Chanson der Liebe

In Christophe Honorés modernem Großstadtmusical singt sich Louis Garrel als bourgeoiser Casanova durch die Höhen und Tiefen seiner Beziehungen.

Chanson der Liebe

Der wohl heikelste Moment in Musicals ist der Übergang zwischen Spiel- und Gesangsszenen. Nach realistischen Kriterien lässt es sich nunmal schwer rechtfertigen, wenn jemand seine Gefühle plötzlich in Form eines Liedes ausdrückt. Nicht umsonst bilden überwiegend künstliche oder märchenhafte Welten den Schauplatz für Musicals, denn in einer Welt, die ohnehin eigenen Gesetzen unterliegt, kann man auch darüber hinweg sehen, wenn jemand ohne plausiblen Grund zu singen beginnt. In Das Leben ist ein Chanson (On connaît la chanson, 1997) siedelte Alain Resnais sein Musical über die Liebeswirren einiger Großstädter mittleren Alters in einer durchaus alltäglichen und damit genreuntypischen Welt an. Den kritischen Übergang von Gesprochenem zu Gesungenem überspielte Resnais geschickt durch die Situationskomik, die sich aus den Playbackdarbietungen der Darsteller ergab.

Chanson der Liebe

Christophe Honoré hat sich mit Chanson der Liebe (Les Chansons d’amour), seiner nach Ma mère (2004) und Dans Paris (2006) bereits dritten Zusammenarbeit mit Schauspieler Louis Garrel, wie Resnais einem erstaunlich unglamourösen Großstadtmusical über die Komplikationen der Liebe angenommen. Darin erzählt er von Ismael (Garrel), dessen routinierte Beziehung zu Julie (Ludivine Sagnier) durch seine Arbeitskollegin Alice (Clotilde Hesme) zunächst frischen Wind erfährt, den drei Liebenden aber schon bald neue Probleme beschert. Als Julie völlig unerwartet an einem Hirnschlag stirbt, stürzt Ismael in eine tiefe Krise. Erst die Bekanntschaft mit dem jüngeren Erwann (Grégoire Leprince-Ringuet), bei dem er Unterschlupf findet, ändert etwas an seiner Tristesse.

Chanson der Liebe

Honoré scheint mit der unbeschwerten Leichtigkeit und den kleinen Slapstickeinlagen, mit denen er seinen Film beginnt, zunächst die Klischees eines realitätsfernen Musicals zu bestätigen. Doch die natürliche Spielweise der Darsteller und Honorés fast teilnahmslose Art der Beobachtung sind völlig untypisch für das Genre. Immer wieder leidet der Film darunter, dass diese Verankerung in der Realität den Übergang zu den Liedern umso holpriger erscheinen lässt. Wenn sich die Handlung mit Julies Tod dann für kurze Zeit zum Drama wandelt und von der Trauer der Zurückgebliebenen erzählt, scheint sich diese Tendenz fortzusetzen. Doch abgesehen davon, dass sich Chanson der Liebe mit der Einführung Erwanns zunehmend seine Leichtigkeit zurückerobert, streut Honoré selbst in den ernsteren Augenblicken immer wieder stilisierende Mittel ein. So werden etwa Aufnahmen der sterbenden Julie durch schwarzweiße Standbilder verfremdet und ein wenig später darf die Tote auch für kurze Zeit als Geist wiederkehren.

Chanson der Liebe

Mit der Besetzung hochkarätiger französischer Jungschauspieler und der Thematisierung unkonventioneller Beziehungen richtet sich Honoré an eine weitaus jüngere Zielgruppe als es etwa Resnais getan hat. Außerdem setzt er statt auf bekannte Lieder, die ihr Hitpotential bereits bewiesen haben, auf die sehr viel gewagtere Variante eigens für den Film komponierter Stücke. Die Musik von Alex Beaupain erfüllt aber nicht die Erwartungen an ein überzeugendes Musical. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Chansons, die dem Titel entsprechend alle von den Licht- und Schattenseiten der Liebe handeln, überwiegend weichgespültes Popgedudel, das zu undynamisch ist, um wirklich mitreißen zu können und auch nur beschränkte Ohrwurmqualitäten hat. Egal ob es sich um Monologe handelt oder um spielerische Streitgespräche, in denen die Figuren ihre Beziehung verhandeln, die Texte werden nicht wirklich in Liedform übertragen, sondern wirken weitgehend wie mit Musik untermalter Drehbuchtext. Zudem funktioniert der Film mit seinen spannungsreichen Beziehungsgeflechten und differenzierten Figuren mitunter so gut, dass die Songs eher wie Ballast wirken.

Chanson der Liebe

Wie in Dans Paris bildet auch in Chanson der Liebe ein winterlich melancholisches und spärlich bevölkertes Paris die stimmungsgebende Hintergrundkulisse. Gerade für einen Film über die Liebe ist es beachtlich, wie unromantisch die Stadt der Liebe erscheint. Zu den Gefühlsschwankungen der Figuren stellt die kalte urbane Umgebung zudem einen spannenden Kontrast dar. Wenn Ismael in einer der letzten Szenen ziellos durch die Stadt streift und sich seiner wahren Gefühle ungewiss ist, spricht die Stadt auf indirekte Weise zu ihm und gibt ihm mittels Leuchtreklametafeln Handlungsanweisungen. Hier erwacht nicht nur das zuvor noch leblose Paris zu neuem Leben, auch die zunächst eher sachliche Darstellungsweise wird durch eine ordentliche Portion Magie bereichert.

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Kommentare


Martin Z.

Es ist etwas für Liebhaber der französischen Lebensweise, nicht unbedingt für Verliebte. Mit unheimlich leichter Hand wird hier ein Blumenstrauß gebunden, in dem es homo- und heteroerotische Beziehungen gibt, manchmal ist auch eine Figur mehrfach unterwegs: probiert erst das eine dann das andere, geht also als bi durch. Wie Schmetterlinge flattern Jungs und Mädels recht unbekümmert von Blüte zu Blüte. Dabei ist es kein Bäumchen-wechsel-dich-Spielchen. Das Ende einer Beziehung eröffnet schon im Keim die nächste. Andererseits verhindert diese Situation, dass er oder sie zuviel leiden müssen. Und so bliebe alles an der Oberfläche, wenn da nicht von allen Beteiligten zwischendurch immer wieder zart-melancholische Chansons (Titel!) gehaucht würden. Die sind musikalisch und vom Text her besser als die Handlungskette und offenbaren echte Gefühle und Selbstreflexion. Bei einem offenen Anfang und einem ebensolchen Ende ist wohl auch eher der Zufall und die Planlosigkeit fehderführend. Völlig wertneutral und unkommentiert segeln wir über die Gefühlswiese der Befindlichkeiten.






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