Chillerama

»When there is no more room in hell, the dead will fuck the earth.« Unter Hektolitern von Blut, Sperma, Schleim und Exkrementen verbirgt der Splattertrash-Anthologiefilm ein großes Herz.

Chillerama 01

Zum Auftakt ist noch alles schwarzweiß: ein Mann schleicht über einen nächtlichen Friedhof, beginnt zu graben. Nachdem er den Sarg mit der schon leicht angefaulten Frauenleiche aufgebrochen hat, richtet er einige hasserfüllte Worte an die Verblichene, seine offenbar zu Lebzeiten recht kapriziöse Exfreundin, und öffnet dann seine Hose, um die Leiche oral zu vergewaltigen. Da diese jedoch nicht so tot ist, wie sie dem oberflächlichen Blick erscheinen muss, büßt der nekrophile Schänder bei diesem Versuch seine primären Geschlechtsorgane ein und beginnt, aus den Wunden neonblauen Schleim abzusondern. Diese Kastration, in Großaufnahme ins Bild gesetzt, fügt ihm zunächst sichtlich nachvollziehbare Schmerzen zu, dann klingelt jedoch sein Mobiltelefon, worauf er sich unverzüglich auf den Weg zur Abendschicht macht.

Der (im Wortsinne) schleimtriefende Leichenschänder des Prologs nämlich arbeitet im Drive-In-Kino von Cecil Kaufman, das mit einem Programm aus vier Horrorfilmen seine Last Picture Show zelebriert, bevor es den veränderten Sehgewohnheiten des gegenwärtigen Publikums seinen Tribut zollen und die Tore für immer schließen muss. Die ersten drei Filme dieser langen Nacht des Exploitationkinos markieren die ersten drei Episoden von Chillerama, einem Anthologiefilm der amerikanischen Trashhorror-Regisseure Adam Green (Hatchet 1 & 2), Joe Lynch (Wrong Turn 2: Dead End), Tim Sullivan (2001 Maniacs!) und Adam Rifkin (Psycho Cop Returns), bevor der vierte und abschließende Film sich dann als Faketrailer entpuppt, woraufhin die die Episoden zusammenschmiedende Rahmenhandlung selbst in den finalen Beitrag der Anthologie kippt.

Der erste (und schwächste) Beitrag zu Chillerama ist Adam Rifkins Wadzilla, der die Geschichte eines radioaktiv mutierten und zu riesenhafter Größe angewachsenen Monsterspermiums erzählt, das New York City zu zerstören droht. Da die herbeigerufene Allianz aus Wissenschaft (Ray Wise!) und Militär (Eric Roberts!) die marodierende Samenzelle jedoch zum Paarungsakt mit der mit einem riesigen Präservativ verhüllten Freiheitsstatue locken und – caught in the act – mit einem gezielten Schuss zum Zerplatzen bringt, was konsequenterweise den wohl exzessivsten Cumshot der Kinogeschichte zur Folge hat, kann die freie Welt jedoch noch einmal gerettet werden. Jedenfalls bis zur nächsten Handentspannung des die expandierenden Spermien produzierenden Protagonisten Miles Munson. Auch wenn von den ersten Sekunden an völlig außer Frage steht, dass absolut alles an Wadzilla pubertär, klamaukig und völlig jenseits irgendeines gesunden Geschmacksempfindens steht – auf irgendeiner abseitigen Ebene kommt man schlussendlich dann doch nicht umhin, an dem stop-motion-animierten Monsterspermium und seinem destruktiven Feldzug sowie der Kopulation desselben mit einer strippenden Freiheitsstatue ein gewisses subversives Potenzial zu entdecken.

