Chevalier

Gender Trouble auf der Luxusjacht: Athina Rachel Tsangari eröffnet in einem hochkonzeptuellen Film eine identitätspolitische Spielwiese der Männlichkeit.

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Es ist ein Motiv, das klassischer nicht sein könnte: Sechs befreundete Männer auf See. Irgendwo in der Ägäis. Als der Motor des luxuriös ausgestatteten Schiffs versagt, strandet die Gruppe auf einer kleinen Insel. Die Reparatur zieht sich hin, es wird auf Ersatzteile gewartet. Tagsüber schwärmen die Freunde zum Fischen aus, schlagen neben ihrer Zeit schwungvoll Kalmare auf spitzen Felsen tot und verzehren allabendlich gemeinsam ihre Beute; Kaschmirpullover auf den Körpern, gut gekühlten Weißwein in den Gläsern. Die Langeweile regiert. Die alten Freunde haben sich nichts zu sagen. Das bringt die Männer auf eine Idee: Bis zur Ankunft in Athen wollen sie herausfinden, wer der Beste unter ihnen ist. Der Gewinner bekommt den Siegelring des „Doktors“ (Yorgos Kendros), dem Gruppenältesten. Und empfängt den Ritterschlag zum Chevalier. Jagen und Spielen – der Wettbewerb beginnt.

Keine Schwäche zeigen

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Die Männlichkeitsrituale des Fischens, Spielens und Härtezeigens stehen dabei in einem aberwitzigen Kontrast zum eigentlichen Setting von Athina Rachel Tsangaris Chevalier: Das Schiff ist eine veritable comfort zone, inklusive Koch und Diener. Wir sehen die arrivierten Männer brav beim Saugen und Wischen. Doch als beim Dinner unter freiem Himmel die abendliche Frische einsetzt, frieren die Freunde lieber kollektiv, als dass einer von ihnen zugeben würde, dass es zu kalt ist. Keine Schwäche zu zeigen, dieses scheinbare Urgesetz der männlichen Sozialisation verhindert alle Empathie und macht ein soziales Leben, das diesen Namen verdienen würde, unmöglich. Nur die beiden Brüder Yannis (Yorgos Pirpassopoulos) und Dimitris (Makis Papadimitriou) fallen gelegentlich aus dem Raster: Denn im Gegensatz zu den anderen gelingt es ihnen nicht, ihre femininen Seiten zu verbergen. Sie irritieren das Setting gewissermaßen, stören die gepflegte, ruhige Maskulinität der Reise.

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Es sind bissige Beobachtungen, die Tsangari in weißlich-unscheinbare, nüchterne Bilder kleidet. Die Ägäis scheint ungewohnt wolkenverhangen. Der horror vacui des männlichen Alterns wird dabei vorzüglich durch die unbehauste Materialität des Schiffskörpers spürbar: Alles ist auf Hochglanz, doch die Substanz schwindet – Potenz und Haarfülle sind dabei die bestimmenden Sujets unter den Freunden. Wir sehen aber noch mehr: morgendliche Haarpflege, Yoga, Skypedates. Chevalier zeigt, was für Leiden die unselige Allianz von Mythos, Moral und einem Körper, der seine eigenen Fakten schafft, auslösen kann. „Scientific man is already on the moon, and yet we are still living with the moral concepts of Homer“, sagte Michelangelo Antonioni einst. Dieses Credo steht auch Chevalier gut an. Denn das Spiel selbst gleicht mehr einem modernem Evaluationswahn als einem antiken Arenakampf: Die Notizbücher werden gezückt, teilnehmende Beobachtungen angestellt. Das ist kein simples Kräftemessen, sondern eher eine biographische Bilanzierung.

Freundschaft als suspendierte Konkurrenz

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Und so reichen sich eine ausgestellte Archaik und immer wiederkehrende first world problems in Chevalier fröhlich die Hand. Der Film ist eine gnadenlos konzeptuelle Sezierung männlicher Selbstwahrnehmung. Bereits im famosen Attenberg (2010) hat Tsangari ihr Interesse für Geschlechterrollen gezeigt, am Beispiel zweier jugendlicher Mädchen, die ihre Sexualität inmitten industrieller Tristesse und sozialer Gefühllosigkeit für und zwischen sich entdecken. Nun also sind die Männer an der Reihe. Und tun sich schwer. Stets scheint es darum zu gehen, wer dem Verfall und der Verweichlichung am besten getrotzt hat. Freundschaft wird zu Momenten kurzzeitig suspendierter Konkurrenz.

Die abwesenden Familien spielen dabei kaum eine Rolle, in Chevalier ist keine einzige Frau zu sehen. Nur pro forma muss jeder der Männer ein Telefonat mit seiner Frau führen, die Gesprächsperformance fließt in die Bewertung mit ein. Alles ist auf den Wettbewerb ausgerichtet, der von den Freunden zur Urform allen Lebens deklariert wird. Doch diese evolutionären Euphemismen stehen in krassem Kontrast zur längst erworbenen Domestiziertheit, zur eitlen Empfindlichkeit dieser Männer – das erzeugt letztendlich die absurde Komik des Films. So stellt sich immer mehr die Frage, was am Ende des Spiels passieren wird. Einer der Freunde deutet es im Subtext an: Der Oleander vor dem Küchenfenster seines Hauses müsse dringend beschnitten werden. Das Schiff bleibt eine zeitlich begrenzte Heterotopie.

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