Cold Blood - Kein Ausweg, Keine Gnade

Vor knapp fünf Jahren gewann der Österreicher Stefan Ruzowitzky mit Die Fälscher (2007) den Fremdsprachen-Oscar. Cold Blood, ein Thriller über Menschen mit Vaterproblemen, ist seine erste Hollywoodproduktion.

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Der Anfang ist ein mustergültiges Bespiel für US-Thriller-Kino, das Gesellenstück eines gelehrigen, hochbegabten Schülers. Ein Auto fährt auf einer einsamen Landstraße. Im Inneren sitzen drei Menschen, die aber erst Schnitt für Schnitt erscheinen, einer nach dem anderen. Ein Schwarzer am Steuer, ein Weißer (Eric Bana) auf dem Beifahrersitz, auf der Rückbank schließlich eine junge Frau (Olivia Wilde). Als sie ins Bild kommt, gekleidet in einem knappen glitzernden Cocktailkleid, neben sich eine Tasche voller Geld, ist mit diesen wenigen Bildern in größtmöglicher Verknappung bereits eine Geschichte erzählt, die kaum mehr ausgesprochen werden muss.

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Die drei Räuber (ein Casinoüberfall mit dem Mädchen als Ablenkung, vermutet man) sind sich sicher, es geschafft zu haben, als ihr Wagen ins Schleudern gerät. Bei dem Unfall stirbt der Fahrer. Ein Polizeiwagen hält am Straßenrand, der Polizist steigt aus, will helfen – und wird so kaltblütig erschossen, wie man es schon lange nicht mehr gesehen hat.

So vielversprechend also beginnt Stefan Ruzowitzkys Cold Blood – Kein Ausweg, keine Gnade (Deadfall). Addison, so heißt Eric Banas raubtierhafter Gangster, wird wie eine Urgewalt die Dynamik des Films beherrschen. Er kämpft sich durch die schneebedeckte Weite Michigans und tötet jeden, der ihm im Wege steht (auf diese Weise eignet er sich im Verlauf der Handlung immer mehr Kleidungsstücke, Fortbewegungsmittel, Waffen und andere Attribute seiner Gegner an, sodass er am Schluss eine fast neue Erscheinung ist).

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Addisons Bewegung ist aber nicht die einzige. Insgesamt gibt es drei Vektoren, die alle auf dasselbe Ziel stoßen: ein Haus an der kanadischen Grenze, in dem ein altes Ehepaar wohnt (Kris Kristofferson und Sissy Spacek, ein wirklich schönes Wiedersehen). Die beiden ruhen inmitten eines vom Vorwärtsdrang bestimmten Films, sind stets nur innerhalb ihres Hauses zu sehen. Das Tempo kommt von außen: Der gerade aus dem Gefängnis entlassene Sohn Jay (Charlie Hunnam) ist für einen Thanksgiving-Besuch unterwegs zu seinen Eltern, nachdem er aus Versehen seinen betrügerischen ehemaligen Boxmanager getötet hat. Er gabelt unterwegs Liza auf, die Frau aus dem Auto. Diese schlägt sich getrennt von ihrem Komplizen (und Bruder) durch. Und dann ist da noch die Polizistin Hanna (Kate Mara), deren Ermittlungen ebenfalls zu dem Ort führen, an dem zum Schluss alle Fäden zusammengeführt werden – auf leider sehr unbefriedigende Weise.

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Man muss diese einzelnen Handlungsstränge einigermaßen genau beschreiben, um deutlich zu machen, was das Drehbuch von Zach Dean, einem Debütanten, im Schilde führt. Mehrere Handlungsstränge, einschließlich einer Liebesgeschichte, und zahlreiche Figuren, die alle ihren ganz persönlichen psychologischen Knacks haben. Das wirkt wie das, was es ist: die Arbeit eines Newcomers im Drehbuchgeschäft, der zeigen will, was er drauf hat. Ruzowitzkys Inszenierung ist, wie bereits beschrieben, spannend und einfallsreich. Aber der Thriller, den er drehen will, stolpert immer wieder über die zu ambitioniert entworfene Geschichte.

Dabei ist diese Geschichte im Detail ziemlich gut: Eine Sequenz spielt mitten in der Wildnis, in der der Killer Addison die Familie eines gewalttätigen Alkoholikers schützt und, in ihrer Blockhütte, sich für kurze Zeit der Illusion eines Heims hingibt. Die kalten Farben Blau und Weiß, die bis dahin den Film beherrschten, werden in diesen Szenen durch warme Farbtöne ersetzt. Die Frauenfeindlichkeit, mit der die Kollegen der Polizistin Hanna begegnen, trägt teilweise Züge einer rücksichtslosen Milieustudie im ländlichen Amerika. Schlimmster Macho ist der Polizeichef, Hannas eigener Vater.

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Geradezu absurd wird es aber, wenn nicht nur Hanna, sondern wirklich alle Figuren Probleme mit ihrem eigenen Vater haben. Das ist die Klammer, mit der alles zusammengehalten werden soll: Cold Blood handelt, bei allem Aufwand, den er betreibt, letztlich von nichts anderem als dem, was Väter falsch machen können, von dickköpfig zelebrierter Enttäuschung über Lieblosigkeit und Misogynie bis zum Missbrauch. Der große Showdown, auf den das so kompliziert gestaltete Drehbuch hinarbeitet, findet dann am Thanksgiving-Tisch als große Gruppentherapiesitzung statt. Fast eineinhalb Stunden lang waren Bewegung und Kinetik die treibenden Kräfte des Films. Am Schluss knarzt er wie die Ledercouch im Behandlungszimmer eines Psychotherapeuten.

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Kommentare


Sebastian

Vielen Dank!






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