Comandante

Oliver Stone besucht Fidel Castro auf Kuba und in einem dreitägigen Interview-Marathon reden sie über Gott und die Welt. Auch wenn in dem Gespräch nicht viel Sensationelles zu erfahren ist, eines ist sicher: Oliver Stone hat in Castro einen Kumpel gefunden. Die Chemie zwischen altgedientem Politiker und altgedientem Regisseur scheint für beide aufzugehen.

Comandante

Oliver Stone, der sich in seinen Filmen mit Vorliebe den Mythen amerikanischer Geschichte widmet und das politische Selbstverständnis der amerikanischen Gesellschaft hinterfragt, hat in Comandante drei Tage Zeit, um sich mit seiner Sympathie zu und dem Mythos um Fidel Castro auseinander zu setzen. Comandante entstand aus insgesamt 30 Stunden Videomaterial, gekürzt auf knapp 100 Minuten und angereichert mit historischem Bildmaterial. Ergebnis ist ein intimes Zusammentreffen des Lieblingsfeindes der USA mit dem schlechten Gewissen Hollywoods, als das Oliver Stone hier erscheint. Seine Fragen sind eine Mischung aus Politik, Privatem und Philosophie. Die Antworten sind höflich, klug und notfalls humorvoll selbstkritisch. Große Enthüllungen gibt es aber nicht. Der alte Mann hat gelernt, auch mit unverschämter Interviewführung umzugehen. Ganz ohne Vorwissen, ohne je etwas von Castro gehört zu haben, würde man zum Sympathisanten werden, alleine wegen dieses Frage– und Antwortspiels. Eine Grundsympathie muss schon von Anfang an bei Stone vorhanden gewesen sein. Er reizt sein Gegenüber zwar mit einem Bombardement von Fragen unterschiedlichster Couleur, wechselt rasant vom Kumpelhaften ins Politische, doch gibt sich Oliver Stone immer mit der Antwort zufrieden, die er bekommt. Er hakt nicht nach und kommentiert im seltensten Fall.

Comandante

Das Gespräch wird im Büro Castros geführt, während Autofahrten, beim Bad in der Menge und beim Essen. Immer wirkt es, als ob zwei gestandene Männer zusammengetroffen sind, um ihr Leben Revue passieren zu lassen. Sie unterhalten sich übers Rasieren, über Hemingway oder über Castros Rezeption von Titanic oder Gladiator (die er leider nur auf Video gesehen hat). Man erfährt etwas über die Beziehung Castros zu Che Guevara oder sein Verhältnis zu Nixon und Chruschtschow. Und auf einmal wähnt man sich wieder in Oliver Stones JFK, wenn Castro darüber fachsimpelt, dass das Attentat auf Kennedy unwahrscheinlich von einem Schützen alleine verübt worden sein kann und eine Verschwörung wahrscheinlich ist. Zwischen Anekdoten und allgemeinen philosophischen Fragen über die Welt, den Glauben und die Zukunft bricht auch immer wieder im Schnelldurchlauf die Geschichte Kubas und seine Rolle in der Weltgeschichte durch: Die bewaffnete Revolution und die Ermordung Che Guevaras. Das wirtschaftliche Verhältnis zur USA, das politische zur UdSSR, das Debakel in der Schweinebucht und die Kuba-Krise, die 1962 die Welt an den Rand eines Nuklear-Krieges gebracht hatte und über die Castro erzählt, dass er damals einfach noch nicht in der Lage war, zu begreifen, dass die USA verrückt genug sein könnten, einen Atomkrieg wegen eines kleinen Inselstaates heraufzubeschwören.

Comandante

Stilistisch ist der Film ein schneller Sturm an Bildern. Das ist man von Oliver Stone gewöhnt, der gerne Archivmaterial zerlegt und Dokumentarisches fiktionalisiert statt zu analysieren. Der digitale Bildersturm dient aber nur dem ästhetischen Selbstzweck. Die Kameraführung ist meist absichtlich verwackelt, das Interview aus unterschiedlichen Perspektiven rasant montiert. Schnelle Schnitte hindern das Auge am Verweilen, das Gesagte tritt hinter die Bilder zurück. Die Verwendung historischen Bildmaterials dient ausschließlich der Illustration. Spricht Castro von der Atombombe, ist im Bild ein Atompilz zu sehen. Hinzu kommt dramatisierende Musikuntermalung und kein Kuba-Klischee wird ausgelassen. Daraus ergibt sich eine Collage, die weniger in die Tiefe der Bilder und des Themas einsteigt, sondern mit schnelllebigen Reizen auf Fernsehästhetik ausgelegt ist.

Comandante ist mehr Legendenbildung als politische Reflexion und will, wie Oliver Stone selbst versicherte, nicht mehr als ein intimes Porträt einer historischen Legende sein. Der US-Sender HBO, der Stone mit diesem Projekt beauftragte, lehnte es ab, den Film zu senden. Begründung: mangelnde Distanz. Die Chemie stimmt zwischen Castro und Stone, irgendwann landen sie sogar beim Alt-Herren Viagra-Witz und man fragt sich, warum die beiden nicht einfach beim Golfspielen gefilmt wurden. Doch spätestens wenn Stone anfängt zu referieren über die Repräsentationen der USA in aktuellen Hollywoodfilmen als starke Macht im Kampf gegen den Terror, beschleicht einen das Gefühl, dieses Porträt sei das Produkt eines Schuldgefühls nach dem 11. September, einer Schuld Amerikas am Elend der Welt, dem der Vietnam-Veteran Stone oftmals öffentlichen Ausdruck gab. Insofern ist der Film nicht nur ein Porträt Castros, sondern auch ein persönliches Statement Stones über die Beziehung der USA zu Kuba.

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