnöder Klangteppich. Dabei ist das visuell zumeist ausgesparte Außen hier doch das Kairo inmitten des Arabischen Frühlings, der als Kontext stets mitläuft. Während das langsame Kino Lotfys die Konflikte und Frustrationen, auch die liebevollen Momente einer privaten Pflegesituation eindrücklich nachvollziehbar macht, bleibt eine Sehnsucht der jungen Soad, die sich auf dieses auch politisch bewegte Außen richtet, nur eine Ahnung.

In der zweiten Hälfte des Films, am Nachmittag des erzählten Tages, übernimmt die Mutter die Pflege, Soad verlässt endlich die Wohnung. Sie geht zum Friseur und nimmt dann ein Taxi zum Tahrir-Platz. Doch der Film folgt ihr nicht bis dorthin, er schneidet zurück in die Wohnung. Diese Auslassungen sind eine Form der ästhetischen Akzentuierung, die nicht zuletzt den Produktionsbedingungen geschuldet ist: Geplant war der Film bereits 2008, fertiggestellt werden konnte er jedoch erst 2012 – die Proteste machten die Dreharbeiten für eine Weile unmöglich. Es ist demnach nur konsequent, dass die politischen Wirren sich narrativ einschreiben, ohne jemals zum eigentlichen Zentrum des Films zu werden.

Coming Forth by Day 04

Lotfys Version eines Slow Cinema ist in all ihrer Konzentriertheit geradezu prädestiniert, um ein familiäres Drama zu entfalten, doch sobald der Film den privaten Kosmos verlässt, wird die Langsamkeit zusehends zum ästhetischen Selbstläufer. Coming Forth By Day will nun spürbar zu einer politischen Aussage kommen und tauscht seine offenen Beobachtungen gegen didaktisch anmutende Szenen: etwa den Auftritt einer Frau, die während einer flüchtigen Begegnung mit Soad partout nicht verstehen will, dass diese weder einen Ehemann noch ein Kopftuch mit sich führt. Es entfaltet sich ein nicht gerade subtiler Dialog, eher eine Lehrstunde über den (auf diese Art Weise etwas diffus bleibenden) Konflikt zwischen Tradition und Moderne. Lotfy will auch zeigen, wie sehr Soad selbst in solche Konflikte verheddert ist, doch anstatt weiterhin auf Long Takes zu vertrauen, beginnt sie etwas schulmeisterlich zu montieren: Dem Gespräch im Bus folgt ein Moschee-Besuch Soads.

Coming Forth by Day 11

Es liegt eine gewisse Erklärungswut in solchen Szenenabfolgen, plötzlich wird ein Montageprinzip zurate gezogen, das die beibehaltene Langsamkeit in vielerlei Hinsicht entmachtet, ja untergräbt. Vielleicht sind diese offensiv politischen Szenen auch ein Zugeständnis an die Fördertöpfe (der beteiligte Arab Fund for Arts and Culture macht solche momentan quasi zur Auflage, und der Arabische Frühling lässt sich als Thema zur Zeit international fraglos gut platzieren), doch gerade vor dem Hintergrund der starken ersten Filmhälfte verursachen sie eine gewisse Enttäuschung, oder zumindest den etwas faden Beigeschmack von, nun ja, politischem Festivalkino.

Coming Forth by Day 14

Das bedeutet aber nicht, dass Lotfys Film nicht auch weiterhin über viele sehr starke, auch originäre Momente verfügte. Einige Kamerafahrten visualisieren solche Lehren des Sufismus, die vom Kreislauf von Leben und Tod handeln. Und wenn Soad schließlich zu einem Spaziergang durch das nächtliche Kairo aufbricht, beginnt die Leinwand partiell regelrecht zu glühen. Der Spaziergang endet im Morgengrauen, ausgerechnet an einer antiken Grabstätte Kairos, die vom steigenden Grundwasser der Stadt weitgehend überflutet ist. Das darf man freilich auch politisch lesen.

Trailer zu „Coming Forth by Day“


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