Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft
Coco vor Chanel. In Anne Fontaines Biopic der jungen Jahre der großen Modeschöpferin prallt der zeitlose Stil Chanels auf die Belle Époque.
Nein, irgendetwas stimmt da nicht. Ob sich Audrey Tautou wohl geweigert haben mag, das Kostüm überzustreifen, die tägliche Schminktortur über sich ergehen zu lassen, die Perücke aufzusetzen? Zumindest wandert sie ganz nachlässig gestylt mit modisch kurz geschorenem Krausekopf und im weit fallenden Streifenpullover durch Korridore und Salons voll altehrwürdigem Prunk. Wer ist diese Frau, die sie spielt, die heute Mittag aus jedem x-beliebigen Pariser Café geschlendert kommen könnte und wie hat sie sich in die Filmsets der Jahrhundertwende (der vorletzten, wohlgemerkt) verirrt?
Nicht weniger als fünf Filme, schon fertig oder gerade in Produktion, widmen sich dieser Tage dem Leben der Modeikone Gabrielle Bonheur „Coco“ Chanel. Und bedenkt man den visuellen Reiz, der entstehen kann, wenn der völlig aus der Zeit gefallene Stil der großen Modernisiererin des Femininen auf die visuellen Konventionen des Epochenfilms prallt, erkennt man leicht das immense filmische Potenzial solch paradoxer Spiele mit den Erwartungshaltungen und Gewohnheiten. Chanels pragmatische Reduktionen in Schwarz, ihre funktionalistische Auffassung von Mode, die Tragfähigkeit und Komfort über Schauwert und Popanz stellte, scheinen von einer Aura des Zeitlosen gesegnet.
Nun also Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft (Coco Avant Chanel), basierend auf der Biografie Coco Chanel: ein Leben (L’Irrégulière ou mon itinéraire Chanel, 1974) von Edmonde Charles-Roux. Es ist schade, dass der deutsche Titel weder die bedeutungsvolle Nuance des französischen streift (Coco vor Chanel), noch die treffende Aussage des Buches: die Ungleichförmige, Ordnungswidrige, Unregelmäßige. Denn zusammengenommen geben beide recht kompakt die Geschichte des Filmes wieder. Was geschah mit der Halbwaisen Gabriele Bonheur Chanel, die, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, dereinst als Gründerin eines der ruhmreichsten Modelabels aller Zeiten in Erinnerung bleiben würde?
Regisseurin Anne Fontaine verlässt sich dabei ganz und gar auf ihre Hauptdarstellerin Tautou, die in wirklich jeder Szene im Zentrum steht (vom Beginn einmal abgesehen, wo Lisa Cohen die Rolle der jungen Gabrielle übernimmt). Sie manövriert ihr bubenhaftes Gesicht mit einem Ausdruck schüchterner Angriffslust durch die gediegenen Zirkel der allmählich verschwindenden französischen Aristokratie. Die Belle Époque, das Frankreich Prousts, irgendwann zwischen dem Deutsch-Französischen und dem ersten Weltkrieg, war eine wahrlich großartige Zeit für Rebellion und Nostalgie. Die technologischen und politischen Verwerfungen ruhten in einem eigenartigen Zustand der Schwebe, Barock und Moderne tanzten ineinander verschlungen durch Landgüter und die Straßenzüge in Paris, bevor die Katastrophen des Ausblutungsschlachten endgültig den Beginn des Neuen festschrieben. Fontaine verzichtet auf genaue Zeit- und Ortsangaben und fängt dadurch die zwischenweltliche Ruhe jener Jahre stimmig ein.
Inmitten dieser langsam verblassenden, sich in Bergen aus Federn, Metall und Rüschen allmählich selbst mumifizierenden Gesellschaften der Vergangenheit bewegt sicht Coco als Rebellin noch unentdeckter Weiblichkeit, wie eine Besucherin aus einer im Geheimen schlummernden Zukunft. Und während sie ihr Unglück und ihre Orientierungslosigkeit in impulsiven Launen und burschikosen Kreationen auslebt, obliegt es den Männern, uns vom Kampf der Weltanschauungen zu berichten. Lange Jahre verbringt Chanel auf dem Landsitz des Étienne Balsan, einem Lebemann der alten Elite, ihrem Liebhaber und Mäzen. Benoît Poelvoorde spielt ihn, erfüllt von spöttisch-selbstzerstörerischer Lebenslust, als großen Charmeur und Leugner des Wandels. Er ist ein Mann der Pferde, züchtet und dressiert Vollblüter in einer gefängnisgleichen Koppel. Wie präzise scheint in diesem Bild sein Umgang mit der aufmüpfigen Geliebten auf, die, obwohl von ehrverletzender Nichtigkeit für einen Mann seines Standes, ihn doch fesselt durch ihre eigensinnige Unzähmbarkeit. Ihm gegenüber steht der Neureiche Arthur „Boy“ Chapel (Alessandro Nivola), ein Brite aus einfachen Verhältnissen, der mit seinen schnittigen Autos die Neuzeit in den alten Adel trägt und die große, tragische Liebe Chanels werden soll. Zwischen den beiden Männern und ihren Welten spannt sich der geschichtliche Hintergrund Cocos früher Jahre auf, der Film beginnt mit der Fahrt in einer Kutsche und führt sie im Auto aus der Provinz ins Zentrum von Paris.
