Collateral

Als das Opfer eines Killers aus dem Fenster und auf ein Taxi fällt, muss dieser improvisieren. Von diesem Moment an wird seine nächtliche Tour mit dem Fahrer des Wagens zur Odyssee zweier Männer am Scheideweg. Leider gelingt es Michael Mann trotz seiner elaborierten Filmsprache nicht, aus dem Script mehr als einen konventionellen Genrethriller zu formen.

Collateral

Seit Ewigkeiten träumt Max (Jamie Foxx) davon, seinen eigenen Eskortservice zu eröffnen, doch mittlerweile arbeitet er bereits seit einem Dutzend Jahren als Taxifahrer. Aus Problemen hält er sich heraus, blickt einfach auf eine pittoreske Urlaubskarte. Dieser Mann wagt es noch nicht einmal, eine Dame, die eine Fahrt lang mit ihm geflirtet hat, um ihre Nummer zu bitten. Das übernimmt die Anwältin Annie (Jada Pinkett Smith) schließlich selbst und sogar jetzt bittet er nicht um ein Date. Schon mit ihrer Visitenkarte überglücklich, übersieht Max den nächsten Kunden. Als dieser dennoch in den Wagen steigt, nimmt seine Welt völlig neue Konturen an. Am Ende der Fahrt und damit am Ende der Nacht schlägt seine Passivität in Aktivität um, Feigheit in Mut. Er stellt sich Gangstern, Polizisten und einer inkarnierten Tötungsmaschine, bereit, sein eigenes und das Leben anderer zu riskieren, um Annies zu retten. Kurz vor Morgengrauen hält Max eine Waffe in der Hand und zögert nicht, sie zu gebrauchen. Man hätte ihn besser nicht aus dem Mutterschlund seines Fahrzeugs holen sollen…

Collateral erzählt die Neugeburt des Taxifahrers. Sein Lehrmeister ist niemand anderes als der letzte Fahrgast dieses Tages, ein Berufskiller namens Vincent (Tom Cruise). Der hat keine Träume, sein einziger Antrieb ist die Ökonomie. Ich bin, also arbeite ich um zu existieren. Nur, dass seine Existenz auf der Zerstörung anderer beruht. Vincent ist ein Anti-Sinnstifter und Max der romantische Sinnsuchende. Nichts verbindet die beiden. Vincent besitzt von vornherein keine Perspektive und Max ist so reinen Gewissens, wie er träge ist. Da der Regisseur Michael Mann eindeutig auf der Sinn konstituierenden Seite steht, kann das unausweichliche Duell Schüler versus Lehrer keine Überraschung bieten.

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Er spielt Schach mit seinen Figuren, deren Brett die Koordinaten von Los Angeles sind. Immer wieder wirft Mann aus dem Hubschrauber einen Blick auf dieses Feld. Diesen Aufnahmen steht ein beinahe klaustrophobisches Szenario enger Bildausschnitte gegenüber. Digitale Kameras verfolgen die Protagonisten Schritt für Schritt aus nächster Nähe in der dunklen Westküstennacht. So erlangen Manns sonst so stilisierte Einstellungsanordnungen über weite Strecken eine unmittelbare aber auch unvermittelte Ästhetik. Dennoch besticht seine Inszenierung von zumeist engen Räumen, etwa im Inneren des Taxis, dem Haupthandlungsort von Collateral.

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Die Szene im Jazzclub markiert einen der Höhepunkte des Films. In musikalischen rhythmisierten Bildern von phänomenaler Intensität entwickelt sich das Gespräch zwischen Vincent und dem Jazztrompeter Daniel (Barry Shabaka Hanley) zu einem existentialistischen Höllentrip. In Daniels Blick spiegelt sich exemplarisch das Grauen dieser Nacht. In einer weiteren atemberaubenden Sequenz, dem Finale Furioso, kann Tom Cruise seine Stärken ausspielen: Die physische Präsenz prädestiniert ihn für spannungs- und actiongeladene Verfolgungsjagden. In den besten Epen seines Regisseurs war es überragenden Mimen wie Al Pacino, Robert DeNiro oder Russel Crowe allerdings darüber hinaus gelungen, menschliche Dramen in existentielle und mythische Sphären zu überhöhen. Cruises Rollenwahl eines nihilistischen Liquidators gilt zwar als mittlere Sensation, nur kann er in der langen Reihe Mannscher Schlüsselfiguren und -akteuren ebenso wenig wie Jamie Foxx bestehen. Auch das bestenfalls routinierte Drehbuch des zweitrangigen Autors Stuart Beattie mit den genreüblichen Ungereimtheiten und uneffektiven Dialogen hindert Mann, in Collateral eine Metaebene zu erreichen.

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Des Weiteren lässt der Film Stringenz und Kohärenz vermissen, wozu James Newton Howards Score, der von Pop über Rock bis hin zu Jazz, Klassik und der in Michael Mann Produktionen obligatorischen Industrial-Musik alle nur denkbaren musikalischen Stilrichtungen vereint, seinen Teil beiträgt. Gemeinsam mit der hölzernen Figurenzeichnung, den hülsenhaften Dialogen und dem biederen Plot hinterlässt Collateral somit den Eindruck eines Patchworks. Die fehlende Atmosphäre resultiert neben dem Soundtrack aus der Figurenkonstellation. In Manns Meisterwerk Heat (1995) liefern sich zwei Profis auf den verschiedenen Seiten des Gesetzes ein tödliches Duell und repräsentieren gleichzeitig zwei Seiten einer Medaille. Im Gegensatz dazu ist das Duell der beiden Kontrahenten in Manns neuestem Werk ungleich. Während der Gangster Neil McCauly in Heat noch über eine Perspektive verfügt, steuert Vincent in Collateral emotionslos seinem Untergang entgegen. Dies hätte durchaus wie Jean Pierre Melvilles Le Samourai (Der eiskalte Engel, 1967) funktionieren können, doch im Gegensatz zu dem französischen Genreklassiker liegt bei dem aktuellen amerikanischen Thriller der Fokus auf der Initiation des Taxifahrers.

Heat ist ein Remake des TV-Films Showdown in L.A. (1988), nur mit einem vielfachen an Budget, besseren Schauspielern und in doppelter Länge. Insofern kann man, mit dem sehnsüchtigen Blick eines Max oder Neil, auch von einer späteren komplexeren Fassung Collaterals träumen.

 

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Kommentare


crow0

Ein ausgezeichneter Film, welchen man doch zumindest einmal gesehen haben sollte; allerdings reißt der Film bedeutenste Fragen auf, die er traurigerweise auf eine etwas stümperhafte und nicht ausreichende Weise zu beantworten sucht - aber vielleicht gerade deshalb auch zum Nachdenken verleiten kann.


Nihiler

Gute Darsteller, gute Handlung, gute Atmosphäre. Alles passt, sogar Tom Cruise, der hier mal nicht sich selbst spielt, sondern seine Rolle.






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