Cold in July

Ein Glas Milch in der Mikrowelle oder: Die Initiation des amerikanischen Mannes. Jim Mickle und die Poetik der Gewalt.

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Zu Zeiten, in denen Errol Morris‘ One-on-One mit Donald Rumsfeld, The Unknown Known, in auswählenden Kinos zu sehen ist, darf auch an den von Rumsfeld geprägten Begriff des Alten Europa erinnert werden. Er meint ein linkes, tendenziell pazifistisches Europa, das den Gegensatz zum Welt-Sheriff USA bildet. Ein Europa, das – biblisch gesprochen – eher auch die andere Wange hinhalten würde als selbst zuzuschlagen. Ein Europa, das den verlorenen oder missgeleiteten Sohn der Gnade des Vaters – Gottes – überlassen würde. Jim Mickles Cold in July versteht sich als amerikanische Variante dieser Frage. Und die Antwort fällt eindeutig aus: Der fehlgeleitete Sohn muss vom – irdischen – Vater gerichtet werden. Es gibt Dinge, die muss man selbst erledigen.

Die Initiation des amerikanischen Mannes

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Richard Dane (Michael C. Hall) blickt zunächst verängstigten Auges auf diese Grausamkeiten der Americana. Er ist der erwachsen gewordene Joey Starrett aus Shane (1953). In den vergangenen Jahren gab es immer wieder europäische Regisseure, die sich auf beeindruckende Art und Weise an Variationen des Klassikers gewagt haben, wie etwa Anton Corbijn mit The American oder Nicolas Winding Refn mit Drive. Die Verbindungen zwischen Drive und Cold in July sind auch auf anderer Ebene evident, arbeiten sich doch beide Filme an einer audiovisuellen Ästhetik der 1980er Jahre ab. Mickle lässt es sich beispielsweise nicht nehmen, Sonny Crockett im roten Sportwagen durch die Landschaft fahren zu lassen. Doch Cold in July, eine Romanverfilmung, ist, der Vorlage getreu, tatsächlich im Texas des Jahres 1989 angesiedelt. Und Mickle nimmt seine amerikanische Mythologie sehr genau: Cold in July erzählt von der Initiation des amerikanischen Mannes.

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Die Angst des Eigentümers beim Einbruch. Andreas Dresens Willenbrock verfügt über eine der eindringlichsten Bebilderungen dieses Schreckenszenarios. Mickle verknüpft Dresens Realismus mühelos mit einer schier endlosen Suspense-Sequenz, die alle Genreregister zieht und nahtlos übergeht in das nächste ultraspannende Bedrohungsszenario: Kaum hat Richard Dane die erste tödliche Konfrontation überstanden, wird sein Haus bereits zur Zielscheibe eines erneuten Angreifers. Der Regisseur gestaltet diese Exposition als nervenaufreibenden Dauerthrill, der sich seiner unzähligen Vorbilder von frühen Noirs über deren Nachfolger sowie kanonisierter Meister à la Hitchcock bis hin zu Carpenter bewusst ist. Doch anders als etwa bei Quentin Tarantino überlagern die Vorbilder und Verweisstrukturen niemals den Plot. Die Zitate fallen nie zu direkt aus, die einzelnen Sequenzen sprengen nie das Ganze. Vor allem aber konzentriert sich Mickle ganz auf die amerikanischen Erzählungen und zeigt sich im Gegensatz zu Tarantino unbeeindruckt von Eastern oder Italowestern.

Poetik der Gewalt

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An der Oberfläche exponiert Mickle ständig die Differenz zwischen den 1980er Jahren und dem Heute. Wo in Drive das Jetzt und die Ästhetik der vergangenen Dekade fast sagenhaft zusammenfallen, erinnert Cold in July zunächst an das kapriziöse Design und Make-Up in American Hustle. Die Mikrowelle darf nicht fehlen – doch entpuppt sie sich auf den ersten Blick als mehr denn bloßes Requisit. Wenn Dane ein Glas Milch in die Mikrowelle stellt, kann das im Kosmos des Films nichts Gutes bedeuten. Aber der Film heizt immer weiter ein, weit über diesen kleinen Moment hinaus, bis wieder eine Mikrowelle auftaucht und es zur lange erwarteten Explosion kommt.

Wenn das geschieht, sind sich die 1980er Jahre, Rumsfeld und das Heute plötzlich ganz nahe. Cold in July ist überzeitlich. Er speist sich aus der amerikanischen Mythologie, Geschichte und Filmographie. Er ist ein amerikanisches Gedicht.

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