Coherence – Kritik

Kosmisches Chaos auf engstem Raum. James Ward Byrkits perfides Filmpuzzle lässt physikalische Dilemmata in handfeste Alltagsprobleme diffundieren.

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So recht in die Karten schauen lässt sich James Ward Byrkits Science-Fiction-Thriller Coherence (2014) in den ersten Minuten noch nicht. Erst ist ein wenig Systematisierung vonnöten, denn es überfordert zunächst der pseudohippe Haufen amerikanischer Bildungsbürger mit seinem ausgelassenen Get-Together-Geplänkel. Es geht um kohlenhydratarme Ernährung und hübsche Koriandersträußchen, um Karrierehochs und -tiefs, nicht immer belanglos, aber stets fade. Lifestyle, was sonst. Die Empathie des Zuschauers ist schnell gelenkt, denn selbstverständlich ist daraus unablässig egozentrisches Boheme-Gehabe zu filtern. Bald aber versiegt das fröhliche Geplapper, denn am gleichen Abend sorgt ein Komet, der die Erde streift, dafür, dass das gängige Raum-Zeit-Kontinuum aus seinen Ankern gerissen wird. Die Gruppe entdeckt plötzlich ein paar Straßen weiter das exakt gleiche Haus mit der exakt gleichen Abendgesellschaft und macht weitere rätselhafte Funde, die der gewohnten Weltordnung zuwiderlaufen.

Raffiniert oder routiniert?

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Dem unabhängigen Science-Fiction-Kino liegt aktuell offenkundig etwas an der Verschränkung von Universum und privatem Raum. Wie schon Mike Cahill (Another Earth, 2011; I Origins, 2014) vermengt auch Byrkit Kosmisches und Intimes. Mit seinem dokumentarischen Stil, den relativ langen Schwarzblenden und konstruierten Suspense-Steilvorlagen, die manches Mal nicht gerade im Dienste erzählerischer Kontinuität stehen, mag man Coherence durchaus als etwas manieriert empfinden. Vor Logikbrüchen ist der Film wahrlich nicht gefeit, und dass es gerade ihm stellenweise an der titelgebenden Folgerichtigkeit mangelt, ist nicht etwa ein netter ironischer Kniff.

Ob man sich von klaffenden Storylöchern den Filmgenuss verderben lässt, ist aber gerade hier davon abhängig, wie viel nerdige Cleverness man dem Film darüber hinaus zuzugestehen bereit ist. Ist das alles – man verzeihe den lästigen, aber doch ganz kommoden Begriff – bloßer Mindfuck? Eine so faszinierende Kantigkeit wie die der Sci-Fi-Fantasien Shane Carruths (Primer, 2004; Upstream Color, 2013) etwa geht Coherence vollkommen ab. Byrkit erscheint dafür, und das ist auch nicht ganz unangenehm, ungleich immuner gegen esoterische Mystifikationen als einige Genrekollegen. So sehr der Film auch physikalische Gesetzmäßigkeiten zerstochert, möchte er doch keineswegs seinen Unterhaltungswert verschustern und fädelt betulich schon einmal den nächsten und übernächsten Storytwist ein. Smartphones zerbersten, das Internet liegt lahm. Um plattgetretene Genre-Heimtücken kommt man hier nicht herum, doch ist Byrkit stets darauf bedacht, ihnen Mehrwert zu verleihen, und so lassen sich nichtsdestoweniger auch spannende Bedeutungsraster entdecken.

Quantenmechanische Misere des bourgeoisen Ich

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Die formale Logik des Kammerspiels erlaubt kaum Ausbrüche aus dem ewigen Um-sich-selbst-Kreisen der Figuren. Die wenigen Male, in denen die Kamera das Haus verlässt, sind sie und ihre Umgebung fast ausschließlich in undurchdringliches, zittriges Nichts getaucht. Es sind immerhin acht individuelle Lebensentwürfe anzutreffen, die mit dem Auftauchen alternativer Realitäten ins Trudeln geraten.

