Closeness

Antisemitismus, Entführung, Coming of Age: Kantemir Balagov hat einen wunderschön ungelenken Film gedreht, der nicht alles auf einmal will, sondern alles um einen Platz in einem viel zu engen Bild kämpfen lässt.

Closeness Tesnota 1

Ilana (Darya Zhovner) trägt erstmal eine umgedrehte Cappy und einen viel zu großen Wollpulli und hat Ruß im Gesicht. Sie arbeitet bei Papa in der Autowerkstatt, zu Hause wirft sie sich für die Verlobungsfeier ihres Bruders widerwillig in ein blau-gelbes Kleid (überhaupt ist dieser Film nicht trist, sondern blau-gelb), und später hat sie eine coole Jeansjacke an, in der sie mit den Kumpels von ihrem Liebhaber chillt, Drogen nimmt, während ihre Familie und die gesamte jüdische Community des kaukasischen Dorfes, in dem Kantemir Balagovs Closeness spielt, das Lösegeld für Ilanas Bruder David (Veniamin Kats) und seine frisch Verlobte sammelt. Auch dieser Film hat immer wieder neue Klamotten an, trägt mal die antisemitische Feindseligkeit von Ilanas Umgebung, mal die Entführung des Bruders und Ilanas zum Fundraising vorgeschlagene Zwangsheirat, mal den Teenage-Fluchtwunsch seiner jungen Protagonistin vor sich her. Doch überrascht er uns niemals eitel mit einem neuen Outfit, sondern lässt ihn uns beim An- und Ausziehen beobachten. Und vor allem verdichtet sich keines dieser Outfits zu einem Style, keines spendet diesem Film eine Identität. So wie Ilana nicht Mechanikerin, nicht brave Tochter, nicht Drug Addict ist, so ist dieser Film nicht Lehrstück, nicht Thriller, nicht Coming-of-Age-Film.

Viel zu viel fürs kleine Bild

Eng ist dieser Film, im 4:3-Format gedreht, aber es ist keine Enge, die nur Elend schreit, die uns betroffen erklären will, wie erdrückend das jüdische Leben in feindlicher Umwelt ist („Wir sind hier nur Gast“, sagt Ilanas Mutter. „Sind wir das nicht überall?“, fragt Ilana zurück) oder wie sehr sich Ilana den Ausbruch aus dem Elternhaus wünscht. Das Bild (eng, aber stets in warme Farben getaucht, manchmal scheint es von innen zu leuchten) ist kein Gefängnis, sondern ein nach allen Seiten hin offenes, aber eben auch von allen Seiten belagertes Refugium. Das Bild sperrt nicht ein (weil diese jüdische Familie eben nicht zum Bleiben, sondern zum Weiterziehen gezwungen ist), es erzählt von einer begrenzten Handlungsmacht, die ihren Spielraum nicht nach außen erweitern und deshalb nur nach vorn preschen kann, zur nächsten Tat, zum nächsten Satz. Deshalb stolpern wir mit Ilana wie durch einen Tunnel und folgen Abzweigungen (die man in anderen Filmen Plot Points nennt), während das Außen dieses Tunnels nicht negiert wird, sondern immer existiert, ja insistiert, schon im Sound Design – stets tönt da viel zu viel für das kleine Bild. In diesem kleinen Bild überlagen sich die erzählerischen Schichten, denn es stellt sich ja nichts ein, wenn etwas anderes beginnt; Ilana beendet ihre verbotene Liebe nicht, nur weil der Bruder entführt ist, der Bruder hört nicht auf, entführt zu sein, nur weil seine Schwester gerade anderes im Sinn hat. Schichten um Geschichten, die um ihren Platz in einem viel zu engen Bild kämpfen.

Ungelenke Körper

Closeness Tesnota 2

Wenn Ilana am Ende ihre beiden Eltern mit dem Auto wegfährt, während ihr Bruder mit seiner baldigen Frau im Dorf bleibt (endlich sind die Eltern aus dem Haus), nachdem sie kurz den Rückspiegel so gerichtet hat, dass kein mütterliches Gesicht im Hintergrund mehr zu sehen ist, sondern nur noch der eigene feste Blick, dann ist die folgende Autofahrt vielleicht die erste straighte, smoothe, freie Bewegung, die erste Bewegung auch, von der aus ein Blick in die Landschaft möglich ist. Davor sind die Bewegungen in Closeness zwar nicht blockiert, so wie das Bild nicht einfach eng ist, aber ungelenk. Die zarte, ein bisschen tomboyhafte Ilana und ihr Bär von einem Liebhaber necken sich in trauter Disharmonie der Körper; beim Streit zwischen Mutter und Sohn, weil Letzterer des Weiterziehens müde ist, addieren sich Festhalten und Wegschubsen zu einem merkwürdigen Gerangel. Und in einer wunderschönen, den Film nicht beschließenden, sondern erst ins Rollen bringenden geschwisterlichen Umarmung behalten Ilana und David ihre Kippen im Mund. Ja, so ein Film ist das, ein ungelenker Film, der von vielen Dingen erzählt, von Antisemitismus und Patriarchat, vom Pubertäten und Familien, sich aber mit keinem dieser Dinger herausputzt, die Cappy falschrum auf dem Kopf und den Ruß stolz im Gesicht trägt, die Kippe immer im Mund behält.

Trailer zu „Closeness“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.