Cirkus Columbia

Nach No Man’s Land inszeniert Danis Tanovic erneut einen Film über seine Heimat Bosnien. Cirkus Columbia ist allerdings thematisch ausufernder geraten als sein Debüt.

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Vor zehn Jahren sorgte der bosnische Regisseur Danis Tanovic mit seinem Film No Man’s Land für Aufsehen. Die Satire über den Bosnienkrieg brachte dem damaligen Debütanten internationales Renommee ein. Mit sehr schwarzem Humor führte er anhand der Situation von zwei starrköpfigen Soldaten, einem Serben und einem Bosnier, die durch widrige Umstände gemeinsam in einem Schützengraben gefangen sind, die Irrsinnigkeit des Krieges vor Augen – auch oder gerade in Zeiten humanitärer Hilfe durch UN-Blauhelme und Vor-Ort-Kriegsreportagen. Mit seinem vierten Spielfilm Cirkus Columbia widmet er sich wieder seiner Heimat, diesmal vor dem Krieg.

1991, zwischen dem Ende des jugoslawischen Staates und dem Ausbruch des darauf folgenden Balkankrieges: Der junge Martin (Boris Ler) führt gemeinsam mit seiner Mutter Lucija (Mira Furlan) ein bescheidenes, aber zufriedenes Leben in einer kleinen Stadt in Bosnien-Herzegowina. Als sein Vater Divko Buntic (Miki Manojlovic), den er noch nie gesehen hat, aus seinem Exil in Deutschland zurückkehrt, ändert sich einiges. Vor 20 Jahren musste der Vater seine Heimat auf der Flucht vor den Kommunisten verlassen. Seine schwangere Frau, die auf deren Seite stand, weigerte sich mitzukommen. Divko hat zwischenzeitlich in Deutschland das große Geld gemacht und bringt neben jeder Menge D-Mark seine neue, wesentlich jüngere Freundin Azra (Jelena Stupljanin) und seinen glücksbringenden Kater Bonny mit. Da das Haus, in dem Martin und Lucija leben, immer noch ihm gehört, lässt er es räumen, um selbst dort einzuziehen.

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Aus diesem Eröffnungskonflikt entfaltet Cirkus Columbia eine Vielzahl von Themen. Da ist zunächst das beschauliche Kleinstadtleben, die Heimat, nach der sich Divko so sehnte. Idyllische Aufnahmen zeigen Stadtbewohner, wie sie von einer Eisenbahnbrücke in den See springen oder über den Marktplatz flanieren. Anhand einzelner Bewohner wie etwa des ehemaligen Bürgermeisters und Parteifunktionärs wird die realsozialistische Vergangenheit aufgegriffen. Divkos Abrechnung mit den Kommunisten inklusive seiner Frau wird als Sieg des Kapitals inszeniert. Mit seinem Geld lässt er die anderen nach seiner Pfeife tanzen. Am deutlichsten kommt dies zum Ausdruck, wenn Divko für den entlaufenen Bonny einen Finderlohn aussetzt: Eine Totale bei Nacht zeigt kurz darauf über die ganze Stadt verteilte Menschen mit Taschenlampen, die den Namen des Katers rufen.

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Während Divko mit Lucija äußerst hart umgeht, kommt es zu einer Annäherung zwischen Vater und Sohn, die einander fremd sind. Divko bietet Martin an, ins Haus zurückzukehren. Daran wiederum schließt eine Geschichte über das Alter an. Die junge Azra beginnt sich schnell bei dem älteren Divko unwohl zu fühlen, versteht sich aber zusehends besser mit seinem Sohn. Schließlich laufen die Handlungsstränge im bevorstehenden Krieg zusammen. Von der unwirklichen Ferne in Massenmedien wie TV und Radio, in denen er prophezeit wird, schleicht er sich über immer häufiger zu vernehmende Befürchtungen und Warnungen der Mitmenschen in den Alltag der Protagonisten ein, bis sich schließlich in der bis dahin so friedlichen Kleinstadt Fronten bilden und einstige beste Freunde sich in verfeindeten Lagern gegenüberstehen. Tanovic setzt hier auf einen Hell-Dunkel-Kontrast. Das anfangs noch harmonische Kleinstadtleben wird in sonnenlichtdurchfluteten Einstellungen porträtiert, die Eskalationen, die den Krieg vorwegnehmen, ereignen sich hauptsächlich bei Dunkelheit.

In der Umsetzung dieser Handlungsstränge ist der Film insgesamt leider eher enttäuschend. Tanovic begnügt sich offenbar damit, Konflikte und Fragen, die aus den genannten Themen hervorgehen, nur aufzuwerfen, ohne diesen dann konsequent nachzugehen. Die Handlung verbleibt an der Oberfläche und im Bruchstückhaften. Gegen Ende beispielsweise scheint es, als bilde ein bevorstehender Sturm auf eine Kaserne einen Höhepunkt, der aber letztlich gar nicht mehr gezeigt wird. Auch ist es schwierig, den Ton auszumachen, in dem Tanovic erzählen will. Als schwarze Komödie, die man nach No Man’s Land vielleicht wieder erwarten könnte, lässt sich Cirkus Columbia nicht bezeichnen. Trotz einiger weniger ansatzweise skurriler Szenen, wie der beschriebenen Katzensuche, verzichtet Tanovic auf den bissigen und absurden Humor, den sein Debüt auszeichnete. Richtig dramatisch wird es jedoch auch nie. Weder für das Schicksal der Figuren noch für die historische Situation des bevorstehenden Krieges vermag der Film ausreichend Empathie aufzubauen.

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Ohne erkennbaren Fluchtpunkt der Dramaturgie dominiert beim Zuschauer bald der Eindruck der Belanglosigkeit. Angesichts des Titels könnte man dies als Konzept interpretieren. Cirkus Columbia ist der Name des Karussells auf dem städtischen Rummelplatz. Für Divko ist dies ein Ort der Unbeschwertheit, an dem er am Ende alle Schwierigkeiten und Konflikte, die sich im Laufe des Films aufgetan haben, ausklammern kann, als wäre nichts geschehen.

Vielleicht hätte Cirkus Columbia sein Potenzial eher ausschöpfen können, wenn er sich, wie es bei No Man’s Land der Fall war, auf weniger Themen stärker konzentriert hätte. Stattdessen ist der Film, trotz seiner Laufzeit von knapp zwei Stunden, schon wieder zu Ende, bevor auch nur einer der verschiedenen Handlungsstränge eine Dimension erreicht, die tatsächlich zu fesseln vermag.

Trailer zu „Cirkus Columbia“


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