Chillerama 02

Dieses tritt dann in der zweiten Episode, von Tim Sullivan unter dem Titel I Was a Teenage Werebear beigesteuert, unmittelbar in den Vordergrund. Die Geschichte des High-School-Außenseiters Ricky, der mit den Cheerleadern, die ihn unablässig anschwärmen, so gar nichts anzufangen weiß und sich eher von einer maskulinen Gang cooler Outcasts angezogen fühlt, inszeniert eine lustvolle Inversion des im Subtext stets konservativen Teenager-Monsterfilms der 50er Jahre – als schwules Rock’n’Roll-Musical. Im Zustand sexueller Erregung nämlich verwandeln sich die juvenile delinquents in stark behaarte Lederschwule, deren Emanzipationsbestrebungen sich in recht handgreiflicher Weise äußern. Sullivan meistert hier spürbar besser als Rifkin in der ersten Episode den Balanceakt zwischen dem Ausstellen der sexuellen Subtexte des Monsterfilms, die hier überdeutlich an die Oberfläche gezerrt und ausgeschlachtet werden, und dem humoristischen Verdrehen von Stereotypen der gewählten generischen Form, was seinen Beitrag zu einem Highlight der Kompilation werden lässt.

Über den schönsten Titel allerdings verfügt dann zweifelsohne Adam Greens Beitrag The Diary of Anne Frankenstein. Dieser erzählt die Geschichte des Frank’schen Familiengeheimnisses in Form der geheimen Aufzeichnungen des Großvaters, der unter seinem wahren Namen an der Kreation eines künstlichen Menschen werkelte, was Adolf Hitler nun nach der Elimination der Familie Frank dazu bewegt, es ihm gleichzutun. Als Flickwerk aus allerlei in Konzentrionslagern zusammengetragenen Leichenteilen bastelt sich Hitler die optisch auffällig nach Vorbild eines orthodoxen Juden gestaltete Kreatur Meshugannah, die sich bald jedoch ihrer Wurzeln besinnt und sich gegen den Führer, die nymphomane Eva Braun und ihren Haufen Schießbudennazis wendet. Und, nicht zu vergessen, gegen das geliebte Welpenpuzzle des GröFaZ. Anders als Rifkin und Sullivan setzt Green hier weniger auf visuelle Gross-Out-Exzesse als auf Verstöße gegen die political correctness, was nach einer guten Stunde des Watens durch Körperflüssigkeiten und Peniswitze zu diesem Zeitpunkt bereits beinahe einer willkommenen Atempause gleichkommt.

Chillerama 03

Einen würdigen Showdown erlebt Chillerama dann freilich im Abschluss der Rahmenhandlung, Joe Lynchs Zom-B-Movie, der nach einem erfreulicherweise kurzen Abstecher in den Exkrementefetischfilm in eine wahrlich furiose untote, polysexuelle Gruppensexorgie überleitet: »When there is no more room in hell, the dead will fuck the earth.« Und wenn in den letzten Minuten das geekige Teenager-Nerdpaar endlich zueinander gefunden hat, während vor den Autofenstern allerlei Zombies mit Leichenteilen vögeln, dann kann man sich ganz ehrlich keinen passenderen und auch keinen schöneren Abschluss vorstellen für einen Film, der den ruppigen und um Tabugrenzen völlig unbekümmerten Tonfall des klassischen Exploitationkinos aller Infantilität zum Trotz dann doch erstaunlich gut trifft und der unter Hektolitern von Blut, Sperma, Schleim und anderen Körperausscheidungen verborgen ein großes, sentimentales Herz hat.

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Kommentare


Filmliebhaber-Tom

Und wieder haben sich 4 Filmregisseure zusammen getan und einen wirklich sehenswerten Episoden-Horror geschaffen, der sich wahrlich gewachsen hat. Statt auf blutrünstigen Holzhammer-Terror zu setzen, werden in „Chillerama“ vordergründig die Lachmuskeln strapaziert, denn dieses muntere kleine Filmchen persifliert und parodiert auf überaus charmante Weise fast 80 Jahre Horrorfilmgeschichte. Dabei gestaltet sich das muntere Hommage-Raten als überaus erfrischend und wunderbar schrullig, dass man „Chillerama“ einfach dafür gern haben muss.
Leider erlischt das recht hohe Gag-Feuerwerk nach den ersten drei Kurzgeschichten und mündet in einem recht idiotischen Abschluss, der sich mit derben Fäkal-Witzen und dreisten Sex-Schoten ein wenig selbst das Bein stellt. Schade. Trotzdem, absolut sehenswert und ein Muss für aufgeschlossene Filmfans! Die gesamten Review lest ihr hier:

http://filmchecker.wordpress.com/2012/07/03/filmreview-chillerama-2011/






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