Chatroom

Die schwierige Betrachtung des Angstmediums Internet: Hideo Nakatas Chatroom zählt zu den faszinierendsten Herausforderungen des Kinojahres.

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Die mediale Kommunikation zählt zu den Themen, die sich wie ein roter Faden durch das Werk des japanischen Regisseurs Hideo Nakata ziehen. Mit seinem wohl bekanntesten Film Ring (Ringu) hatte er 1998 die große Welle des japanischen Horrorfilms ausgelöst, die in den 2000er Jahren auf den Markt flutete und auch eine Reihe meist fragwürdiger US-amerikanischer Remakes auslöste, allen voran erneut eine, diesmal vom uninspirierten Handwerker Gore Verbinski bereitete Adaption (2002) von Kôji Suzukis Roman Ring um einen seltsamen Todesvirus, der sich über ein Video aus der Geisterwelt verbreitet. Mit seinem ersten englischsprachigen Film Ring 2 (The Ring Two, 2005) inszenierte Nakata dann selbst ein herrlich verschrobenes Sequel zu Verbinskis nivellierter Neuauflage, ohne dafür auch nur ansatzweise auf seinen eigenen zweiten japanischen Ring-Film (1999) zurückzugreifen.

Mit Chatroom (2010) drehte Nakata nun, fünf Jahre später, erneut in englischer Sprache, wenn auch diesmal nicht in Hollywood, wo man seine ausgefallenen Visionen von Ring 2 ohnehin eher mit Unverständnis quittiert hatte. Chatroom ist eine britische Produktion, und eher als an seine Ring-Filme lässt sich diese Adaption eines Theaterstücks von Enda Walsh an seinen bis dato jüngsten Film L: Change the World (2008) zurückbinden. In diesem Spin-off der beiden erfolgreichen Manga-Realverfilmungen Death Note (Desu nôto, 2006) und Death Note: The Last Name (Desu nôto: The last name, 2006) von Shusuke Kaneko geht es um ein todbringendes Notizbuch: Wessen Namen in dieses Buch eingetragen wird, der ist dem Tode geweiht. Diese mörderische Dimension des Schreibens trägt Nakata nun in Chatroom aus der grellen Fantasy in eine jedenfalls grundsätzlich realistischere Erzählung hinein. Die Form, die er dafür wählt, ist hingegen alles andere als bodenständig.

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Das Geschehen von Chatroom nämlich trägt sich zu großen Teilen im Cyberspace zu, den Nakata auf recht eigentümliche Weise zu visualisieren versucht, indem er die virtuellen Räume mit konkreten Räumen verschränkt. Das Internet, das ist bei ihm ein mal einsamer, mal überaus belebter Hotelflur, aus dem man sich in als Hotelzimmer dargestellte privatere Räume – also: Chatrooms, Homepages und dergleichen – zurückziehen kann. Die fünf pubertierenden Protagonisten des Films lernen sich in einem Chat namens „Chelsea Teens!“ kennen und bilden alsbald eine verschworene Clique. Ihre Solidaritäten müssen jedoch neu verhandelt werden, als sich einer unter ihnen als perfider Manipulator mit psychopathischen Störungen entpuppt, der in unschöner Regelmäßigkeit depressive Teenager zum Suizid vor der Webcam verführt. Und hier liegt auch einer der Gründe verborgen, warum Chatroom ein so ungeheuer zwiespältiger Film ist.

Dies vorweg: Sein Thema ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern geht auf eine erschreckend hohe Zahl vergleichbarer Vorgänge, teils bewusster Straftaten, teils gleichgültiger Zeugenschaft, zurück; von Suizidforen, verabredeten Gruppenselbstmorden und dergleichen noch gar nicht zu reden. Der Umstand, dass die geschilderten Ereignisse so oder ähnlich geschehen sind und wohl weiterhin geschehen, legitimiert ihre Thematisierung in einem Film wie diesem jedoch nicht unbedingt in jedem Fall automatisch. Denn Nakata klinkt sich damit auch in einen derzeit sehr häufig bedienten populistischen Diskurs um das Angstmedium Internet ein. Pädophile, Kinderverderber, Psychopathen, all die Schreckgespenster des Von-der-Leyenismus schleichen durch die Räume von Nakatas virtuellem haunted house, und einmal greift denn gar die Online-Polizei, Wunschbild all der Boulevardblätter und Zensurbefürworter unserer Zeit, ein und führt eine Razzia in einem offen sadistisch-anarchischen Nachbarraum durch. Natürlich, all diese Probleme sind akut und bedürfen auch durchaus neuer Lösungswege, und doch: »Es ist immer kriminell, einen Film aus der Sicht derer zu drehen, die an der Macht sind.« (Kôji Wakamatsu)

