Folge meiner Stimme

Kraft unserer Worte: Der türkische Regisseur Hüseyin Karabey huldigt dem Erzählen.

Folge meiner Stimme 07

Der Wind pfeift, der Nebel zieht über die Berge, die grauen Totalen lassen eine unwirtliche Landschaft erahnen. Dann öffnet sich eine Tür und der Spuk ist zerstoben, Film und Zuschauer dem sich anbahnenden Unheil fürs Erste entronnen. In der warmen Stube haben sich Menschen um kurdische Barden geschart und lauschen der Geschichte, die sich als die des Films herausstellen wird. Diese beginnt wiederum mit einer Großmutter, Berfe (Feride Gezer), die ihrer Enkelin Jiyan (Melek Ülger) eine Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte eines Fuchses, dem eine Frau den „wundervollen“ Schwanz abschneidet, weil er ihre Vorräte geplündert hat. Während die Großmutter als gute Geschichtenerzählerin ihre Stimme moduliert und das Geschehen bestimmt auf die Katastrophe zutreiben lässt, bahnt sich auch in der Realität zeitgleich eine minutiös geplante Katastrophe an. Die unschuldige Gute-Nacht-Geschichte holt die Wirklichkeit ein – oder andersrum – und der Unrechtsstaat bricht über das Dorf herein: Türkische Soldaten stürmen die Behausungen und nehmen die Männer schließlich in Gewahrsam, als ihnen ein vermummter Denunziant zuflüstert, diese hätten Waffen. Weg ist der Schwanz des Fuchses, weg ist Temo (Tuncay Akdemir), Jiyans Vater.

Erzählen als Ort

Folge meiner Stimme 09

Ganz wie die drei Barden im Film, die durch die Lande ziehen, von Ortschaft zu Ortschaft, ist Folge meiner Stimme einer starren Verortung enthoben. Der Film findet sein Zentrum jenseits von Raum und Zeit, in einem Sprechen, das die Wirklichkeit immer wieder unterhebt und gleichzeitig wie durch den angesammelten Erfahrungsschatz vorwegzunehmen scheint. Das Erzählen stellt sich auf mehreren Ebenen als der eigentliche Ort des Films heraus. Zunächst mangels einer anderen Beheimatung, denn Berfe, Jiyan und den anderen wird auf vielfältige Weise die eigene Heimat streitig gemacht: Nichts schützt sie vor dem Eingriff der türkischen Truppen. Der Film schlägt sich auf die Seite der Unterdrückten, lässt die Gewalt über sich ergehen. Präzise zeichnet Hüseyin Karabey auf, wie die Soldaten hereinplatzen, auf der Suche nach Waffen in fremdem Besitz wühlen, die Anweisung geben, dieses „Scheiß-Kurdisch“ nicht zu sprechen. Der rohen Hektik der Uniformierten steht die Ruhe der Bewohner gegenüber. Man ahnt: Es ist nicht das erste Mal.

Folge meiner Stimme 08

Ganz im Sinne der örtlichen Entbundenheit entwickelt sich Folge meiner Stimme allmählich zum Roadmovie. Am Anfang von Berfes und Jiyans märchenhafter Reise steht der absurde Deal der Gegenseite: Temo, den das türkische Militär fälschlicherweise für einen bewaffneten Dissidenten hält, wird aus der Haft entlassen, wenn Berfe seine Waffen abgibt. Die aber hat es nie gegeben. So schickt der Film seine beiden Heldinnen auf der langwierigen Suche nach irgendeiner Waffe, und auch darin liegt etwas Erzählerisches, sind Berfe und Jiyan doch dazu aufgefordert, ihre eigene Schuld auf Biegen und Brechen zu ersinnen. Die Bedeutung der Waffe ist dabei verfremdet, das mit Mühe schließlich aufgetriebene Gewehr alles andere als eine Tschechow’sche Pistole: Die Bestrebungen der beiden Frauen richten sich nicht auf das todbringende Werkzeug, mit dem etwa Rache hätte vollzogen werden können, sondern auf einen für sie sinnlosen und unbekannten Gegenstand, der allein dadurch Bedeutung erlangt, dass er den Frieden ins Haus zurückzubringen vermag. Bis zum Ende bleibt die Waffen in den Händen von Berfe und Jiyan ein komisches, unbrauchbares Ding. Es wirkt so, als läge man der Unschuld den Krieg in die Hände: Ratlos und erschrocken fragt sie sich, was man damit machen kann.

Erzählen als Widerstand

Folge meiner Stimme 10

Folge meiner Stimme, der in der Kindern und Jugendlichen gewidmeten Generation-Sektion der Berlinale lief, holt die Erzählung aus dem Kinderzimmer heraus. Der Film rehabilitiert das Erzählen für Erwachsene und die Gemeinschaften, zu denen sie sich zusammenschließen, als ein Ort des Widerstandes und der kollektiven Erinnerung. Hier, im Erzählen, kann sich die gegängelte Kultur behaupten und entfalten, über die reisenden Geschichtenerzähler wird sie in alle Winde zerstoben, um woanders wieder zusammengetragen zu werden und zu einem gewaltigen Korpus zu wachsen. Die mündliche Überlieferung geht hier weit über die kindliche Funktion hinaus, sich die Welt so zu machen, wie sie einem gefällt. Der anfängliche Hinweis auf die Unterdrückung der Sprache macht deutlich, dass mit dem Erzählen ein bedrohtes Gut geschützt wird.

Die Fantasie ist mit uns

Folge meiner Stimme 06

Irgendwann stellt sich heraus, dass die Geschichtenerzähler selbst Teil der Geschichte sind, die sie erzählen. Mit ihnen bricht das Fantastische in die mühsame Odyssee von Berfe und Jiyan herein und so etwas wie die trostbringende Gewissheit, dass die Fantasie auf der Seite derer ist, denen man Steine in den Weg legt. Wenn die kleine Jiyan voll Hoffnung ihrer Großmutter die bei ihren Freunden aufgetriebenen Spielzeugpistolen präsentiert, wirkt nicht sie der Wirklichkeit entrückt, sondern die Forderung des Militärs. Am Ende wird dem Fuchs ein Perlenschwanz angenäht; auf dem verwundeten Gesicht von Jiyans Vater aber prangt ein Unrecht, das den Weg von der Erzählung des Films in den politischen Diskurs finden sollte.

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