Claire's Camera

Hong Sang-soo hat’s raus – und dreht den unscheinbarsten Film über das Festival von Cannes, mit Isabelle Huppert als grundguter und vielleicht deshalb hinterhältiger Komplizin des Kinos.

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Der beige Beton am Boden, die kleinen aufgestapelten Felsen am Strand, eine um den Hals baumelnde Akkreditierung: Hong Sang-soo hat in Cannes gedreht – unter Verzicht auf alles Ikonische. Überhaupt ist alles anders, als es Festivalbesucher erleben. Zwar sitzt im Café ein koreanischer Regisseur bereit zum Flirt, und eine Frau, die Filme verkauft, verliert ihren Job. Gleichzeitig strahlt der Film aber eine Ruhe aus, als gelte es, auf den Kopf zu stellen, wofür Cannes so steht. Um irgendwie von der Filmwelt zu handeln und irgendwie auch nicht. Denn Hong hat sich ein schönes Motiv ausgesucht, das sich durch die Gespräche und Handlungen zieht und für seinen Blick auf die Welt ohnehin nicht unwichtig ist: Es ist die Frage nach Ehrlichkeit. Ist Manhee (Kim Min-hee), ausgesprochen wie das englische Money, keine ehrliche Person, und ist das der Grund für ihren Jobverlust? Ist das denkbar in der Filmwelt, noch dazu bei einer Vertriebsagentur?

„Agreeing is a great thing“

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Die Titelfigur ist nicht von Anfang an Teil des Films. Als sie es wird, nimmt die Komödie schnell Gestalt an. Isabelle Huppert als Claire läuft eine Straße entlang, sie bringt für einen kurzen Augenblick die Sprache des Festivals hinein, sagt ihrer Freundin, einer Regisseurin, für die sie nach Cannes gereist ist, dass die Uhrzeit ihrer Premiere doch eine gute sei. Von solch eitlen und in ihrer oberflächlichen Freundlichkeit respektlosen Kinomilieu-Phrasen zehrt Hong nicht. An Phrasen werden wir dennoch gut bedient: Mit Claire, einer Lehrerin, über die wir wenig erfahren, außer dass sie in ihrer Freizeit gerne Gedichte schreibt und Fotos macht, holt sich der Regisseur wieder eine Fremde in eine Geschichte unter Koreanern – und nach In Another Country (2012) spielt Isabelle Huppert diese Figur erneut auf eine Weise, dass sie nicht losgelöst von der Schauspielerin zu denken ist. Hong arrangiert die Dynamiken entsprechend, gebrochen durch ihren Blick.

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„Agreeing is a great thing“, sagt die eine. „I agree with you 100 %“, antwortet die andere. Auf interkulturelle Unterschiede lässt sich das, was da an bizarrer Kommunikation zwischen Claire, dem mit seinem Charme spielenden Regisseur So Wansoo (Jeong Jin-young), der schönen jungen Gefeuerten Manhee und ihrer strengen ehemaligen Chefin Yanghye (Chang Mihee) stattfindet, nicht reduzieren. „Strange“, bizarr, ist so etwas wie das Lieblingswort von Claire, die eine bisweilen unheimliche Aufmerksamkeit, Nettigkeit und Offenheit an den Tag legt, um die Umwelt dann aber doch anerkennend-distanzierend strange zu finden. Die in einigermaßen ordentlichem Englisch geführten Gespräche stellen Versuche dar, sich kennenzulernen, sich anzufreunden, sich zu mögen. Oder umgekehrt, denn mögen will Claire eigentlich sofort. Schon in weniger kompetitiven Mikrokosmen könnte das unglaubwürdig oder mindestens befremdlich wirken, hier ist es wunderbar ungebrochen absurd. Die für Hong so typische Beiläufigkeit tut ihr Übriges, um eine Welt zu erschaffen, die einem Festival wie Cannes den Wind aus den Segeln nimmt.

