Children of Men

Alfonso Cuarón kreiert in seinem neuen Film eine höchst pessimistische Utopie unserer Gesellschaft, die vor allem aufgrund ihrer spezifischen Bezugnahme auf geläufiges Bildmaterial unserer Zeit verstört.

Children of Men

Eine Bombenexplosion ist der erste Anschlag dieses Tages, bei dem Theo (Clive Owen) mit dem Schrecken davon kommt. Noch hält er den heißen Coffee to go in der Hand, als dumpf das soeben verlassene Lokal in Flammen aufgeht. Dieser Start in den Tag verheißt nichts Gutes, aber in Children of Men auch nichts großartig Ungewöhnliches. Man geht wie gewohnt weiter zur Arbeit und trauert eher dem Tod des jüngsten Erdenbewohners nach, dessen Sterben auf allen Kanälen das Thema des Tages ist, als dass einen eine gewöhnliche Explosion bestürzen würde.

Wir befinden uns im Jahr 2027: Menschen wie Tiere haben die Fähigkeit, Nachfahren zu zeugen, verloren und stehen ihrem eigenen Aussterben gegenüber. Alle Welt hofft auf ein Wunder, das sie aus dieser desolaten Lage erlöst. Als das Unglaubliche geschieht und ein junges Mädchen (Clare-Hope Ashitey) ein Kind gebiert, entbrennt ein Kampf um das hoffnungsverheißende Neugeborene. Die Flucht vor den machthungrigen Untergrundkämpfern führt Theo und die junge Mutter durch verlassene Ortschaften Englands direkt ins verwahrloste, menschenüberfüllte London, während hinter jeder Ecke die Gefahr lauert, aufgespürt und in eines der Sperrgebiete für Heimatlose gesteckt zu werden. Ihr Ziel: das mysteriöses Boot des „Human Projects“, einer Wissenschaftler-Elite, die auf einer Insel nach Überlebensmöglichkeiten der Menschheit forscht. Für Theo, der kurz zuvor einwilligte, gegen gute Bezahlung jenem jungen Mädchen zu helfen, beginnt damit eine Konfrontation mit seiner eigenen Vergangenheit.

Children of Men

Alfonso Cuarón entwirft in Children of Men ein Horrorszenario unserer Gesellschaft, in der weder familiäre noch zwischenmenschliche Bindungen, Nationalitäten oder territoriale Zugehörigkeiten als weiterhin gegeben existieren. Ethik oder Menschenrechte erscheinen hier als Reliquien vergangener Epochen und stellen für die Figuren des Films keinerlei Handlungsmotivation mehr dar. 2027 kämpft in dieser trostlosen Alptraumversion unserer Zukunft ein jeder für sich allein. Anonym und ausgestoßen stehen die Emigranten und Armen der Gesellschaft in Gitterkäfige gepfercht oder an den Schienensträngen vor den für sie verschlossenen Sektoren. Um Gnade und Essen bettelnd schreien sie verängstigt oder kämpferisch aggressiv nach einem humaneren Leben.

Doch weniger die Geschehnisse in Children of Men sind die Ursache für die außergewöhnlich beängstigende Stimmung dieses Filmes. Vielmehr ist es die Art und Weise mit der Cuarón den Zuschauer an die Figuren wie an die Örtlichkeiten seines Filmes heranführt, die das Gezeigte zu einem realitätsnahen Alptraum werden lassen.

Children of Men

Beginnen wir am Anfang: Die als dumpf beschriebene Akustik der Explosion führt ein, was als Stilmittel den gesamten Film durchzieht. Auch wenn man noch keine Explosion miterlebt hat, schafft es dieser befremdliche Ton ein Gefühl von Nähe zu vermitteln, das einen instinktiv zusammenfahren lässt. Distanz halten fällt schwer in Children of Men, denn Bild und Ton sind hier mittendrin im Geschehen. Die gesamten 114 Filmminuten weicht die Kamera kein einziges Mal von der Seite ihres Protagonisten. Dennoch macht nicht nur die räumliche Nähe zum Gezeigten die Brisanz der verwendeten Filmästhetik aus, sondern ihre spezifische Vermittlung von Materialität. Die Bilder wackeln auf der Flucht, werden im Kampf mit Blut bespritzt oder mit solch verstörenden Geräuschen wie der Explosion zu Beginn unterlegt, dass sie eine physisch-sinnliche Relation zu Ereignissen zu erzeugen vermögen, die man in ähnlicher Art bereits aus Filmen wie Der Soldat James Ryan (Saving Privat Ryan, 1998) zur Schaffung von Involviertheit kennt.

Ebenso wirkt die Mise en scène in Children of Men durch ihren Grenzgang zwischen Realität und Fiktion beunruhigend gegenwartsnah. Kontinuierlich rekurrieren die eingeführten Stationen im Film auf ein allgemein präsentes Bildrepertoire heutiger Tage. Für diese Form der Bezugnahme bedienen sich Cuarón und sein Team verschiedenster Gesellschaftsbereiche. Ganz nach postmoderner Manier verweisen seine futuristischen Bilder nicht nur in die Zukunft, sondern rekurrieren zugleich entgegengesetzt auf Filme, Religion, Architektur, bildende Kunst sowie Kriegsbilder unserer Epoche. Die gesetzten Bezüge verschmelzen hierbei zu einem Panoramabild, das zunächst nur Hintergrund zu sein scheint, aber schon im nächsten Moment die tatsächliche Tiefe des Gesehenen ausmacht und die geschilderten Probleme derart im Jetzt verankern.

Und trotz deutlicher Anspielungen auf die Geburt Jesu im Verlauf der Geschichte hat Alfonso Cuarón mit diesem Film keinen religiösen New Age Kitsch verfasst, sondern durch dessen ironische Dekonstruktion eine zwar harte, aber die Kraft der Spiritualität und des menschlichen Glaubens nicht verleugnende Vision einer realitätsnahen Zukunft.

 

Kommentare


Raoul

Die Inhaltsbeschreibung zu Beginn ist in vielen Punkten falsch.
Tiere können sich sehr wohl noch fortpflanzen, woher kommen zum Beispiel die ganzen Hundewelpen bzw. kleinen Katzen.
Der Kampf um das Mädchen entbrennt schon weit vor der Geburt.
Außerdem führt sie die Flucht nie nach London, sondern in ein Flüchtlingslager.
Also bitte das nächste Mal erst den Film schauen, bevor man solche Fehler schreibt.


Stormking

Da kann ich mich meinem Vorredner nur anschließen. Die Inhaltsbeschreibung ist einfach nur Quatsch, man bekommt den Eindruck, die Autorin hätte den Film gar nicht gesehen. Das macht den Rest der Kritik leider völlig wertlos.






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