Chasing the Wind

Heimkehr in geordneten Bahnen: Rune Denstad Langlo schickt eine junge Frau nach Hause und orchestriert eine Versöhnung am selbstgebauten Sarg.

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Als die Leinwand noch schwarz ist, hören wir jemanden in einer Ansammlung klimpernder Gegenstände kramen. In einer nächsten Geräuschesequenz wird gesägt, während der Film langsam den Blick auf eine unversehrte Landschaft freigibt: Wiese, Meer, Himmel, so simpel komponiert und sauber voneinander abgegrenzt wie eine Malvorlage; am Bildrand drehen sich die Flügel einer kleinen wackeren Windmühle. Es folgen zwei weitere statische Kameraeinstellungen, der Raum wird enger. Das Dorf weicht der Weite, der Flur dem Draußen, immer begleitet vom unermüdlichen Sägen. Dann wird der Baum in einem Kraftakt entwurzelt, es knackt, es wird gezogen, die Erde rieselt auf den Boden: Die Geschichte kann beginnen. Schnell drängt sich der unangenehme Verdacht auf, die vor Symbolik triefende Abfolge wolle diese Geschichte verdichten und in Eindeutigkeit auflösen, bevor sie überhaupt erzählt wurde.

Okay, die Großmutter ist tot

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Tatsächlich ist Chasing the Wind die Geschichte einer Heimkehr, und wie so oft beginnt die Heimkehr dort, wo man es sich ganz anders eingerichtet hat als daheim. Im Falle der Protagonistin Anna (Marie Blokhus), die im prototypischen kargen Dorf an der norwegischen Küste aufgewachsen ist, sieht das so aus: In einer schnieken parkettverlegenen Wohnung glotzt sie halbnackt auf ihr Smartphone, während durch das offene Fenster Berlin ins Zimmer weht. Als wir Anna wieder angezogen sehen, begutachtet die junge Modedesignerin in fürstlicher Manier den Laufsteg ihrer nächsten Kollektion und bemängelt die Lichtverhältnisse; „Okay“ erwidert sie, als man sie aus der Ferne telefonisch über den Tod der Großmutter unterrichtet, und wir ahnen: Die Heimat ruft. Der Film vermag es allerdings zu keinem Augenblick, den faszinierenden Topos der Heimkehr – mit dem fast immer inhärenten Versprechen, auf dem Weg nachhause en passant zu sich selbst zu finden, oder aber sich ganz zu verlieren – von Anna mit Leben füllen zu lassen. Die Figur der Heimkehrenden wird nicht einmal  im Keim individualpsychologisch aufgeladen. Stattdessen kommen weinerliche Streichinstrumente zum Einsatz, unbedacht wird die Musik in den Film gekippt und darf notdürftig die Lücken schließen, die das plumpe Setting aufreißt.

Kafka links liegen gelassen

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Auf dem langen Weg nach Hause wechseln sich die Verkehrsmittel in spektakulären Großaufnahmen ab, gleichsam einer Werkschau technischen Fortschritts: Auto, Flugzeug, Bus, Fähre. Die letzten Meter aber geht Anna zu Fuß, sie rollt den Koffer über einen entwurzelten Baum und steht schließlich vor der Tür eines weißen Häuschens. Diesen Moment der Heimkehr, wenn sie noch keine ist und man Kafka fragen hört: „Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause?“, kostet der Film  nicht aus, vielmehr schleust er seine Hauptfigur durch die dunklen Räume, um die Begegnung zu provozieren, die fortan den Plot dominiert: Großstädtische Enkelin prallt auf verwitweten Großvater. Dabei gibt Sven-Bertil Taube den ruppigen Patriarchen und sorgt für den gebotenen nihilistischen Schliff; der alte Mann entbehrt irdische Freuden und gibt Anna unmissverständlich zu verstehen, dass er sich herzlich wenig um ihre Anwesenheit schert. Kein Mann der Worte, zumindest nicht der eigenen; die titelgebende „Jagd nach dem Wind“ zitiert er zu Beginn. Wir ahnen aber: Das biblische Bonmot ist ein Schutzwall, das unterkühlte Herz wird noch auftauen, am Ende bleibt mehr als Gebläse.

Komik im Tragik-Overkill

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Der Bildpräsenz nach zu urteilen besteht das Dorf abzüglich des Großvaters aus genau drei Menschen: dem Nachbarn, der Kassiererin und Annas Jugendliebe. Zusammen sorgt die kleine Gesellschaft aber mühelos für einen Tragik-Overkill, die Schicksalsschläge überbieten sich: Annas Eltern, so erfahren wir, sind während eines Segelausfluges vor den Augen der Tochter ertrunken, und auch das Kind der Nachbarn hat seine Mutter verloren. Das sichtlich verstörte Mädchen hat eine Vorliebe für apokalyptische Gedanken und wähnt sich – mit Atemschutzmaske ausgestattet – in großangelegten Fantasiespielen als letzte Überlebende auf Erden, was freilich nicht ohne Witz bleibt.

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Tatsächlich ist Chasing the Wind am stärksten, wenn Langlo sich nicht bemüht, Trübsal zu blasen, sondern ins Komische verfällt; wenn etwa der Großvater die Broschüre der Bestatterin wie einen Prêt-à-porter-Katalog überfliegt, die angebotenen Särge allesamt für hässlich befindet und nüchtern erklärt, unter diesen Umständen werde er selbst den Sarg bauen müssen. Das kleine Do-it-yourself-Experiment versammelt Anna, ihren Großvater und Ex- bzw. Bald-wieder-Liebe Hårvard in der Werkstatt, es wird gesägt, gefräst, geschliffen, gestritten und, natürlich, versöhnt. Als der Sarg endlich unter die Erde kommt – abzüglich der unfreiwilligen Übergröße ganz gelungen – sind alle mit sich im Reinen. Ganz so, wie es die Eröffnungsszene vorausgesagt hatte. Glanzlos geht damit auch der Film unter.

Trailer zu „Chasing the Wind“


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