Che - Revolucion
Der erste Teil von Steven Soderberghs Che-Verfilmung schildert minutiös den Kampf der Rebellen im Zuge der kubanischen Revolution, verzichtet jedoch auf zu eindeutige Interpretationen und Wertungen.
Episches Biopic, Guerilla-Kriegsfilm, historisierendes Heldendrama – viele Etiketten lassen sich für Soderberghs zweiteiliges Che-Projekt mit einer Laufzeit von viereinhalb Stunden finden. Doch Soderbergh verweigert sich einem umfassenden Porträt der Person Ernesto „Che“ Guevara und auch einer expliziten Kritik an ihr. Er konzentriert sich auf die Darstellung der Erlebnisse des Arztes, Politikers und Revolutionärs, gespielt von Benicio del Toro. Der Mensch hinter all diesen Funktionen und Rollen ist nur schwer zu erahnen.
Aber das ist nicht Anliegen des Films. Ches Tagebücher aus den 1950er Jahren bieten genug Stoff, um die Person Che Guevara in eine Figur zu transformieren, die funktioniert. Er wird als aufstrebender, intelligenter, charismatischer Kämpfer gezeichnet, der entscheidenden Anteil am erfolgreichen Guerillakrieg auf Kuba hat. Ab der ersten Einstellung legt Che das Armeehemd kaum ab, ordnet sich als gebürtiger Argentinier der kubanischen Revolution und Fidel Castros Guerilla unter, kurz, er ist der personifizierte Altruismus. So weit nichts neues, denn das ist auch die Deutungsebene, die aus Che eine Ikone werden ließ. Immer wieder begrüßt Guevara seine kämpfenden Kollegen mit Handschlag und Vornamen, er verarztet Verwundete im widrigen Dickicht der karibischen Insel, setzt sich für Alphabetisierung unter den Partisanen ein und übt sich in Gerechtigkeit gegenüber Bauern und Mitstreitern. Che ist omnipräsent und nahezu unfehlbar. Das ist auch die Schwäche der Figur – sie hat keine.
Die literarische Figur dominiert die historische; Soderbergh klammert Episoden und Aspekte der kubanischen Revolution aus – etwa die Ankunft in Havanna – und macht einen Bogen um Konflikte, vor allem um die mit Fidel Castro. Ebenso wenig versucht der Regisseur, eine psychologische Skizze zu liefern, die Gründe für das Agieren Guevaras bietet. Dabei wird der Zwang zur charakterlichen Kohärenz so stark, dass Benicio del Toro zwar eine perfekte Physis bietet, aber in die Brüche und Widersprüche Ches nur selten vordringt. Gelegentliche Hinweise auf sein Asthma-Leiden zeigen Che geschwächt, selbst der Weg zwischen zwei Bäumen erscheint wie ein Marsch. Ebenso ist er seiner eigenen Überlegenheit nicht mehr vollkommen sicher, als er von Castro in ein Ausbildungscamp zurückbeordert wird, nachdem er seine Gruppe nicht so glücklich wie erwartet geführt hat. Das sind jedoch die einzigen ambivalenten Aspekte, die der Figur zugestanden werden.
Aus welcher Perspektive die Wochen des Guerillakampfes erzählt werden, ist immer wieder unklar. Diese Unentschiedenheit äußert sich auf mehreren Ebenen des Films. Mit einer an das direct cinema angelehnten Ästhetik unterbricht Che - Revolucion (Che: Part One) die Narration mit einer zeitlichen und inhaltlichen Antithese: Der in den 1960er Jahren arrivierte Minister Guevara befindet sich in den USA, umringt von bedeutenden Persönlichkeiten, eloquent disputierend vor der UN-Vollversammlung, nachdenklich bei einem abendlichen Essen. Dieser zeitliche Bruch hilft zwar, den historischen Kontext zu erweitern, fügt der Figur selbst jedoch kaum nennenswerte Facetten hinzu. Gleichermaßen unstetig ist die visuelle Erzählperspektive. Die schwankende Steadicam inmitten der Kampfhandlungen bildet eine Variante, wenn es darum geht, die Einnahme einer Kaserne zu schildern. Dem entgegengesetzt werden genau komponierte, tableauhafte Bilder, durch die Che und seine Guerilleros marschieren; sie überqueren Flüsse, erklimmen Hügel und arbeiten sich durch Wälder; die Natur und die Menschen befinden sich am Rande der filmischen Transzendierung, wie es schon Der Schmale Grat (The Thin Red Line, 1998) von Terence Malick anstrebte.
