Cold Fish

Hier gibt es keine Erlösung: Sion Sonos Cold Fish wirft seine Zuschauer in eine Welt ohne moralische Rückversicherungen.

Cold Fish 1

„Romane und Filme brauchen viel Gift.“ Schon als Sion Sono, der seit den späten 1970er Jahren als Lyriker und experimenteller Filmemacher in der japanischen Kunstszene ein Begriff ist, im Jahr 2001 seinen erklärtermaßen ersten „Entertainment-Film“ Suicide Circle (Jisatsu sâkuru) inszenierte, betrat er die Bühne des kommerziellen Weltkinos mit einem Knalleffekt. In einer überbordend-blutigen, grotesken Splattersequenz inszenierte er den Gruppensuizid einer Reihe von Schulmädchen, die Hand in Hand fröhlich vor eine U-Bahn springen – um schließlich, auf den Spuren des titelgebenden Selbstmörderclubs, ganz andere Wege zu gehen als Zeitgenossen wie Kiyoshi Kurosawa oder Shinya Tsukamoto, die anhand durchaus ähnlicher Plotkonstellationen die Grenzen des freien Willens zu vermessen suchten. Am Ende von Suicide Circle hingegen stand gerade keine groß angelegte Verschwörung, sondern das so schlichte wie in seinem lebensbejahenden Gestus verblüffende Diktum: „There is no suicide circle. Live as you please.“

Ein Jahrzehnt und gut zwei Handvoll Filme später – von denen noch immer viel zu wenige den Weg nach Deutschland gefunden haben – ist von diesem Lichtstrahl im Dunkel nicht mehr viel zu spüren. Cold Fish ist vielmehr, so Sono selbst, als ein Manifest des Hasses zu lesen: „With Love Exposure, my shell exploded and now I have no more love. That’s it. That’s the film. I have no more love nor hope nor God. It’s all over. All I have is sadness, despair, darkness and a world without any lights.“ Jedenfalls teilweise mag dieses Zitat auf die allumfassende Düsternis von Cold Fish einstimmen, in der Sono die Geschichte des verklemmten Fischhändlers Shamoto erzählt, der an den hyperjovialen Murata gerät, der sich mit allerlei Gefälligkeiten schnell in Shamotos Familie – bestehend aus der rebellischen Tochter Mitsuko und Shamotos junger zweiter Frau Taeko – hineindrängt. Shamotos unterdrückte Skepsis freilich erweist sich schnell als berechtigt, als Murata zunächst Taeko verführt und Mitsuko endgültig von ihrer Familie entfremdet und schließlich mit fröhlicher Attitüde einen überaus grausamen Mord begeht, zu dessen Komplizen wider Willen er Shamoto macht.

Cold Fish 2

Nach dieser ersten Gewalteskalation dauert es noch einmal eine schier endlose Zeit – Cold Fish ist immerhin zweieinhalb Stunden lang –, bis es zur unvermeidlichen Konfrontation von Shamoto und Murata kommt. Derart lange lässt sich Shamoto als vollständig passiver Spielball des wahnsinnigen Serienmörders mitzerren, dass der finale Ausbruch der eigenen Aggression zwangsläufig als Akt der Befreiung verstanden werden muss – dies legt jedenfalls die Struktur des Filmes nahe. Aber gerade darin verbirgt sich die gleichzeitig verführerischste und bösartigste unter den zahlreichen Fallen, die Sion Sono hier auslegt. Denn kaum dass die Passivität Shamotos aufgesprengt wurde und der eigenen Tatkraft Raum geschaffen hat, da eskaliert dessen mordlüsterne Gewalttätigkeit auch schon wieder dermaßen über ihr Ziel hinaus, dass der Zuschauer, der ihr entgegengefiebert haben mag, sich plötzlich sehr unwohl in seiner Haut fühlt.

Cold Fish 3

Darin tritt vielleicht die eigentliche Provokation des Kinos von Sion Sono offen zutage: Es gibt hier keine moralischen Rückversicherungen. In eine Welt als Mördergrube geworfen, erschrickt der Zuschauer in Sonos besten Filmen vielleicht ebenso sehr vor dem Sog, der ihn selbst in diese Welt hineinzieht, wie vor der exzessiven Brutalität und dem Nihilismus, die ihn dort erwarten. Cold Fish ist auch in dieser Hinsicht ein Extrempunkt: Der Grausamkeit und dem Wahnsinn Muratas hat er nur neuerliche Gewaltexzesse und mehr Wahnsinn entgegenzusetzen. Auch Erlösung ist für den seinerseits zum Massenmörder gewordenen Shamoto nicht mehr zu haben: Seine abschließenden Taten nehmen zwar in der Logik von Cold Fish die Funktion der Befreiung aus der immer auswegloseren Zwangslage des Antihelden an, haben aber in ihrer Durchführung so gar nichts Kathartisches mehr an sich. Auch die finale, bitterböse Pointe des Filmes macht sehr klar, dass der Rachefeldzug Shamotos nichts gelöst hat und keine Absolution mehr birgt. Das Gift, das er schließlich weitergibt, war nicht das von Murata, sondern sein eigenes, und Cold Fish ist nicht nur ein grotesk-blutiger Rachethriller, sondern die denkbar radikale künstlerische Ausformulierung der finstersten Albträume des japanischen pater familias.

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