Chapiteau-Show

Das ganze Spektrum des Menschlichen, als Kleinkunst begriffen: Dreieinhalb Kinostunden werden in Sergei Lobans skurrilem Kosmos plötzlich sehr kurz.

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„Du bist die furchtbarste Person auf der ganzen Welt!“ Dieser Satz steht im Zentrum aller vier Episoden von Chapiteau-Show, und er wird von vier sehr unterschiedlichen Figuren aus sehr unterschiedlichen Gründen ausgesprochen. Oder vielleicht eher: ausgespuckt, dem jeweiligen Gegenüber an den Kopf geworfen – in einem Gestus zwischen gerechtem Zorn, nachvollziehbarer Enttäuschung und beizeiten auch durchaus eher ekelerregendem Selbstmitleid. Überschrieben sind die vier Kapitel dieses überlangen, überbordenden Films – der nach der kleinstbudgetierten Science-Fiction-Groteske Dust (Pyl) von 2005 zweiten Regiearbeit des jungen Filmemachers Sergei Loban, den man sich fortan wohl merken muss – mit Schlagworten, mit vier emotionalen Kategorien: Liebe, Freundschaft, Respekt, Partnerschaft. Vier Konzepte des menschlichen Umgangs, die allesamt in die oben zitierte Erkenntnis münden.

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Das erste zwischenmenschliche Verhältnis, das Loban mit Nachdruck gegen die Wand fahren lässt, ist dabei das zwischen der jungen Vera und ihrer Internetbekanntschaft, die wir lediglich unter dem Nickname „Cyberstranger“ kennenlernen – einem dicklichen und wahnsinnig unsympathischen Nerd mit schütterem Haar, der direkt aus einem der albtraumhafteren Todd-Solondz-Filme entsprungen scheint. Vera wird zwar als unreif, infantil und neurotisch eingeführt – anfangs sehen wir, dass sie in einem Raum voller Kuscheltiere im Haus und unter der Kontrolle ihrer Mutter lebt –, entpuppt sich jedoch mit fortschreitender Filmerzählung als lebenshungrige junge Frau, während ihr misanthropischer Reisebegleiter zur Krim-Halbinsel von Beginn an alles dafür tut, um jegliche Empathie ihm gegenüber bereits im Keim zu ersticken. Die Romanze zwischen den beiden ist eine Farce, und der Grund dafür ist so schlicht wie boshaft die Tatsache, dass es aber auch so gar nichts Liebenswertes unter der wenig attraktiven Schale des „Cyberstranger“ freizulegen gibt.

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Unter dem Schlagwort „Freundschaft“ folgt Chapiteau-Show im zweiten Kapitel einer zunächst verschworenen Clique tauber Bäcker, die es ebenfalls auf die Krim zieht – auf getrennten Pfaden allerdings, denn das Verlangen eines der jungen Männer, Kontakte außerhalb der eigenen Community zu knüpfen, entfremdet ihn von seinen Freunden und führt ihn in die Gesellschaft eines skurrilen und, wie sich herausstellt, recht drogenexzessaffinen Pionierführers und seiner „Samantha-Smith-Brigade“. Im Kapitel „Respekt“ trifft ein junger Filmschüler auf seinen berühmten, aber auch entfremdeten Vater – die russische Rockmusiklegende Pjotr Mamonov –, und die versuchte Annäherung während eines gemeinsamen Extrem-Wanderurlaubs scheitert grandios. Der finale Abschnitt „Partnerschaft“ schließlich führt einen etwas scharlatanhaften Musikpromoter mit einem Musiker zusammen, der als Double des verstorbenen Sängers Victor Tsoi das postmoderne Konzept des „ersatz artist“ verkörpern soll – und, man muss es kaum noch sagen, selbstredend scheitert.

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Am Ende führen alle Handlungsfäden von Lobans Film, die zunächst lose verstreut scheinen und sich, sehr genau gebaut, dann doch immer mehr zu einem dichten Flechtwerk verknüpfen, in das Zirkuszelt der Chapiteau-Show, einem Doppelgänger-Varieté, auf dessen Bühne die Darsteller in exaltiert komischen Songs Kommentare zu ihren Figuren und deren Konflikten abgeben. Diese Gesangsnummern, komponiert und choreografiert vom multitalentierten Künstler „Neoangin“ Jim Avignon, schmiegen sich einerseits in die Narrationen ein, bieten aber gleichzeitig auch Distanzierungsmöglichkeiten an, indem die Figuren hier ihre eigenen Verfasstheiten gewissermaßen von außen betrachten und in artifizielle Pop-Nummern transferieren. Überhaupt wird so dem gesamten Film noch einmal ein neues Gerüst übergestülpt: Die Chapiteau-Show, das ist vielleicht the greatest and the smallest show on earth, beides gleichzeitig und auf die Zirkusbühne gebracht: das ganze Spektrum menschlichen Lebens und Fühlens als Imitation, Redundanz, Kleinkunst begriffen. Das ist nicht nur eine ästhetische Strategie, das ist ein philosophisches Statement, eingeschrieben zwischen die oftmals hochkomischen Einzelvignetten dieses fantasievoll mäandernden Films.

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Was zurückbleibt nach den guten dreieinhalb Kinostunden, in denen man auf unterschiedlichsten Wegen immer wieder auf der Krim ankommt, dort dann letzten Endes doch auf den gleichen Pfaden wandelt und sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln in denselben Situationen wiederfindet, nur um am Ende eines jeden Abschnitts geschlossen zum Zirkuszelt der Chapiteau-Show zu trotten, ist vor allem ein Empfinden von Welthaltigkeit. Regisseur Loban widersteht dabei der Versuchung – und das ist vielleicht der cleverste Kniff des Films –, zum Ende hin alles auszuerzählen. Aber viele Fäden bleiben dann doch offen liegen, manche Perspektive bleibt ohne ihre erwartbaren Gegenbilder, und so manch eine markante Figur in der Peripherie des Geschehens lässt erahnen, wie unendlich viel auch in einem derart überlangen, multiperspektivischen Monstrum von einem Kinofilm – einem Film freilich, dessen beträchtliche Laufzeit wie im Fluge vergeht – zwingend unerzählt bleiben muss. Als Fazit somit kann hier nur die Maxime einer der letzten Gesangsnummern stehen, die gilt, solang die Welt sich weiterdreht, dies- und jenseits der Krim: The (Chapiteau-)Show Must Go On!

Trailer zu „Chapiteau-Show“


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