Chéri

In ihrer seit Jahren besten Rolle spielt Michelle Pfeiffer eine alternde Kurtisane, die sich in einen viel jüngeren Mann verliebt.

Chéri

Der Blick des sehr jungen Mannes auf die ältere Frau ist zuerst bewundernd, dann wissbegierig, und schließlich erbarmungslos. Für Fred, genannt Chéri (Rupert Friend), kommt dieser letzte Moment des erotischen Dreiklangs, als er Léa (Michelle Pfeiffer) dabei zusieht, wie sie gedankenverloren während eines Telefonats mit zwei Fingern an der schlaff gewordenen Haut ihres Halses zieht. Es ist die letzte Begegnung der beiden, und Chéri, Grausamkeit der Jugend, lässt in diesem Moment alle Pläne fahren, der Konvention zu entkommen, zu fliehen in ein anderes, gemeinsames Leben. Durchaus, Dummheit der Jugend, auch zu seinem Nachteil. Aber das spielt erst im Nachspann eine Rolle.

Chéri, obwohl die titelgebende Figur, ist gar nicht das Zentrum von Stephen Frears Verfilmung des gleichnamigen Romans von Colette. Zentrum ist Léa, die alternde Kurtisane, die sich zu Beginn, mit Anfang 40, aus dem Geschäft zurückzieht und am Ende des Films die 50 fast erreicht hat. Zentrum ist aber vor allem Frears Star und Darstellerin dieser Frau, Michelle Pfeiffer.

Chéri

Die ist mittlerweile 51 Jahre alt, also weit jenseits des Alters, in dem Frauen in Hollywood interessante Rollen angeboten bekommen. Seit Grease 2, Pfeiffers erstem weitläufig wahrgenommenen Auftritt von 1982, über Scarface (1983), Frankie und Johnny (1991) und natürlich Die fabelhaften Baker Boys (The Fabulous Baker Boys, 1989), ist viel Zeit vergangen. Hinter der glattpolierten, verschwenderischen Decádence-Welt vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die in Chéri von der Kamera so augenaufreißend eingefangen wird, scheint deshalb immer unsere heutige Welt und ihr ambivalenter Umgang mit weiblicher Schönheit durch. Das ist auch der Grund, warum Frears hier nicht so sehr an einer pointierten, aufklärerischen Offenlegung gesellschaftlicher Formalismen und Machtstrukturen interessiert ist, anders als in Gefährliche Liebschaften (Dangerous Liaisons, 1988), wo er, ebenfalls mit Drehbuchautor Christopher Hampton, die Welt des Adels einer kühlen Analyse unterzog (auch damals war Michelle Pfeiffer schon dabei, in der Rolle der sexuell Unerfahrenen, die von John Malkovich böswillig verführt wird).

Chéri

Chéri dagegen ist vor allem eins: elegant. Das betrifft die Dekors und die Kostüme genauso wie die Erzählhaltung. Schon im Vorspann fasst ein Sprecher mit süffisantem Tonfall die historischen Höhepunkte des Kurtisanentums zusammen und lässt dabei eine rhetorische Treffsicherheit zutage treten, die sich später in den Dialogen fortsetzt. Léa und ihre von Kathy Bates gespielte ehemalige Kollegin, Chéris Mutter, liefern sich immer wieder kleine Gefechte akrobatischen Wortwitzes. Beide haben ihr Leben in den Betten mächtiger und reicher Männer verbracht und sind wohlhabend, Aktientipps austauschend, in den Ruhestand getreten.

Diese ehemalige Kollegin bittet Léa, ihren hübschen und charmanten, aber für seine 19 Jahre schon deutlich verdorbenen Sohn unter ihre Fittiche zu nehmen. Von ihm heißt es an dieser Stelle, er habe bereits alle Ausschweifungen hinter sich und verspüre nur noch Müdigkeit. Rupert Friend spielt ihn mit der angemessenen Arroganz und Blasiertheit sowie einer geistigen Gewandtheit, eine Kombination, die ihn ebenso verführerisch wie verachtenswert macht. Es ist mindestens so viel die Rede von Chéris Schönheit wie von der vergangenen seiner neuen Gespielin. Dass Michelle Pfeiffers Leinwandpräsenz jene von Rupert Friend überstrahlt, ist kein Scheitern, sondern passt zu der zunächst überlegenen Rolle, die sie ihm gegenüber einnimmt. Aus der éducation sentimentale wird dann, anders als von Chéris Mutter geplant, eine langjährige Liebesbeziehung, bis die Konvention die Hochzeit mit einer anderen – natürlich sehr jungen – Frau verlangt.

Chéri

„Ein guter Körper überdauert die Zeit“, sagt Léa einmal, und wenn man sich den ihren ansieht, ist man fast geneigt, es zu glauben. Er überdauert die Zeit aber nicht spurlos, wie man auch in den edel zerfurchten Zügen von Anita Pallenberg sehen kann, die in den 60er Jahren Groupie der Rolling Stones war und hier in einem Kurzauftritt als Opiumhöhlen-Besitzerin zu sehen ist. Frears beendet seinen Film mit einer langen Einstellung auf Michelle Pfeiffers Gesicht, auf diese einzigartige Physiognomie mit den hohen Wangenknochen und der leicht schiefen Oberlippe. Man erkennt die Falten. Und man will sie bald wiedersehen.

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