Die Erschütterung des kosmischen Gleichgewichts wird in Coherence zum Kollaps des Ich. Nicht die Vervielfachung von Raum und Zeit ist der Kern des Unbehagens. Ich sind plötzlich viele, sie sind eine Bedrohung, obwohl oder gerade weil man sich selbst nur zu genau kennt. Byrkit nötigt seine Figuren zum Überdenken ihrer Beziehungsgefüge, das Quantenchaos mit all seinen Folgen führt zu strengeren Selbst- und Fremdbildern. Bald vergiften Streit, Beschuldigungen und Angst die illustre Runde. Nachdem eingangs noch voll Selbstvertrauen auf den zur Genüge artikulierten Way of Living mit all seinen Licht- und Schattenseiten angestoßen wurde, droht dieser nun aufgrund der manifesten Spiegelungen des Selbst als heuchlerisches Konstrukt enttarnt zu werden. Der labile Mike (Nicholas Brendon) fürchtet etwa, dass das andere Ich zu Gewalttätigkeiten neigt, die man selber mit Mühe unterdrückt. Bei einem Erkundungsgang trifft ein Teil der Gruppe auf die Pendants des Paralleluniversums. Anstatt Kontakt aufzunehmen, was ja an und für sich eine vernünftige Entscheidung wäre, ergreifen sie überstürzt und panisch die Flucht, als stünden sie plötzlich blutrünstigen Bestien gegenüber.

Neue Welten, neue Chancen

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Besonders im Vordergrund steht die angekratzte Liebesbeziehung zwischen Emily (Emily Baldoni) und Kevin (Maury Sterling), doch Emily merkt, dass die Zersetzung des Weltenraums auch von Zwängen befreit. Sie wagt eine Expedition durch die Untiefen der Wirklichkeiten. Irgendwo da draußen glaubt sie, eine andere Realität mit einer intakten Beziehung zu finden, so wie auf den schönen, fast vergessenen Fotos, die die Freunde im Laufe des Abends einmal zusammensuchen. Dafür muss nur eine andere Emily verschwinden. Auf der Suche nach einem Reset des Seins spioniert sie die Alternativen aus und wagt verstohlene Fensterblicke in bessere und auch schlechtere virtuelle Lebenslagen. So macht uns Coherence die wahre Tragödie deutlich: Schlimmer noch als die Kopie des Selbst ist die Beobachtung der möglichen Zustände, die Außenansicht auf die unzähligen Potenzialitäten. Vertanes Glück? Verlogene Vergangenheit? Emily ist zu verzweifelter physischer Gewalt bereit. Nicht das irgendwie geartete andere Ich an sich löst die Panik aus, sondern dass es einem das Versagen und die Unaufrichtigkeit des eigenen bewusst macht.

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Kommentare


ule

Schon wieder "Schrödingers Katze" , gääähn. Ist das denn wirklich die oberste Qualitätsgrenze, in die sich Regisseure und ihre Teams reindenken können ? Schade, denn Coherence fand ich gerade in den ersten 10 Minuten beeindruckend. Selten so ein abgefucktes Mid -Upperclass -US Setting gesehen mit so wunderbaren wie spitzen Dialogen. Davon hätte ich gerne weitere 80 Minuten gesehen / gehört. Der Rest der Story aber mit multiplen Realitäten und parallelen Existenzen ist umgekehrt zu einfach, als das es länger fesseln könnte. Mein Kopf singalisierte mir schnell den Griff Fast Forward Taste meiner Fernbedienung. Zu einfach sind auf einmal die Rollen verteilt , zu eindimensional die Charaktere gespielt. Coeherence ist eine Billigstproduktion und nach 30 minuten merkt man das auch. Schade, entweder kann der Regisseur kein höhere Level erklimmen oder er traut es den Zuschauern nicht zu. Ich tippe auf Erstes. In welch unvergleichlich höheren Liga spielen da Upstream Color (wenn man den Film wirklich aushält) oder -mit zusätzlichen drei Ausrufezeichen versehen !!!- "Mind Game".
Coherence ist insofern ok, aber auch nur für Leute , die auch bei Interstellar ins Grübeln kommen.






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