Soderbergh legt sich nicht fest, bricht seinen eher gemächlichen Erzählrhythmus hin und wieder. Zwar werden Gut und Böse nur zaghaft bestimmt, doch im Zweifelsfall ergreift er Partei für seinen Protagonisten und seine Anhänger. Als Che zwei Deserteure hinrichten lässt, die raubend und vergewaltigend das Ziel und den Kodex der Rebellen untergraben, wird daraus eine Szene, die sich in ihrer Schlichtheit dem Pathos verweigert. Es drängt sich gleichzeitig der Eindruck auf, Che habe keine andere Wahl als die der standrechtlichen Erschießung der Abtrünnigen. Die Ambivalenz des Guerillakriegs scheint nur marginal durch. Zu metaphorisch ist die Kausalkette gestrickt, mit der die improvisierte Armee ihr Ziel verfolgt. Für die Eroberung einer feindlichen Stellung genügt ein gezielter Schuss mit der Panzerfaust, leichtfüßig reiht Che - Revolucion Erfolg an Erfolg. Sein Interesse liegt eher im Darstellen als im Reflektieren; ebenso wenig, wie Gründe für das Agieren Ches gegeben werden, spricht der Film die Effekte seines Handelns und des Krieges an. Das lässt eine von Interpretationen größtenteils bereinigte Leere entstehen. Noch vor dem nahenden Erfolg des militärischen Umsturzes endet der Film mit einem cliffhanger. Das offene Ende verweist auf die kommende Regentschaft Castros, der zweite Teil umgeht jedoch die Konfrontation mit der Realität des Regimes. Der Guerillakampf wird in weiteren Ländern Südamerikas fortgesetzt, doch nach Che - Revolucion wundert man sich, wo der zweite Teil Che - Guerilla für die titelgebende Figur anknüpfen kann.
Filmkritik von Andreas B. Krüger
Veröffentlicht am 07.05.2009
Kommentare zu Che - Revolucion
Schauecker 19.06.2009 10:53
Soderbergh ist es gelungen, quasi nicht kommentierende Skizzen zu einem Entwicklungsstrang der Ereignisse zusammen zu knüpfen. Kuba ist bis heute eine faszinierende Insel der Gegensätze, die zu Recht auch andere Besucher anzieht, als reine Strandtouristen. Wer sich über das Land heute, 50 Jahre nach der kubanischen Revolution und dem Ende der Castro-Ära informieren möchte, dem sei die Lektüre „Quer durch Kuba“- eine kulturpolitischer Reiseessay (www.kuba-buch.de) empfohlen. Umfassend informiert das Buch von Martin Zeuske: „Kuba – Insel der Extreme“. `Che – revolucion`, für Kuba-Kenner und solche die es werden wollen lohnt sich der Kinobesuch auf alle Fälle.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Che - Revolucion. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Che - Revolucion
Originaltitel: Che: Part One
International: The Argentine
Frankreich, Spanien, USA 2008
Laufzeit: 131 Minuten
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Peter Buchman
Produktion: Laura Bickford, Benicio del Toro
Bildgestaltung: Peter Andrews, Steven Soderbergh
Montage: Pablo Zumárraga
Musik: Alberto Iglesias
Darsteller: Benicio del Toro, Demián Bichir, Rodrigo Santoro, Julia Ormond
Kinostart: 11.06.2009
DVD-Angaben
Titel: Che: Teil 1 - Revolución
Vertrieb: Universum Film
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Spanisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 126 Minuten
Extras: Kein Bonusmaterial
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 02.07.2010
Titel: Che 1: Revolucion & Che 2: Guerilla
Vertrieb: Universum Film
Bild: 1,78:1, 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Spanisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 247 Minuten
Extras: Making of; Interviews mit Steven Soderbergh, Benicio Del Toro, Demián Bichir;
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 11.12.2009
Copyright Che - Revolucion
Fotos: © Warner Bros. France
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Berlinale: Kritiken
Barbara
R: Christian Petzold
Revision
R: Philip Scheffner
Caesar Must Die
R: Paolo Taviani, Vittorio Taviani
Death for Sale
R: Faouzi Bensaïdi
Aujourd'hui
R: Alain Gomis
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Neu im Kino
09.02.2012
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
02.02.2012
Moneyball
R: Bennett Miller
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Demnächst im Kino
Gefährten
R: Steven Spielberg
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter - Ein Sturm zieht auf
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Beauty
R: Oliver Hermanus
Barbara
R: Christian Petzold
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Der Preis
R: Elke Hauck
Young Adult
R: Jason Reitman
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Neu auf DVD
Crazy, Stupid, Love.
R: Glenn Ficarra, John Requa
Sieben Tage Sonntag
R: Niels Laupert
Boardwalk Empire Season 1
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Aktuell im TV
Cincinnati Kid
So 12.02, 20:15 Uhr, arte
Neandertal
So 12.02, 20:15 Uhr, kultur (ZDF digital)
L.A. Confidential
Nacht von Mo auf Di, 13.02-14.02., 02:00 Uhr, arte
Im Schatten
Di 14.02, 20:25 Uhr, 3Sat
Hotel Ruanda
Nacht von Di auf Mi, 14.02-15.02., 00:15 Uhr, BR




















1 Kommentar