Chanson d’Amour

Gérard Depardieu als Schnulzensänger in der französischen Provinz - was sich nach einem Wagnis mit Kitsch-Potenzial anhört, entpuppt sich als Triumph für den Schauspieler. Und als gekonnt erzählte Liebesgeschichte mit wundervoller Musik.

Chanson d’Amour

„Guten Abend, und herzlich Willkommen im ‚Casino Royale’“, sagt der hünenhafte Mann auf der Bühne, der etwas unbeholfen am Mikrofon dreht. Dann stellt er noch die Band vor und schon geht es los. Mit den ersten Takten Musik fängt die knapp über dem Fußboden positionierte Kamera Beine in fast schon wieder modischen Röcken und braunen Bundfaltenhosen ein, die auf die Tanzfläche eilen. Und der Mann auf der Bühne, der mittlerweile angefangen hat, ein trauriges Lied über bessere Tage zu singen, sucht mit einem schüchternen Lächeln Blickkontakt zu seinem Publikum. Die Szene dauert lang, Regisseur Xavier Giannoli lässt den Song ganz ausspielen. Aber man langweilt sich nicht eine Sekunde.

Das Lied heißt „Quand j’étais chanteur“ („Als ich ein Sänger war“), es stammt aus den 70er Jahren. Der Sänger, jener hünenhafte Mann am Mikrofon, ist Gérard Depardieu, der in diesem Film die vielleicht überraschendste Vorstellung seiner bisherigen Karriere gibt. Sein Schlagersänger Alain Moreau, selbst ein Überbleibsel aus jenem längst vergangenen Jahrzehnt, tingelt über die Provinzbühnen, lässt sich blonde Strähnen färben („Meine Fans erwarten das.“), und trägt immer ein kleines Handgelenktäschchen mit sich herum. Als er auf die so junge wie moderne Marion (Cécile de France) trifft, kramt er seinen eingerosteten Charme hervor, und es beginnt eine wunderbar schlicht erzählte Liebesgeschichte - eingebettet in ein Porträt der Provinz mit ihren Tanztees und geschmacklos eingerichteten Diskotheken.

Chanson d’Amour

Giannoli macht sich über diese Welt nicht lustig, sondern er beobachtet sie voller Zuneigung. Er umschifft elegant sämtliche Kitsch-Fallen und treibt die Handlung, statt auf große Gesten zu setzen, elliptisch voran. Mit einem geschickten Schnitt, der immer wieder Blickkontakte herstellt, wird auch während der langen Gesangsnummern weitererzählt. Der Show-Effekt, das In-Szene-Setzen, das sonst in Musikfilmen zum Standardrepertoire gehört, fehlt völlig.

Dabei hätte der Film leicht so schnulzig werden können wie die Lieder, von denen er handelt. Eine Textprobe: „Für einen Flirt mit dir / Würde ich alles tun / Für einen Flirt mit dir / Würde ich alles geben“, und es ist auch viel „La-La-La“ vom Hintergrundchor zu hören. Aber diese Musik entwickelt in ihrem Aus-der-Zeit-Gefallen-Sein erstaunliche Anziehungskraft, und sie ist darin so einfallsreich und selbstbewusst, wie es deutsche Schlager nur selten sind. Die Lieder stammen unter anderem von Größen wie Michel Delpech, Roger Dumas, Julio Iglesias oder Serge Gainsbourg. Der Soundtrack hat Ohrwurm-Qualitäten und das Potenzial, sich erfolgreich in die jüngste Welle modernisierter französischer Chansonmusik, wie sie beispielsweise vom Kölner Label „Le Pop“ vertrieben wird, als nostalgisches Element einzureihen.

Chanson d’Amour

Depardieu, der die Lieder selbst singt, spielt seine Rolle als routinierten Charmeur, dessen Wirkung von raffiniert eingestreuten kleinen Unsicherheiten nuanciert wird. Trotz seiner Wortgewandtheit und seiner Wirkung auf Frauen beißt Alain sich an Marion zunächst die Zähne aus. Zwischen ihnen gibt es ohnehin nicht viele Worte, und am Schluss wird fast gar nicht mehr geredet; sie sitzen sich an einem Bistrotisch nur gegenüber, und wieder einmal sind es Blicke, welche die Geschichte erzählen. Cécile de France, zuletzt in Ein perfekter Platz (Fauteuils d’orchestre, 2005) zu sehen, lässt sich von Depardieu dabei keineswegs an die Wand spielen. Die beiden bilden ein charismatisches Paar, dessen Wechselspiel aus gegenseitiger Anziehung und Abstoßung bis zur letzten Einstellung erhalten bleibt.

Kommentare


Markus

Hab mir den Film gestern angesehen und war wirklich überascht welch wunderbaren Film man aus einer solchen GEscichten machen kann. Die Atmosphäre der Bilder dagegen hab ich erwartet. France udn Depardieu spielen wirklich sehr gut, wobei man sich D. als Schlagersänger viell. vor dem Film nicht vorstellen kann, nach dem Film einem jedoch nicht mehr in den Sinn kommt, was er jemals anderes gemacht hat.
DAumen hoch. Toller FIlm.


carine

Wer auch immer in den 70er Jahren unter Francophilie gelitten hat, kann nicht ohne diesen Film...
Die Musik-ahhh, die Schauspieler-merveilleux-die Geschichte-jolie
Merci für diesen schönen Film!


isabelle mosebach

Ich habe den Film 2 mal gesehen,und finde Gerard Depardieu als Sänger,einfach klasse.Ich bin fransösin und bewundert immer wieder der Mann und der Schauspierler.


Claudia

Nun einer meiner Lieblingsfilme. Ich hoffe es gibt bald einen Soundtrack- Mix über die Filmmusik mit allen Liedern, die im Film geboten werden.
Einer seiner besten Filme.


8martin

Der deutsche Titel ist ein wenig abgegriffen, das Original “Als ich Sänger war“, trifft den Inhalt genauer. Wenn es stimmt, dass sich Gegensätze anziehen, größere als hier sind kaum vorstellbar. Er (Gérard Depardieu) ist schon in die Jahre gekommen, hat Rettungsringe angesetzt, tönt seine etwas längeren Haare und ist wirklich kein gut aussehender Mann, dessen Karriere als Sänger (er singt selbst live) langsam zu Ende geht. Sie (Cécile de France) dagegen ist sehr attraktiv, jung, blond, trägt Kurzhaarfrisur und ist beruflich erfolgreich. Darüber hinaus ist er ja bekanntlich ein Weltstar, sie dagegen ein Nobody. Wie die beiden zueinander finden, ist sehr sensibel inszeniert, mit geschliffenem verbalen Schlagabtausch garniert, und man bleibt erstaunlicherweise bis zum Schluss im Unklaren, ob es mit den beiden klappt oder nicht, obwohl sie anfangs schon mal zusammen im Bett waren. Besonders beeindruckend sind die stillen, wortlosen Passagen am Ende, in denen beide uns nur durch ihr Mienenspiel mitteilen, was in ihnen vorgeht.


Anette Nemitz

Ich bin durch Zufall auf diesen tollen Film gestossen. Ich bin immer wieder von der schauspielerischen Leistung des Gerard Depardieu angenehm überrascht. Aber Cecile de France möchte ich hier auch nicht vergesen. Ich habe den Film, dank DVD, schon einige Male gesehen und entdecke immer wieder neue Facetten.
Abschließend gesagt : ein wirklich guter Film.






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