Closet Monster

Stephen Dunns erster Langfilm jagt seinen Protagonisten aus einer kindlichen Fantasiewelt in die Untiefen der Adoleszenz. Einzige Ankerpunkte dort sind ein Baumhaus voller Erinnerungen und Fetischen – und eine sprechende Hamsterfrau.

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Der Filmtitel und die ersten Bilder des Films meinen Vorboten der kindlich fantasierten Atmosphäre zu sein, die man hinter Closet Monster vermutet: flackernde Lichtreflexe am Bett des kleinen Oscar (Jack Fulton), der von seinem liebenden Vater mit der Luft eines bunten Luftballons Träume in den Kopf gepustet bekommt, und die Nachttischlampe, die das abendliche Kinderzimmer in warme Töne taucht. In jener prognostizierten Fantasiewelt eines kleinen Jungen könnten die Monster unserer eigenen Kindheit wiederauferstehen – und wir möchten sie sehen, möchten sie liebend gerne empfangen und nochmals erleben durch Oscars Träume und Ängste. Allein der Film lässt uns nicht.

Aggressionen im Baumhaus

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Schon nach 30 Minuten mutet Oscars Fantasiewelt unfreiwillig realistisch an: Der kleine Junge erlebt einen Mord an einem Homosexuellen auf dem Friedhof – ein Erlebnis, das ihn samt dem Mordwerkzeug bis heute verfolgt. Heute ist Oscar ein Teenie (Connor Jessup), seine Eltern getrennt – der Vater frustriert, die Mutter längst neu verheiratet. Was von seiner Fantasiewelt geblieben ist, ist das Baumhaus, das er einst mit seinem Vater baute und in das er sich selbst so häufig zurückzieht, um der Verzweiflung zu verfallen, die ihn verfolgt und die er versucht, mit seiner großen Leidenschaft zu kompensieren, der Fotografie. Oscars Fotomodel, seine Freundin Gemma (Sofia Banzhaf), erscheint ihm stets zu weltlich, bekommt Teufelshörner aufgeklebt, wird in schrille Monsterkostüme gesteckt – ihr fotografisches Abbild ist Teil jener nahezu sadomasochistischen Welt, in der Oscar lebt. An dem Ort, wo er seine morbiden und todessehnsüchtigen Fotografien lagert, bündelt sich die aggressive Wut, die Oscar der Welt entgegenschleudern will. Dorthin nämlich, ins Baumhaus, verdrängt Oscar auch die Erinnerungen an den Mord, die in ihm längst zum geschürten Fetisch homosexueller Begierde gereift sind.

Eine Hamsterfrau namens Buffy

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Zweites Überbleibsel aus den kindlichen Fantasien: Oscars einzige Gesprächspartnerin und Vertraute, sein weiblicher Hamster, den der kleine Oscar just in dem Moment geschenkt bekam, als die Ehe der Eltern zerbrach. Name: Buffy – so stellt sich die Hamsterfrau zumindest selbst vor, die von niemand geringerer als Isabella Rossellini gesprochen wird. Nicht nur, dass die Credit-Sequenz von Closet Monster suggeriert, Oscar sei zeitgleich geboren mit jener Hamsterin, die jedes Wochenende mit ihm gemeinsam zwischen Mutter und Vater umziehen muss. Nicht nur, dass der Film zur völligen Selbstverständlichkeit erklärt, dass Oscars Hamsterin mit ihm sprechen kann. Buffy scheint tatsächlich Oscar zu sein – das legt spätestens Oscars erste männliche Bekanntschaft nahe, indem sie ihn darauf hinweist, dass die Hamsterin völlig eindeutig ein HamstER ist. Zumindest ist Buffy Oscars Alter Ego; Bote und Stoff seiner sexuellen Verwirrungen. Oszillierend in Geschlecht und Begehren ist sie Oscars phantasmagorisch gebliebener Rückhalt, jene Brücke in die heimische Vergangenheit und das Schutzschild vor der gefährlichen Zukunft, in die Oscar seinen Weg noch nicht gefunden hat.

Standardsituationen und affektive Kapriolen

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Was Regisseur Stephen Dunn als gehaltvolle Passage zwischen Realität und Fantasiewelt eines Heranwachsenden einführt, verbleibt dann aber ein der Realität und dem Pathos zu sehr verschriebenes filmisches Konstrukt. All jenes farbenfrohe und verspielte Potenzial, mit dem die kindlich-fantasiereiche Welt sich in die identifikatorischen Prozesse des Erwachsenswerdens fortspinnt, wird allzu leicht verschenkt. Während die vermeintlichen Höhepunkte von Oscars Seelenleben als nahezu verkitscht anmutende Standardsituationen enttäuschen (die klassische Selbstbefriedigung nach dem Riechen am T-Shirt eines anderen Mannes, der erste homosexuelle Geschlechtsverkehr unter Drogen auf einer Kostümparty), werden scheinbar unbedeutende Momente per Musikunterlegung zu affektiven Kapriolen getrieben. Dabei geht nicht nur die Spiegelung der Konflikte zwischen den Figuren in den Farbkontrasten ihrer Kostüme verloren, auch die erzählerische Ebene von Closet Monster leckt: Sowohl narrative Hintergründe wie die Homophobie des Vaters und die familiäre Situation, in der es schließlich zum eskalierenden Streit kommt, als auch die Mordsituation auf dem Friedhof verbleiben lose Fragmente und verfehlen somit ihre Wirkung auf die Handlung.

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Einzig und allein die sprechende Hamsterfrau rettet, was über die restliche Gestaltung des Films so bedenklich verloren geht: der empathische Zugang zur Welt des Protagonisten. Dass Buffy nicht (wie heutzutage so häufig) digital animiert wurde, unterstützt dabei ihre Glaubwürdigkeit. Und als uns die wiederauferstandene Buffy am Ende des Films verkündet, sie sei schon lange nicht mehr dasselbe Tier, das Klein-Oscar einst zum Geburtstag bekam, löst sie damit schließlich doch ein Versprechen des Films ein: Wenn der unsterbliche Hamster auf einem kleinen Spielzeugboot aufs Meer davonfährt, scheinen die Mythen der Kindheit tatsächlich bewahrt.

Trailer zu „Closet Monster“


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