Clean, Shaven

Der gar nicht so nette Schizo von nebenan.

Clean  Shaven 01

Seinen Verleih „Bildstörung“ zu nennen ist ebenso smart wie vielversprechend. Seit zwei Jahren bringt die Firma regelmäßig kontroverse Filme heraus. In der Reihe „Drop Out“ erscheint nun mit der Nummer 11 Lodge Kerrigans Clean, Shaven (1993) und macht Bildstörung alle Ehre.

Wer dieser Wochen die NBA-Finals im fernen Miami und Dallas verfolgt hat, kann sich einer Beobachtung nicht erwehren: Die Generation Wade-James-Nowitzki ist endgültig im medialen Exzess angekommen. In die Stadionkatakomben laufen sie ein, vor der Außenwelt geschützt durch ihre iPhones mit Megakopfhörern. Sie lenken sich ab mit der Playstation, ihre Twitterbeiträge und sozialen Vernetzungen produzieren Schlagzeilen. Gerne inszenieren sie vor der Kamera ihre eigenen Filmchen und Sketche. Vor allem: Kaum ist ein Pfiff auf dem Feld erklungen, gilt ihr Blick dem Videowürfel. Die Leinwand, die die Welt bedeutet. Jene Generation ist abgehärtet, was Medien, was Bilder angeht.

Dem professionellen oder cinephilen Filmschauer geht es ähnlich, wenn nicht noch extremer. Vielleicht ist es ein Zeichen von Abstumpfung, dass Takashi Miikes neueste Gewaltorgie 13 Assassins, beworben mit dem Slogan „13 Krieger. 1 Armee. Totales Massaker.“ völlig an einem abprallt.

Clean  Shaven 02

Aber es gibt sie noch, diese seltenen Momente, wenn ein Film Unbehagen, beinahe Verstörung in uns auslöst. Clean, Shaven – dem 1994 in Sundance und Cannes ein spektakuläres Double gelang (vergleichbar selten und bemerkenswert wie aufeinanderfolgende Triumphe auf der Asche von Paris und dem Rasen von Wimbledon) – wirkt noch immer wie ein Schlag in den Unterleib.

Peter (Peter Greene) hat ganz offensichtlich mindestens ein veritables Problem. Er verbarrikadiert sich im eigenen Wagen, findet aber selbst vor dem Radio keinen Schutz. Wenn er die Schere zur Hand nimmt, um Haar und Haut gleichermaßen zu traktieren, stellt sich vor allem eine Frage: Ist dieser Mann nur eine Gefahr für sich selbst oder auch für andere?

Clean  Shaven 03

Er sucht ein Mädchen, ein anderes wird vermisst. Auch Cop Jack McNally (Robert Albert) ist auf der Suche. Beide begeben sich durch unwirtliche Räume der amerikanischen Peripherie. Hinter dem Alltäglichen der Architektur, der Menschen und Materialien scheint sich ein Grauen zu verstecken, das erst in der Montage, auch jener des geforderten Zuschauers, Gestalt annimmt.

Der Wahnsinn deutet sich immer wieder auf der Audiospur an, und das nicht weniger intensiv oder genial als bei Lynch. Und obwohl Norman Bates, die Melange aus Ed Gein und einem Schizophrenen, als filmische Ikone nahe läge, verbitten sich derartige Vergleiche geradezu, denn in Schauspielführung, Bildgestaltung und Intensität, in dem Schaffen eines Vakuums, das den Zuschauer einsaugt und beinahe verschluckt, ist Clean, Shaven absolut einzigartig.

Kerrigans Film, der atmosphärisch noch am ehesten mit Henry: Portrait of a Serial Killer (1986) eine Verwandtschaft aufweist, ist selbst ein Vorläufer. Und zwar so disparater Filme wie Safe (1995), Pi (1998) sowie der ganzen Mindfuck-Welle.

Ob solch filmhistorischer Relevanz, gepaart mit den Irritationen bei Wort und Bild, blicken wir gebannt auf den Bildschirm – ganz wie Lebron auf Videowürfel und Anzeigetafel.

Kommentare


Berthold Schwarz

Wenn man zwei disparate Themen, wie Sport und Film miteinander vermischt, besteht natürlich immer das Risiko, dass ein Teil der Leser die Bezüge nicht versteht. Es macht aber verdammt Spass zu lesen, wenn es klappt - so wie hier!






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