Comeback

Mit wachem Blick für Details dokumentiert Maximilian Plettau in seinem preisgekrönten Erstling Comeback eine Geschichte von kleinen und großen Siegen, von Enttäuschungen und dem Willen niemals aufzugeben.

Comeback

Eine lange Treppe vor einem altehrwürdigen Museumsgebäude in Philadelphia. Ein Mann in Trainingshose und Kapuzenpullover kämpft sich die Stufen hinauf. Wir befinden uns auf den sogenannten Rocky Steps vor dem Philadelphia Museum of Art. Doch es ist nicht Rocky Balboa alias Sylvester Stallone, der wie in John G. Avildsens Überraschungserfolg Rocky (1976) triumphierend über die Stadt blickt.

Jürgen „the Rock“ Hartenstein aus München, ein Boxer der seine besten Zeiten lange hinter sich hat, erklimmt da die Stufen, und der Kontrast zum mächtigen Hollywoodvorbild könnte größer nicht sein. Da ist einerseits „the Rock“; ein Mann, der 1998, zehn Jahre nachdem er deutscher Juniorenmeister geworden war, den nationalen Titel im Supermittelgewicht in der Tasche hatte und einer aussichtsreichen Karriere entgegenblickte. Als er jedoch plötzlich jeden Kampf verlor, verließ ihn zuerst sein Management und schließlich auch sein Glück. Auf der anderen Seite ist dieser Mann einfach nur Jürgen Hartenstein, der die Natur liebt, sich rührend um seine Oma kümmert und am großen Traum vom sportlichen Comeback festhält.

Comeback

Maximilian Plettau, Regisseur, Drehbuchautor und Kameramann in Personalunion, begleitete Jürgen Hartenstein zwei Jahre lang, um dessen Leben zu dokumentieren. Seine Arbeit überzeugte die Jury des Deutschen Kamerapreises 2008 im Bereich Dokumentarfilm/Feature. Die Auszeichnung verwundert wenig, ob der feinfühligen, oftmals überraschenden, aber dennoch stets stringenten Kameraarbeit, die es vermag, aus den widrigsten Drehbedingungen atmosphärische Momentaufnahmen zu gewinnen.

Schon zu Beginn von Comeback kann der Betrachter ganz in das Geschehen eintauchen. Wie ein Getriebener, gefangen im selbstgewählten Gefängnis eines Münchener Dachbodens, kasteit sich Hartenstein am Sandsack. Der zunächst nur auditive Eindruck aus schweren Atemzügen wird im doppelten Sinne durch das fahle Licht des Raumes erhellt, in dem man Hartenstein schwitzend auf und ab laufen sieht. Die Kamera verfolgt ihn wie ein Schatten und zwingt den Zuschauer die Energie dieses Moments nachzufühlen, bis sie sich urplötzlich mit kräftigen Schlägen in den Sandsack entlädt. Plettau gelingt es eine beobachtende Distanz bei gleichzeitiger Nähe zu schaffen.

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Das hier evozierte Bild vom asketisch lebenden, nicht mehr angesagten Boxer wird komplettiert, als die Kamera wie beiläufig Hartensteins E-Mail an einen amerikanischen Promoter festhält: „German Ex-Champ (...) 35 years old, two years no boxing, no manager“.

Doch wie vieles in Comeback wird auch dieses Bild gebrochen. Wenn Hartenstein seine Oma in der Pfälzischen Provinz besucht, oder Yogakurse belegt, vermögen solche Bilder in ihrer Ruhe mindestens so einnehmend auf den Zuschauer zu wirken, wie die Protagonisten zitierter Hollywoodfilme. Zwar streift der Film nie die Grenze des Sentimentalen, einer gewissen melancholischen Grundstimmung kann er sich aber dennoch nicht verwehren.

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Gänzlich ohne Kommentare lässt sich Plettau von seinem Protagonisten leiten. Der Verlauf von Hartensteins Geschichte erscheint dabei oft so eindeutig und logisch, dass sich der Zuschauer in den typischen Boxer-Genrefilm versetzt sieht. Die Peripetie eines aristotelischen Dramenaufbaus des klassischen Hollywoodkinos ist spätestens erreicht, als endlich die Zusage zum großen Kampf in Übersee sicher ist. Amerika stellt sich als das Zentrum aller boxerischen Sehnsüchte dar.

Das auch hier anklingende Spiel Plettaus mit Klischees schießt zuweilen über das Ziel hinaus. Nicht nur die ikonographische Verwendung der Philadelphia Steps, sondern auch die sich ihrem Besucher durch das Fenster eines Taxis offenbarenden Skyline New Yorks, wirkt recht uninspiriert.

Comeback

Dennoch vermittelt die Kälte, welche Plettaus Bildern hier gleichzeitig innewohnt – etwa als Hartenstein kurz vor seinem Kampf einsam in der rechten unteren Ecke des Bildes sitzt –, wie fremd diese Welt seinem Protagonisten geworden ist.

Der lange Weg, den Maximilian Plettau mit Jürgen Hartenstein ging, ist auch ein Weg, den der Zuschauer unweigerlich bis zum finalen Kampf mitbeschreitet. Mit Beginn des Kampfes ist gleichzeitig das Ende der gemeinsamen Reise erreicht. Wie durch ein Fenster zu einer anderen Welt kann der Zuschauer nur noch beobachten, wie sich die Geschichte eines Außenseiters, der sich nicht unterkriegen lässt, entfalten wird. Hier ist Hartenstein ganz „the Rock“. Nicht zuletzt dank Plettau behalten wir am Ende jedoch vor allem Jürgen Hartenstein in Erinnerung.

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