Coma

Drei Frauen in Damaskus: In ihrem Dokumentarfilm findet die syrische Regisseurin Sara Fattahi Bilder für den inneren Belagerungszustand.

Coma 01

Beängstigte Stimmen, deren Sprecher wir nicht sehen, reißen eine wirre Geschichte an: Ein Mann wird verfolgt, eine Frau bangt um ihn, große Spannung und große Gefühle. Zu sehen sind dabei unbewegte Bilder einer menschenleeren Wohnung. Für einen Augenblick schwappt die Aufregung in die Wohnung über, willig nimmt sie sich der mit dramatischer Musik reichlich untermalten Geschichte an, als spielte sich diese tatsächlich hier ab, als wäre die Wohnung eine Kulisse, in die man jede Geschichte hineingießen könnte. Doch die ersten Aufnahmen trügen. Was wir hören, wird nicht von den Bewohnern der Wohnung gesprochen, sondern entspringt einem Fernseher, der in einem anderen Zimmer läuft. Die Verfolgungsgeschichte ist Fiktion. Das schnelle, vom Schicksal ach so herausgeforderte Soap-Opera-Leben – vorgegaukelt. Welches Leben in diesen vier Wänden tatsächlich gedeiht oder besser: verdirbt, ist das Thema dieses Dokumentarfilms. Ein Thema, das langsam, mit äußerster Behutsamkeit entfaltet wird, das nicht nur talking heads meidet, sondern heads ganz grundsätzlich, als gälte es, zu entfremden, unkenntlich zu machen, um zum richtigen Gefühl zu kommen.

Kriegsfilm hinter verschlossenen Türen

Coma 02

Coma ist die Geschichte dreier syrischer Frauen, deren Leben durch den Krieg brachliegt. Die jüngste, die Regisseurin Sara Fattahi, filmt die beiden anderen, ohne sich zu zeigen. Drei Generationen – Großmutter, Tochter und Enkelin – im titelgebenden Koma. Nicht das Koma, das wir kennen, das Koma von außen, das immer wieder Einzug ins Kino gefunden hat: Wächsern liegt da der Versehrte in einem durch nichts zu unterbrechenden Schlaf, während sich um das Krankenbett die bangenden Angehörigen scharen und dieser mysteriöse Weder-noch-Zustand zwischen Leben und Tod Fragen nach der menschlichen Existenz aufwirft. Es ist ein anderes Koma, das Sara Fattahi hier mit großer Präzision aufzeichnet. An allerlei scheußliche Bilder hat uns die Medienberichterstattung über den Krieg in Syrien gewöhnt, an staubverdeckte Leichen, von Bombardements ausgehöhlte Gebäude, in Schutt und Asche gelegte Viertel. Der Blick folgt dem Krieg, der Gewalt, dem Wahn, wie sie sich Bahn brechen und immer mehr Raum in Besitz nehmen. Sara Fattahi gibt den Gegenblick. Sie zeigt das Koma von innen: wie sich der Lebensraum des Menschen einengt, wie eine ehemals reichhaltige Existenz auf wenige Quadratmeter niedergeprügelt wird, ihre Grenzen in den eigenen vier Wänden findet. Der Krieg ist außerhalb des Blickfeldes, denn er schließt den Käfig ab, in dem der Film sitzt.

Ausfälle, Anfälle

Coma 03

Kein Drinnen ohne ein Draußen; aber das Draußen, wonach sich die Bewohnerinnen sehnen, ist längst dem Greifbaren entschwunden. Die Kamera verweigert den befreienden Schwenk auf die Straße, in die Stadt; sie existiert nur in der Sehnsucht der drei Frauen nach dem, was vormals ihr Leben war. Ein einziges Mal flackert die Aufnahme einer vollen Autobahn auf, doch ehe der Blick auf dem Bild ruhen kann, sind wir wieder mit den Eingekerkerten; das Draußen als eskapistische Vision oder überwältigender Flashback. Immer wieder wird Coma heimgesucht von hereinplatzenden Elementen. Der Schnitt ist äußerst seltsam, geradezu brutal; sämtliche Übergänge muten wie technische Defekte an. Der Soundtrack tut es der Kamera gleich, setzt plötzlich aus und erschreckt dann, wenn er wieder ansetzt. Weit entfernt von einer geradlinigen, zurückhaltenden Beobachtung, die andächtig macht, gibt sich Coma extrem unruhig, schmeißt die Aufnahmen so zusammen, dass Ungleiches sich überlagert oder dürftig ineinanderfließt. Aber der Film sucht diese Dürftigkeit, diese Brüche, als brauchte es Klumpen im Strom des Films, um ihn klarer zu machen. Es ist ein Film der Ausfälle und der Anfälle.

Nun wäre es ein Leichtes, Form und Inhalt in trauter Eintracht zu wähnen. Tatsächlich aber geht es in Coma weniger um das Kriegschaos als um das zermürbende Nichtstun inmitten dieses Chaos. Denn auch im Kriegskoma erschlaffen Körper und Geist. Warum sich alle Tage gleich anfühlen, fragt Saras Mutter, und in der Tat: Man bekommt kein Gefühl dafür, über welchen Zeitraum der Film entstanden ist. Coma ist ein großer, unendlich langer Tag, so wie das Koma eine einzige, lange Nacht ist. Die Frauen schmoren in ihrem eigenen Saft, verbringen ihre Zeit damit, die Zeit zu verwalten, in sinnvolle Einheiten zu brechen, die dem Leben den Anschein einer Struktur verleihen: Beten, Kaffee, Kochen und immer wieder die Fernsehserien, dieses Ersatzleben, das wir auf den Gesichtern der Zuschauenden lesen, denn nie werden die Bilder eingeblendet. Die einzigen Tränen, die in Coma fließen, werden vom Selbstmord der Serienfigur ausgelöst; das Wort Krieg spricht nur der gelegentliche Fernsehbericht aus. Coma sagt nicht: Schaut her, Krieg! Der Film sagt: Hier leben Menschen.

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