Enter the Darkness - Stell dich deiner Angst

Citadel entwirft im Gewand des „Hoodie-Horrors“ das Schreckensbild vom Niedergang des britischen Sozialstaates.

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Wenn es wahr ist, dass Horrorfilme seismisch auf kollektive soziale Ängste reagieren, ist es offensichtlich, welche davon Citadel mit seinen mörderischen Kapuzenträgern ausdrückt: die Angst vor Jugendgewalt und dem Zusammenbruch der sozialen Ordnung.

In den letzten Jahren erschien auf der Insel eine Reihe von Thrillern oder Horrorfilmen, die ihr Schockpotenzial aus der Konfrontation unbescholtener Mittelklassebürger mit den „Hoodies“, gewaltbereiten Jugendlichen aus der Unterschicht, zogen. Der bekannteste dieser „Hoodie Horrors“ ist sicherlich Harry Brown (Harry Brown, 2009) mit Michael Caine.

Die Hoodies sind in ihrem Habitus von amerikanischen Gangster-Rappern beeinflusst, wozu auch der namensgebende Kapuzenpulli (engl. hoodie) gehört – als Gang-Erkennungsmerkmal wie als Anonymität garantierende Tarnung –, der von einem Kleidungsstück zur sozialen Kategorie wurde. Mit dem kapuzentragenden Rowdy war im öffentlichen Diskurs eine Ikone geboren, die alles verkörpert, was mit Britanniens Jugend schiefläuft und unter dem Begriff „Broken Britain“ gefasst wird: emotionale und sexuelle Verwahrlosung, Respektlosigkeit gegenüber Erwachsenen und vor allem sinnlose Gewalt um der Gewalt willen.

Citadel, der Debütfilm des irischen Regisseurs und Autors Ciaran Foy, liegt ein wahres „Broken Britain“-Erlebnis des Regisseurs zugrunde: Foy wurde selbst von einer Hoodie-Gang überfallen und nach diesem Erlebnis zum Agoraphobiker, der das Haus lange nicht verlassen konnte. Der Regisseur versucht in seinem Film nun offensichtlich sein Trauma zu verarbeiten, indem er es auf eine mythische und damit archetypische Ebene verschiebt:

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Der junge Vater Tommy (Aneurin Barnard) muss hilflos mit ansehen, wie seine hochschwangere Frau bei einer Attacke von drei Kindern mit, klar, Kapuzenpullis ums Leben kommt. Tommy zieht sich mit seiner Tochter in eine neue Wohnung zurück und traut sich kaum, das Haus zu verlassen. Aber die mörderischen Hoodies spüren ihn schließlich auf und entführen seine Tochter.

Wir merken schnell, dass es sich bei ihnen nicht um normale Kinder handelt, sondern um monströse Kreaturen, die, so viel sei verraten, Kinder entführen, um sie zu ihresgleichen zu machen. Tommy muss nun seine Angst vor offenen Räumen überwinden und ein Hochhaus namens Citadel, die Brutstätte der Hoodies, stürmen.

Der Film beginnt mit einer bedrohlichen Untersicht des titelgebenden Hochhauses, eines Produkts des gleichzeitig einschüchternden und trostlosen sozialen Wohnungsbaus. Sein Name spielt ironisch auf die mittelalterlichen Zitadellen als letzten Widerstandskern einer Stadt an. Im Film hat sich gerade dort das Böse angesiedelt, die Zitadelle dient hier als Sinnbild der zementierten sozialen Exklusion, die bedrohlich über der Stadt dräut wie ein Menetekel des Niedergangs des modernen Sozialstaates. Damit etabliert Citadel ein Leitmotiv, das gleichwertig neben den Hoodies das Grauen verkörpert, nämlich die Konstruktion von bösen Orten. Die Kamera kreiert unheimliche, abweisende Räume, die die Agoraphobie der Hauptfigur wirkungsvoll unterstreichen, verdichtet aber auch Schauplätze zu klaustrophobisch engen Räumen, in denen die Figuren eingesperrt wirken.

Hier wird keine heile Welt entworfen, in die das Böse einbricht, sondern eine von Beginn an durch und durch von Verwahrlosung vergiftete und verfaulte Umgebung. Zu den erschütterndsten Szenen gehören neben den wirklich gruseligen Angriffen der Monster-Hoodies die Momente, in denen der Held mitten im öffentlichen Raum verloren wirkt: so wenn der gleichgültige Fahrer dem mit seiner Tochter im Kinderwagen zum Bus rennenden Tommy vor der Nase wegfährt oder wenn Tommy in einem offenbar menschenleeren Krankenhaus aufwacht. Wer in einer solchen Welt nicht zum Agoraphobiker wird, muss schon sehr glücklich abgestumpft sein.

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Cirian Foy bedient sich also der Ikonografie des Hoodies als eines sozialen Schreckgespensts und macht daraus einen lupenreinen Horrorfilm. Dieser Zugang ist zwar nicht neu, auch andere Filme machten aus den Hoodies Dämonen. Citadel aber – und das macht ihn zu einem ungeheuer effektiven Genrebeitrag – fährt nun ein wahres Arsenal von sozialen und Urängsten auf, wobei der Kapuzenpulli als Superzeichen beides verbindet, gleichzeitig als Chiffre für „Broken Britain“ und in seiner Maskierungsfunktion für die Urangst vor dem Verborgenen, Unsichtbaren steht.

Citadel beutet diese Ängste aber nicht einfach aus – dafür ist er zu ernsthaft und angenehm unsadistisch –, sondern versucht, die Angst an sich zu begreifen. Durch ihre Thematisierung in der Phobie des Helden wird der Film selbstreflexiv und ragt damit aus der Masse von Genre-Produkten heraus. Ein Clou ist es dabei auch, dass die Kreaturen Angst sehen können und sich auf ängstliche Opfer stürzen, die Angst motiviert also Gewalt. Erst die Überwindung der Angst, so die etwas einfache Botschaft, ermöglicht es, die Täter zu durchschauen, zu konfrontieren und die Gewaltspirale zu durchbrechen.

Die reale Angst vor Jugendgewalt wird in Citadel zwar symbolisch überhöht, dennoch oder gerade deshalb werden dabei auf hintergründige Weise ihre sozialen und psychologischen Ursachen reflektiert. Denn auch die Monster, so die bittere Pointe des Films, sind selbst nicht nur Ursache, sondern ein Produkt der Verwahrlosung der gesamten Gesellschaft.

Trailer zu „Enter the Darkness - Stell dich deiner Angst“


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