Close-Knit – Kritik

Berlinale 2016 – Panorama: Alle finden ihr Glück, und das ist auch gut so: Naoko Ogigamis Film um eine etwas andere Mutter-Tochter-Beziehung ist schamlos gut gemeint und schämt sich dafür auch gar nicht.

Close-Knit 2

Die Pressemitteilung kündigt’s schon so schamlos an: „This is the story of sixty heartwarming days in the life of three individuals who each find their own happiness amid the blooming cherry blossoms of spring.“ Wow. Welch gut gemeinter, rührseliger Film, und doch ist das alles weniger gewollt süßlich als aufrichtig sweet. Eine transsexuelle Frau als neue Stiefmutter, das ist für ein zehnjähriges Mädchen nicht unbedingt einfach – umso einfacher für einen Film, eine solche Konstellation auszuschlachten. Die japanische Regisseurin Naoko Ogigami geht dabei zum Glück aber nicht den einfachen Weg, überlässt nicht ihrem Thema und ihrem Kindergesicht die ganze Arbeit, sondern spinnt darum einen zwar konventionell gebauten, aber mit lauter eigenwilligen Momenten gespickten Film. Stets füllt sie bekannte narrative Klischees mit neuem Leben – etwa als Tomo das erste Mal wieder zu ihrem Onkel Makio (Kenta Kiritani) kommt, seit der sich in Rinko (Toma Ikuta) verliebt hat. In der Wohnung ist alles noch am richtigen Platz, aber in den Wii-High-Scores von Mario Kart steht auf einmal überall „RINKO“. Nicht gerade ein guter Start.

Und dann ist da dieses lustvolle Spielen mit dem Geschlecht, als Thema und als Materie. Denn wenn Rinko mal wütend ist auf die transphobe Gesellschaft, dann fängt sie an zu stricken. Das sei besser, als die Wut an anderen auszulassen, ermahnt sie Tomo, als die beiden schon längst in einer innigen Mutter-Tochter-Beziehung angekommen sind. Und was sie da strickt, das sind lauter Penisse, ihre „worldly desires“. 108 will sie davon herstellen, bevor sie in einem großen Feuer brennen sollen. Zwischendurch wird mit den Dingern schon mal ein bisschen Kiss... äh, Pimmelschlacht gespielt. Auch um Brüste geht es ständig, um die falschen von Rinko, die Tomo dann doch irgendwann mal anfassen will, und um Tomos abwesende richtige. Rinkos Mutter, die ihre Tochter nicht verstoßen hat, sondern sie beschützt wie eine Yakuza – so merkt jedenfalls ihr Lebensgefährte an –, macht sich direkt mal Sorgen, dass bei der Zehnjährigen noch kein Busen zu sehen ist.

Close-Knit 1

Es gibt noch einen anderen narrativen Strang in Close-Knit, der dann doch etwas too much ist, um einen Klassenkameraden Tomos, der wohl auch lieber ein Mädchen wäre. Aber irgendwie verzeiht man diesem Film vieles. Er ist nicht immer subtil, aber meistens sehr originell, arbeitet halt mit an der affektiven Umorientierung der Gesellschaft in Richtung Post-Gender. Am Ende wird’s nochmal schwierig, als Tomos eigentliche Mutter Hiromi (Mimura) zurückkehrt, weil sie von dem Typen, dem sie hinterhergelaufen war, verlassen wurde und plötzlich wieder fürsorgliche Mutter sein will, obwohl Tomo bei ihrem Onkel offenbar längst ein neues Zuhause gefunden hat. Da ist dann auf einmal die queere Familie die neue Norm, die nachlässige, sexuell aktive Frau das böse Andere. Aber auch diese Kurve kriegt der Film noch, vernäht auch noch Hiromi in sein abschließendes Arrangement, bevor er sich in den wohlverdienten Abspann verabschiedet.

Trailer zu „Close-Knit“


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