Chernobyl Diaries

Verdummte Medienjongleure.

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Chernobyl Diaries zerfällt in zwei ziemlich genau gleich lange Teile, von denen der erste ziemlich stark und der zweite erschreckend schlecht ist. Nicht selten kranken Horrorfilme an dieser bipolaren Störung: zu Beginn werden Szenario, Figuren und die sich anbahnende Bedrohung entworfen, eine noch amorphe Furcht breitet sich aus, alles könnte jederzeit passieren. Zombies, Kannibalen, Monster, Aliens, Psychoterror, Geister, die Dunkelheit, was wird zum Feind? Aber wenn der Grusel allmählich in echten Horror umschlägt, wenn die Art der Gefahr, die Beziehungen zwischen den Charakteren und die Eigenheiten der Umgebung festgelegt sind, wenn der Stil sich verfestigt hat, dann blutet mit den Körpern der Protagonisten nicht selten auch das Faszinosum des Schreckens aus.

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Chernobyl Diaries ist so lange stark, wie er die Angst ungeformt hält und zwischen möglichen Herden der Bedrohung wandern lässt, solange seine Protagonisten sich mehr vor sich selbst und ihren Begierden fürchten als vor irgendeinem Monster da draußen. Da gibt es ein Touristentrüppchen, das mit dem stiernackigen Guide Uri (Dimitri Diatchenko) einen ungenehmigten Ausflug in die Sperrzone um den havarierten Reaktor von Tschernobyl macht. Und zwischen rumpeligen Fahrten über Buckelpisten, fiesen ukrainischen Soldaten, mutierten Fischen, wilden Bären und Hunden trifft Regiedebütant Brad Parker sehr gut den Ton dieser eigenartigen Mischung aus Angst und Euphorie, die die Substanz des sogenannten Erlebnistourismus ausmacht. Gefahr in homöopathischen Dosen lautet die Devise, Mutproben bestehen für die gute Geschichte zu Hause. Ganz ähnliche Motive wie beim Schauen von Horrorfilmen also.

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Nach einem kleinen Schock beim Stöbern in den Wohnblocks der verwaisten Arbeiterstadt Pripyat fragt ein Amerikaner einen Australier, noch rennend und hysterisch kichernd: „Anybody else got a story like this?“ Und der andere antwortet: „Anybody got a photo?“ Drehbuchautor und Produzent Oren Peli, der schon in Paranormal Activity (2007) durchdachte, wenn auch etwas sterile Medienreflexion betrieben hat, denkt den Zusammenhang von digitalen Bildern und der Bedrohung aus dem Unsichtbaren weiter. Doch zum Glück ist diese Auseinandersetzung mit den Medien hier nicht länger primärer Gegenstand, vielmehr sind diese allgegenwärtiger Bestandteil der Wahrnehmung geworden. Jeder hat hier Smartphones und Kameras, die zugleich der Selbstüberwachung und der Beweisführung dienen, aber das ist ein Faktum und nicht länger Mysterium.

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Doch dann, irgendwann, strömen die Zombies aus dem Dunkel, und Chernobyl Diaries wird für den Rest seiner Laufzeit zu einem konventionellen Survival-Schocker. Die Figuren, die zuvor analog mit der formlosen Angst angenehm ungreifbar in ihrer Klischeehaftigkeit blieben, werden wieder zu x-beliebigen jungen Amis, die irgendeine Furcht vor mutierten Nuklearwesen herausschreien. Das Alleinstellungsmerkmal in der bekannten Abfolge von Innehalten, Rennen und Dezimiert-Werden bleibt der Schauplatz: Natürlich sind die Ruinen um Tschernobyl enorm atmosphärisch mit ihren verrotteten Riesenrädern, überwucherten Fassaden und verschimmelten sozialrealistischen Wandgemälden.

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Aber muss man in Tschernobyl drehen, um dem amerikanischen Low-Budget-Horror ein Facelift zu verleihen, an einem Ort, in dessen Umgebung die Bewohner bis heute unter den Spätfolgen der nuklearen Strahlung leiden? Vielleicht kreuzen sich dort die alten (Zombiehorror als metaphorische Auseinandersetzung mit dem Kalten Krieg) mit den nicht mehr ganz neuen (der ehemalige Ostblock als dunkle, wilde terra incognita à la Hostel (Eli Roth, 2005)) und den allerneusten (Fukushima) Schreckenswelten der amerikanischen Medienpsyche. Aber ist es angemessen, aus der nuklearen Katastrophe den Horror zu destillieren und das Leiden auszusparen?

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Ohne einen Entertainment-Streifen in die falschen Diskurse prügeln zu wollen: Chernobyl Diaries bringt sich mit seiner Medien-Beschlagenheit selbst in die Bredouille. Denn Parker weiß ganz offensichtlich um die längst etablierte Tschernobyl-Ästhetik und ihre Ikonen: Wenn man eine zerstörte Puppe in Großaufnahme zwischen Beton und Unkraut liegen sieht und im Off der Auslöser der Kamera klickt, wird klar, dass hier jemand viele der Fotoessays über die verbotene Zone studiert hat. Doch so gruselig-romantisch das Verwittern der Gegenstände sein mag: Wie sieht es mit Bildern der Folgen für den Menschen aus? Man nehme zum Beispiel die Serie Paul Fuscos zu den körperlichen Folgeerscheinungen der Katastrophe, und dann ziehe man die Verbindungslinie zu Parkers Film: diese leidenden, von nuklearer Strahlung zerfressenen Menschen also sind das lebensweltliche Äquivalent der blutrünstigen Zombies in Chernobyl Diaries, vor ihren entstellten Körpern hat der amerikanische Tourist Angst.

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Parker und Peli, die cleveren Jongleure der Bilder und Bilderwelten, gehen den Medien auf den Leim: Sie kreuzen Lebensweltliches mit den Welten des Kinos und erreichen dabei auf einer Seite Stagnation und auf der anderen eine perverse Verkennung des wirklichen Dramas. In diesen Tagen der Bilderfluten kommt es nicht darauf an, möglichst viele Bilder zu kennen, sondern die Bilder richtig einordnen, richtig gegeneinander abwägen zu können. Und hier scheitert Chernobyl Diaries, denn er trifft nur die dümmsten, die naheliegenden, kurzum: die falschen Entscheidungen.

Trailer zu „Chernobyl Diaries“


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