Chico & Rita

Konservative Karibik: Chico & Rita will ernstzunehmende Animation für Erwachsene sein, bleibt aber zu zahm, um mitzureißen.

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Kuba und Musik gehören in der Imagination seit Längerem zusammen, als Tourismusversprechen oder als Kontrapunkt zur Geschichte um Castro und Guevara. Und seit Wim Wenders’ Buena Vista Social Club (1999) ist die karibische Insel auch in Kino und Wohnzimmer Garant für sommerlich-lässige Wohlfühlmusik. Doch die große Zeit von Són und Cuban Jazz ist hierzulande vorüber, und ein weiterer Film über die Insel und ihre Musik erscheint fast wie ein Klischee. Aber der Animationsfilm Chico & Rita, Gemeinschaftsprojekt des spanischen Regisseurs Fernando Trueba und des Malers Javier Mariscal, begeht nicht den Fehler, sich hinter dem Label „Kubanische Musik“ in die Kinosäle zu schleichen. Zwar ist es ein Film über Kuba – und ein Musikfilm –, doch kommt der Sound hier meist vom großen Erzfeind USA.

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So hören wir zuallererst Rap: Eine Gruppe Teenager kopfnickt um den Ghettoblaster, während der alte Schuhputzer Chico durch die halbverfallenen Straßenzüge Havannas nach Hause schlendert. Dort dreht er das Radio auf, die Sendung heißt „Klänge von gestern“, und schnell wird er von seinen Erinnerungen in die Vergangenheit getragen, in Zeiten vor der Revolution. Damals war er Pianist, spezialisiert auf Bebop und amerikanischen Jazz. Der Film erzählt in langen Rückblenden von Chicos hitziger On/Off-Beziehung zur Sängerin und Teilzeitprostituierten Rita. Mal feiern sie als Duo große Erfolge, dann flüchten sie voreinander nach New York, nur um in einem Kuba anzukommen, in dem Chicos Musik als westlich und kapitalistisch verteufelt wird.

Diese Akzentsetzung ist zumindest bemerkenswert, da die jüngere kubanische Geschichte quasi komplett unter den Tisch fällt und sich der Film vollkommen auf das Davor und ein mögliches Danach der kommunistischen Abschottungspolitik konzentriert. Davon abgesehen funktioniert Chico & Rita als historisches Melodrama ausgesprochen klassisch: Die Ära wird farbenfroh gezeichnet, Themen wie Rassismus und Kriminalität werden gestreift, bleiben letztlich aber nur Hintergrund und Material für die Wirrungen der Liebesgeschichte.

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Doch warum Chico & Rita unter diesen Voraussetzungen ein Animationsfilm und kein Live-Action-Spielfilm wurde, ist keine irrelevante Frage. Denn die spielerischen, fantastischen Potenziale des Zeichentrickfilms lassen Trueba, Designer Javier Mariscal und Animator Tono Errando weitgehend ungenutzt. Sie verschreiben sich stattdessen einer gezügelten, realistischen Form, die sich hinsichtlich Bildgestaltung und Montageverfahren stark am klassischen fotografischen Filmemachen orientiert und die Animation eher als Stilmerkmal denn als Inszenierungslogik mit ganz eigenen Mächten begreift. Man muss selbstverständlich vorsichtig sein, einer Ausdrucksform so etwas wie wesenhafte Züge zu unterstellen. Doch dem Animationsfilm bieten sich nun einmal ganz eigene Möglichkeiten und Hindernisse in der Darstellung, zumal einem kleinen Film wie Chico & Rita, produziert nach dem Verfahren der Limited Animation.

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Wenn nicht jeder Frame Bewegung produziert und die mit kräftiger Linie konturierten und flächig ausgemalten Gesichter ohnehin das Ausdrucksregister feiner mimischer Bewegungen stark verknappen, dann wird es für einen Liebesfilm schwierig. Die Limited Animation hat ihre Stärken eher in der Karikatur, doch beim amourösen Hin und Her zwischen Eifersucht, Misstrauen und Überschwang kommt es auf Nuancen an. Die essenziellen Blicke des Melodramas, der begehrende, der sehnsuchtsvolle, der kokette: Sie alle wirken hier scherenschnittartig, bisweilen sogar peinlich. Eigenartige und unausgegorene Effekte sind die Folge, wenn Ritas Antlitz immer wieder in langen Großaufnahmen gehalten wird, wobei wir Zuschauer in ihren recht groben Zügen Begehrlichkeiten und Passionen lesen sollen.

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In einer Traumsequenz vor Chicos Ankunft in New York prallt der dominante gehemmte Modus von Chico & Rita auf die freien modernistischen Möglichkeiten seiner Ahnherren, den großen Animatoren wie Tex Avery, John Hubley, Max Fleischer, Chuck Jones oder Designgott Saul Bass. Hier pulsieren für einige Minuten die Farben, lösen sich Formen auf und fließen ineinander, wird die New Yorker Skyline zu neonfarbenen Rechtecken und leuchtenden Schriftzügen. Aber wie Chico aus dem Traum erwacht, so kehrt auch der Film alsbald wieder zu seiner braveren Version einer gezeichneten Welt nahe an der Wirklichkeit zurück.

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Diese Spannung zwischen modernistischer Abstraktion und Realismus charakterisiert Chico & Rita. In jedem Bild schlägt sie sich nieder als Distanz zwischen den detailreich und filigran ausgeführten Hintergründen und den scharf gezeichneten Figuren. Doch trotz der genannten Probleme bleibt diese Opposition nicht ohne Reiz, denn Trueba versteht es, sie thematisch rückzubinden. Die Emotionen, der Lebenswille, das Musikalische und auch das Amerikanische: Sie gehören zu den Menschen und ihren biegsamen, modernistisch entschlackten Körpern. Die Realität in ihrer Schönheit und Tristesse, das Stabile und auch das Sozialistische: Sie sind im realistischen Modus verankert. Doch ist diese Einteilung sicherlich nicht ohne politische und kunsthistorische Probleme, wurde die Blockeinteilung der Welt doch auch gerne anhand der Tendenzen zum Abstrakten da und zum Realistischen dort nacherzählt. Wie man es auch nimmt: Chico & Rita ist ein zwar konzeptuell reizvoller, aber in der Ausführung etwas zahmer, um nicht zu sagen konservativer Film, der als Zwitterwesen zwischen klassischem Melodrama und gehemmter Animation nicht richtig zu überzeugen vermag.

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