Die Ausstattung, die Sets, die Kostüme werden in Coco Chanel zu zentralen Protagonisten, den primären Bedeutungsträgern im Film. Im Konflikt der Stile und Architekturen erkennt man das Vergangene und das Zukünftige, eine ganze Geschichte des Fortschritts. Fontaine und ihrer famos auftrumpfenden Art-Direction-Mannschaft gelingt das Kunststück, der wiedererweckten Zeit des Epochenfilmes wirkliche Bedeutung einzuhauchen und sich nicht mit reiner Rekonstruktion zufrieden zu geben. In Chanels frühen nüchternen Kleidern, in deren spannungsvollem Bezug zu den Gewändern ihrer Zeitgenossen, den Möbeln, Tapeten und Teppichen, wird Stil zu mehr als zu einem Distinktionsmerkmal des Individuums. In Mode schlummert ein utopisches Potenzial, und Coco Chanel erzählt uns von einer Auseinandersetzung der Oberflächen, die keineswegs oberflächlich ist.
Kritik von Nino Klingler
Veröffentlicht am 30.07.2009
Kommentare zu Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft
Es gibt bisher noch keine Kommentare.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar zu Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft schreiben
Film-Angaben
Titel: Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft
Originaltitel: Coco avant Chanel
Frankreich 2009
Laufzeit: 110 Minuten
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Regie: Anne Fontaine
Drehbuch: Anne Fontaine, Camille Fontaine
Basierend auf dem Roman Coco Chanel: ein Leben (L’Irrégulière ou mon itinéraire Chanel, 1974) von: Edmonde Charles-Roux
Produktion: Caroline Benjo, Carole Scotta, Philippe Carcassonne, Simon Arnal
Bildgestaltung: Christophe Beaucarne
Montage: Luc Barnier
Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Audrey Tautou, Benoît Poelvoorde, Alessandro Nivola, Marie Gillain, Emmanuelle Devos, Lisa Cohen, Inès Bessalem
Kinostart: 13.08.2009
DVD-Angaben
Titel: Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft
Vertrieb: Warner Home Video
Bild: 2,35:1
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Spanisch (DD 5.1), Italienisch (DD 5.1), Französisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte, Französisch, Spanisch, Italienisch
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 101
Extras: Audiokommentar; Making Of;
Verleih ab: 05.02.2010
Verkauf ab: 05.02.2010
Copyright Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft
Fotos: © Warner Bros.
Verlosung Abgehört
Gewinnen Sie DVD oder Blu-Ray von Abgehört. weiter
Agnès Varda: Filmfotomontage
„In meinem Kopf existieren Film und Fotografie nebeneinander als Paar, als verfeindete Geschwister ... nach dem Inzest.“ Textfragmente von Agnès Varda. weiter
Fantasy Filmfest 2010
Schrecken, Anspannung, Ekel, Überraschung, Verzückung. Ein Festival ganz und gar nicht wie die anderen. weiter
Neu im Kino
02.09.2010
The Happiest Girl in the World
R: Radu Jude
Zwischen uns das Paradies
R: Jasmila Žbanic
Männertrip
R: Nicholas Stoller
Duell der Magier
R: Jon Turteltaub
26.08.2010
Ruhr
R: James Benning
Der kleine Nick
R: Laurent Tirard
Ich und Orson Welles
R: Richard Linklater
Mary & Max – oder Schrumpfen Schafe wenn es regnet?
R: Adam Elliot
Enter the Void
R: Gaspar Noé
Step Up 3D
R: Jon M. Chu
The Expendables
R: Sylvester Stallone
Demnächst im Kino
Verlobung auf Umwegen
R: Anand Tucker
Bal
R: Semih Kaplanoğlu
Humpday
R: Lynn Shelton
Rückkehr ans Meer
R: François Ozon
Rammbock
R: Marvin Kren
Black Death
R: Christopher Smith
Zarte Parasiten
R: Christian Becker, Oliver Schwabe
The American
R: Anton Corbijn
Mammuth
R: Benoît Delépine, Gustave de Kervern
Ponyo - Das große Abenteuer am Meer
R: Hayao Miyazaki
Jud Süß - Film ohne Gewissen
R: Oskar Roehler
Wall Street: Geld schläft nicht
R: Oliver Stone
Shahada
R: Burhan Qurbani
Adèle und das Geheimnis des Pharaos
R: Luc Besson
Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives
R: Apichatpong Weerasethakul
Veronika beschließt zu sterben
R: Emily Young
Der letzte Exorzismus
R: Daniel Stamm
Im Schatten
R: Thomas Arslan
Lebanon
R: Samuel Maoz
Ich bin die Liebe
R: Luca Guadagnino
Orly
R: Angela Schanelec
Buried - Lebend begraben
R: Rodrigo Cortés
Plug & Pray
R: Jens Schanze
The Kids Are All Right
R: Lisa Cholodenko
Fair Game
R: Doug Liman
Of Gods and Men
R: Xavier Beauvois
Another Year
R: Mike Leigh
Brothers
R: Jim Sheridan
Eine Familie
R: Pernille Bech Christensen
Biutiful
R: Alejandro González Iñárritu
Neu auf DVD
Nothing Personal
R: Urszula Antoniak
Ganz nah bei Dir
R: Almut Getto
Abgehört – Trau niemals einem Cop
R: Felix Chong
Aktuell im TV
Million Dollar Baby
Mi 08.09, 20:15 Uhr, Kabel 1
Das Mädchen und der Kommissar
Nacht von Mi auf Do, 08.09-09.09., 00:45 Uhr, SWR
Ich habe keine Angst
Fr 10.09, 23:15 Uhr, WDR
