„Ehrlichkeit kann man nicht erwerben“

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Entschleunigung ist eines der Prinzipien, denen sich Hong auch hier wieder verschreibt. Das könnte einen dazu verleiten zu glauben, dass damit Cannes oder der Filmwelt der Spiegel vorgehalten werden soll. Angesichts der systematischen Wiederholungsstrukturen und den komödiantischen Verkleinerungen, die Situationen auf immer zartere Ebenen der Erfahrung herunterkochen, wäre der Spiegel aber mindestens eine ungenaue Metapher. Claire’s Camera ist alles, nur keine Satire. Nein, der Film ist viel eher eine Ode an die Merkwürdigkeiten, die ein Aufeinandertreffen mehrerer Menschen hervorbringen kann, wenn man es zulässt. Zulassen könnte ein Mantra von Claire sein, denn kaum etwas steuert sie aktiv. Sie gibt Antworten auf Fragen, fotografiert Menschen, wenn sie einverstanden sind, und guckt, was sich so ergibt. Gerade zwischen den Einstellungen, da scheint sie die Geschicke der Geschichte doch zu lenken, indem sie im Off die Figuren, die einen gemeinsamen Plot haben, nicht so zufällig, wie sie tut, aufsucht, um sie anschließend im On nicht so beiläufig, wie es wirkt, miteinander auf Fotos zu konfrontieren. Oder aber, und die Wahrheit wird es in dieser Form ohnehin nicht geben, es sind die Fotos selbst, die wie aus einer parallelen Welt heraus alles durcheinanderwirbeln.

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„Ehrlichkeit kann man nicht erwerben“, sagt die Chefin zu ihrer Mitarbeiterin, in einer Formulierung, die, den Untertiteln nach zu urteilen, schön doppeldeutig ist: Weder kann man Ehrlichkeit kaufen noch mit der Zeit erlangen. Claire wiederum hält sich so bedeckt, dass man ihr weniger Unehrlichkeit als Unaufrichtigkeit vorwerfen könnte. Auf die Frage, warum sie andere Menschen so gerne fotografiert, hat sie eine Antwort, die programmatisch verstanden werden könnte: Weil der Fotografierte danach nicht mehr derselbe ist. Das lange Gespräch, dass sich daraus am Esstisch entspinnt, mit den schön ungläubigen Reaktionen der anderen, ist so etwas wie ein Kondensat der Hong’schen Magie: Alles ist Alltag, die Konversation besteht aus Wiederholungen von fast nichts, und der Effekt ist doch unermesslich. Die leichte Aufsicht, aus der Hong seine Figuren so oft an Tischen filmt, hilft dabei, dieses Wunder der feingliedrigen Verwandlung etwas zu erden.

„We shouldn’t sell anything“

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Claire ist Hongs Verbündete: Indem sie nämlich in ihren Interaktionen vor allem den anderen hilft, zu einem eigenen Ausdruck zu kommen und sich selbst zu erkennen zu geben, ist sie so etwas wie eine Therapeutin, die die anderen langsam zu besseren Menschen werden lässt. Einen Schlüsselsatz lässt zwischendurch Manhee fallen: „Any selling is no fun. We shouldn’t sell anything.“ Sie steht Claire am Strand gegenüber, im Hintergrund ausnahmsweise ein bisschen Gewusel. Es ist die Unterhaltung, bei der sich die beiden Frauen darauf einigen, wie schön es ist, sich zu einigen. Sie einigen sich, weil sie nichts zu verkaufen haben, an einem Ort, an dem man leicht denken kann, am Schluss sei doch alles nur eine Frage des Geldes. Claire’s Camera lässt das als kleine Pointe stehen und geht auch schon bald zum Nächsten über. Es wird ein Kinderlied gesungen und ein großer, stranger Hund fotografiert. Weil es vielleicht doch um etwas anderes geht als um Geld. Ach ja: In Cannes läuft dieser Film außer Konkurrenz.

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