Cocote

Filmfest Hamburg 2017: Nicht einmal die Trauer um einen geliebten Menschen versöhnt das Unversöhnliche, und die Bilder und Geräusche stehen sich ständig im Weg. Nelson de los Santos Arias hat einem Film gemacht, in dem nichts zusammengeht. Da bleibt nur Gewalt. 

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Die Sounds sind drinnen und auch draußen, sie kommen von überall. Sie haben eine ganze Menge zu tun mit dem, was auf der Leinwand geschieht, aber sie gehen nicht im visuellen Geschehen auf. Sie entspringen diesen Bildern, aber sie entsprechen ihnen nicht. Sie machen das Gesehene nicht greifbar, sondern zerschmettern es. Vor allem aber zersprengen sie die scheinbar so klar zu ziehende Grenze zwischen dem sogenannten innerdiegetischen und dem außerdiegetischem Soundtrack. Die Quellen dieser Trommeln, dieser nervtötenden Pfeifen, dieses tiefen Wummerns, sie mögen sich am jeweiligen Schauplatz, manchmal sogar im Bild befinden, denn auch da gibt es mitunter Trommeln und Menschen, die wie wild auf sie eindreschen. Aber selbst dann sind diese Sounds dem Bild eigentümlich fremd, irgendwie zu laut, zu ungehobelt, mit Sicherheit manchmal auch einfach dazuerfunden. Sie helfen uns jedenfalls nicht, machen uns nervös, sind unbequem. Cocote ist auch ein Film, der den Kinosaal mitdenkt. Die Sounds lassen uns nicht gemütlich einrichten in unserem Blick auf das Fremde, auf exotische Rituale und die Kultur der Dominikanischen Republik.

Konflikt im Herzen

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Das geht schon deshalb nicht, weil es „die Kultur“ für Nelson Carlos de los Santas Arias’ Film nicht gibt. Die Grundbewegung von Cocote ist zwar eine erstmal bekannte: Der Tod des Vaters bringt Alberto (Vicente Santos), der sich in der Metropole als Haushälter einer reichen Familie verdingt, zurück in sein Heimatdorf und zu seiner von ihm entfremdeten Familie. Aber es gibt hier keinen clash of cultures zwischen den Generationen oder zwischen Tradition und Moderne, sondern bald ein undurchsichtiges Gemenge aus religiösen Überzeugungen, sich widersprechenden Selbst- und Weltverhältnissen. Alberto ist Konvertit, hat sich irgendwann jenem evangelikalen Protestantismus angeschlossen, der seit geraumer Zeit in den USA, in Brasilien und in der Karibik enormen Zulauf erhält. Den sündigen Körper des Vaters ehren, gleich eine mehrtätige Trauerzeremonie um seine Leiche herum veranstalten, das ist Alberto so zuwider, wie es seiner Familie selbstverständlich ist. Denn die hängt dem in der Karibik prominenten synkretischen Katholizismus an, in dem sich spanische Kolonialgeschichte und tradierte Rituale der afrikanischen Diaspora niedergeschlagen haben. Und das Leichenfest ist heilig. Wenn in Cocote also archaisch anmutende Rituale und Zeremonien ins Bild gesetzt werden, dann nicht aus bloßer Schaulust am Anderen; es geht nicht um die Reibung unseres aufgeklärten Blicks mit religiösen Riten, sondern erst einmal um einen innerreligiösen Konflikt. Der schlägt sich zunächst in unterschiedlichen affektiven Praktiken nieder, und schließlich in nackter Gewalt.

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Und wenn es ans Eingemachte geht, an den Umgang mit dem eigenen Leib und den eigenen Sünden, an Status und Verortung von Gott, Seele und Teufel, dann ist da keine Versöhnung am Horizont. In Cocote ist eine grundlegende Inkommensurabilität am Werk, sperrig wie dieser Begriff selbst, und sie übersetzt sich in eine sperrige Ästhetik. Dass Cocote sich an unterschiedlichste filmische Modi wagt, gewissermaßen selbst einem ästhetischen Synkretismus huldigt, dass da die Bilder mal in Schwarz-Weiß getaucht werden, mal nur als Schattenspiele in Erscheinung treten, dass da das Bildformat gewechselt wird, Farbpaletten und Einstellungsgrößen sowieso, das mag zunächst noch wie ein wenig arg ausgestellter Kunstwille daherkommen, entspricht aber konsequent dem Sujet: Nicht einmal über grundlegende Prämissen ist man sich einig. Unterschiedlichste Versatzstücke des Denkens, des Glaubens, der Wahrnehmung wuchern wild ins Bild hinein, alles tönt und bedrängt, und nach und nach erahnen wir noch eine ganz andere Gewalt im Spiel: Albertos Vater ist nämlich nicht einfach gestorben, sondern von einem Polizisten geköpft worden, und der Racheplan des Sohnes, so warnt man ihn immer wieder, ist in dieser Gesellschaft zum Scheitern verurteilt. Er wird ihn trotzdem durchführen, und Cocote wird sich auch hier wieder in eine Totale zurückziehen, wie es überhaupt zu den Stärken dieses Films gehört, dass noch die weitesten Einstellungen beklemmend wirken. Nicht zuletzt die Sicht auf den Pool der Reichenvilla, in der Alberto arbeitet. Sie rahmt diesen Film und spricht nochmals von dieser ganz anderen materiellen, historischen Gewalt, die vielleicht als einzige dem Ganzen Struktur gibt, weit unterhalb der Bilder und Geräusche.

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