Christmas Tree Upside Down – Kritik

Postkarten aus Bulgarien: Christmas Tree Upside Down ist ein hübsch anzuschauender Scherbenhaufen.

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Am Anfang wird ein Baum gefällt, am Ende steht er, reich beschmückt, inmitten von Sofia. Und zwischendrin sehen wir ihn immer mal wieder, dinosauriergroß und fest verzurrt, auf Lastwagenladeflächen durch die bulgarischen Landschaften tuckern. Zum visuellen Leitmotiv gesellt sich dabei ein musikalisches: schunkeliges Akkordeonorchester mit Schmiss und viel Blaswerk. Willkommen zur Panoramafahrt durch den Balkan!

Christmas Tree Upside Down von Ivan Cherkelov und Vassil Jivkov (2006) folgt also der Form des Reisefilms: nur dass der „Reisende“ hier, auf seiner Fahrt zwischen Tod (Abholzen) und Wiedergeburt (in Form des Symbols), doppelt anästhesiert ist – ein Baum ist ja ohnehin eher so am Rande unseres Lebensverständnisses beheimatet, und dann auch noch entwurzelt ... Es ist also angesichts eines derart zur Passivität verurteilten Protagonisten nicht weiter verwunderlich, dass der mit den einzelnen Stationen der Reise nicht viel mehr zu tun hat, als durch die gleichen schön abendsonnig glühenden Landschaftspanoramen zu rauschen, in denen sich auch die Hauptfiguren der sechs Episoden des Filmes herumtreiben.

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In denen begegnen uns Gesichter des zeitgenössischen Bulgariens, die ebenso wie der Baum zwischen Natur- bzw. Traditionsverbundenheit und einer aufgeschobenen Neugeburt im Nichts zu hängen scheinen. Die einen sind in der sowjetisch geprägten Vergangenheit stecken geblieben, die anderen kehren aus den doch nicht so traumhaften USA zurück; eine Roma-Familie ist, wie es das Klischee will, sowieso nirgendwo richtig zu Hause, und eine Gruppe Alter tanzt zum Trommelschlag um einen Baum, als wären die Zeiten des Osmanischen Reiches nie vergangen.

Die einzeln betitelten Episoden teilen vage ihre thematischen Felder, handeln Konflikte aus zwischen Alt und Neu, Stadt und Land, Mensch und Tier. Und jede hat eine musikalische Prägung: Akkordeon, Violine, Eminem, Deep Purple etc. Aber darüber hinaus gibt es nicht viel Kohärenz, und so zeigt sich Christmas Tree Upside Down als vor allem schön zu betrachtendes Licht-Schatten-Spiel.

Christmas Tree Upside Down 03

Die letzte Episode „Die Trommel“ beispielsweise erweist sich als faszinierend freie, fast ethnografische Beobachtung eines sozialen Rituals; das Mittelstück „Sokrates“ wiederum wirkt hochtrabend und ästhetisch muffig durch eine Mischung von Aufnahmen aus einem militärischen Gefängnis mit Kostümszenen, die den bei Platon überlieferten Tod des großen Denkers nachstellen.

In den starken Momenten lugt da Emir Kusturica um die Ecke, wenn sich die Musik hochschaukelt und wenn sich in den Dialogen diese herrlich zupackende Balkanpoesie entlädt, wenn Melancholie und Todessehnsucht nicht nach hängenden Köpfen, sondern nach mehr Wodka brüllen. In den schwachen Momenten aber fühlt man sich eher wie beim Arte-Themenabend: „Schwangere Teenies in den Straßen Sofias“, gefolgt von „Unterwegs an Bulgariens Schwarzmeerküste“.

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In oben erwähnter „Sokrates“-Sequenz liefert der Film dann auch seinen eigenen Interpretationsschlüssel gleich mit: „Wirklich“, so ein Häftling zum anderen, ist nicht das Original, sondern dessen Reflexion. Wie wenn sich Bäume upside down in einem ruhigen Gewässer spiegeln: Sie geben ihre Wirklichkeit an die Bilder ab. Umkrempeln ist also angesagt: nicht die Dinge zählen, sondern die Abbilder. Nicht die Tanne ist wichtig, sondern der Weihnachtsbaum. Jedoch, natürlich: hinter der Wirklichkeit (ver-)steckt (sich) ja für gewöhnlich noch die Wahrheit, und so schreibt Christmas Tree Upside Down auch in seinen schwächeren Momenten eine unsichtbare Botschaft in die Landschaften: dass noch viel zu erzählen ist aus Bulgarien, und das sich zuhören und zuschauen lohnt.

Etwas „out of context“ noch eine Warnung zum Schluss: In der Episode „Das Kalb“ gibt es eine eindeutig nicht gestellte Schlachtszene. Wer gegen das Töten von Tieren zum Zwecke einer Filmproduktion Einspruch erhebt, sollte Christmas Tree Upside Down daher fernbleiben. Andererseits, wie gesagt: die Bilder, die Wirklichkeit, die Wahrheit. Aber das nur am Rande ... 

Trailer zu „Christmas Tree Upside Down“


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