Cléo - Mittwoch zwischen 5 und 7

Häufig als „Mutter“ der Nouvelle Vague bezeichnet, liefert Agnès Varda mit ihrem zweiten Spielfilm eine ästhetisch visionäre Geschichte zwischen Cinéma vérité und Melodrama sowie eine atmosphärisch dichte Beobachtung des Paris der 1960er Jahre.

Cléo – Mittwoch zwischen 5 und 7

Agnès Vardas zweiter Spielfilm Cléo – Mittwoch zwischen 5 und 7 (Cléo de cinq à sept, 1961) folgt seiner Protagonistin Cléo (Corinne Marchand) durch die Straßen von Paris, wo die junge Frau auf eine ärztliche Diagnose wartet, die ihre schwere Krankheit bestätigen wird. Diesen quälend langen Moment der Ungewissheit erzählt Varda in Echtzeit ohne zeitliche Ellipse. Wie es Zwischentitel deutlich machen, folgt der Film Cléo von 17h05 bis 18h30; das sind eineinhalb Stunden Film für knapp eineinhalb Stunden aus dem Leben der jungen Frau.

Cléo – Mittwoch zwischen 5 und 7

Es gibt in der Tat sehr wenige Filme, die solch ein Abenteuer der Fusion von Erzählzeit und erzählter Zeit unternehmen und ihren Figuren in Echtzeit folgen. Denn im klassischen Erzählkino werden aus dramaturgischen Gründen all jene „leeren“ Momente, die für den Fortschritt der Geschichte irrelevante Handlung beinhalten, in der Erzählung weggelassen. Varda hingegen lässt sich darauf ein, ihrer Figur in die wartende Leere zu folgen, und lässt in dieser toten Zeit die Dinge sich ereignen.

Cléo – Mittwoch zwischen 5 und 7

Die Mutation filmischer Zeit vom Bewegungs-Bild zum Zeit-Bild, mit der Gilles Deleuze den fundamentalen Wandel vom klassischen Kino zur Kinomoderne beschrieben hat, nimmt in Vardas Film exemplarische Form an. Denn Cléo ist ein psychologisches Drama, das es nunmehr wagt, sich nicht mehr über die Handlung, sondern über die Nicht-Handlung, also über das Herumirren, das Warten und die Dauer auszudrücken. Varda lässt den Zuschauer die Zeitdehnung spüren, die alles Warten und insbesondere das Warten auf ein lebensentscheidendes medizinisches Ergebnis impliziert. Zugleich nutzt sie die Handlungspausen als psychologische Schlüsselmomente. Denn die narrative Deaktivierung der Zeit öffnet die Möglichkeit ihrer psychologischen Nutzung. Cléo lernt in diesen „leeren“ Momenten zu sehen, zu nehmen und zu geben, was zu einer Form der Wiedergeburt als selbstbestimmtes Subjekt führt. Auf ihren Spaziergängen durch Paris begegnet sie am Ende ihres Weges dem Anderen in der Figur eines Soldaten aus dem Algerienkrieg sowie ihrem mit der Krankheit konfrontierten Selbst in einer Art abschließenden Erlösung. „Ich bin glücklich“, ist ihr letzter Satz im Film.

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