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Gleichwohl ist das alles auch wiederum nicht so einfach, dass sich Chatroom inhaltlich in Bausch und Bogen verdammen ließe. Denn Nakata baut auch eine Résistance aus dem Kreis der angesichts der Bedrohungen gezwungenermaßen mündig werdenden Netzuser auf, die sich schließlich auch in der realen Welt zusammentun, um einem der Ihren das Leben zu retten. Hier kommt dann wieder eine Ambivalenz ins Spiel, die – durchaus vergleichbar zu Mamoru Hosodas großartigem Anime Summer Wars (Samâ wôzu, 2009) – die Maxime zu verfechten scheint, dass das Internet wie jedes Medium grundsätzlich neutral und ebenso mit großem Gewinn verwendbar sei wie große Destruktionskraft in sich berge. Dieser Ansatz läuft aber angesichts der Angstvisionen, deren sich Nakata hier eben auch bedient, anders als bei Hosoda Gefahr, übersehen zu werden im Bestreben, Chatroom zu instrumentalisieren im Dienste populistischer politischer Placebo-Maßnahmen.

Von der formalen Ausgestaltung wird dieser grundsätzliche Zwiespalt eher noch vertieft, wiewohl von dieser eine merkwürdige Faszination ausgeht. Das formale Konzept des Übereinanderlegens zweier vollkommen unterschiedlicher Raumkonzepte freilich scheitert – muss scheitern, da beide Konzepte völlig inkompatibel miteinander sind. Menschen im virtuellen Raum kommunizieren nicht durch Mimik, Gestik, sie küssen sich nicht und berühren sich nicht und tanzen nicht, und exakt aus dem Wegfall des körperlichen Anteils an der menschlichen Kommunikation entstehen jene seltsamen kommunikativen Dynamiken, die Nakata hier zu verarbeiten versucht – sowohl inhaltlich wie auch formal. Denn besonders anfangs ist ihm spürbar daran gelegen, seinen Protagonisten jene seltsam zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit oszillierende Onlinesprache in die Münder zu legen, die sich nur in einem synchronen fernschriftlichen Medium entfalten kann.

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Das formale Konzept von Chatroom kann folglich überhaupt nicht aufgehen, und in letzter Konsequenz schaut man diesem merkwürdigen, mutigen, zwischen ärgerlich und hochinteressant geradezu im Sekundentakt changierenden Film 97 Minuten lang beim Desintegrieren zu. Die Frage wäre somit weniger, ob man diesen Film mögen kann oder ihm gar beipflichten sollte – zu viele Faktoren sprechen dringend dagegen –, sondern eher die, ob man nicht aus seinem Scheitern etwas lernen kann. Chatroom ist ein derart gewagter, ungewöhnlicher, zerrissener und widersprüchlicher Film, dass er seine Zuschauer förmlich zur kontroversen Reflexion über seinen Gegenstand zwingt und dazu, selbst eine Position zu ihm zu beziehen. Und das macht ihn, gerade angesichts eines Themas, das allzu oft nur einfache Antworten zu provozieren scheint, zu einer faszinierenden Herausforderung.

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Kommentare


Caya

dass der film so widersprüchlich und schwierig ist, macht ihn meiner ansicht erst so genial. Es mag


Caya

...es mag leicht sein, einen Sachverhalt oder Sinn auf eine analoge Weise darzustellen, doch es auf eine paradoxe Art zu tun, ist Kunst.






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