Chained

Isolation und Entfremdung. Chained, der neue Film von Jennifer Lynch, zeigt ein komplexes Täter-Opfer-Verhältnis auf engstem Raum und besticht durch Schauspielleistung und stilistische Konsequenz.

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In den finstersten Ecken der Gesellschaft, wo der Mensch gefangen gehalten und gedemütigt wird, da beginnt Chained, der neue Film von Jennifer Lynch. Die Regisseurin debütierte 1993 mit dem kontrovers diskutierten Boxing Helena (1993), danach dauerte es ganze 15 Jahre, bis sie mit Unter Kontrolle (Surveillance, 2008) ihren nächsten Film drehen konnte, der in vielen Sequenzen noch deutlich die Handschrift von Vater und Ko-Produzent David trug. Nach dem erfolgreich verschwiegenen Bollywood-Monster-Ausrutscher Hisss (2010) erscheint Chained als ihr bisher ausgereiftestes und eigenständigstes Werk, gleichwohl auch als unmittelbarer Schauspieler-Film, der nicht nur Vincent D’Onofrio (Full Metal Jacket, 1987) in der Verkörperung des Bösen zu absoluter Hochform auflaufen lässt.

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Ähnlich wie Megan Griffiths’ Eden, der beim Fantasy Filmfest zuvor im selben Abendprogramm lief, handelt auch Chained von Isolation und Entfremdung. Wo in Ersterem eine junge Frau Opfer (und schließlich auch Mittäterin) gewaltsamer Unterdrückung wird, ereilt in Lynchs Psychodrama einen kleinen Jungen ein ähnliches Schicksal, als er zusammen mit seiner Mutter (Julia Ormond) vom personifizierten Bösen namens Bob (D’Onofrio) entführt, gewaltsam zur Waise gemacht und anschließend über mehrere Jahre in abgelegener Behausung als Leibeigener gehalten wird – die Kette immer um den Fußknöchel, sodass Flucht durchweg ausgeschlossen bleibt. Der Name „Bob“ verweist einmal mehr auf das filmische Schaffen David Lynchs (hier: auf die TV-Serie Twin Peaks, 1990-1991), solche Bezüge bleiben jedoch zurückhaltend und bestimmen immer weniger die künstlerische Motivation der Regisseurin.

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Symbolisiert bei Griffiths’ Film ein langbeiniges Insekt vor milchigem Fensterglas die ausweglose Bestimmung der Protagonistin, so wird der Junge von Bob „Rabbit“ getauft. Diese wiederholte Bezeichnung wird auch auf visueller Ebene vollzogen, wenn er sich, über neun Jahre hinweg unterernährt, verängstigt und als beinahe stummes Wesen immer wieder unter dem gräulich-braunen Holztisch verkriecht, nicht zuletzt als sein Herr schließlich fordert, seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Genau wie er soll auch Rabbit direkte Erfahrung am weiblichen Körper sammeln (und somit zum Mittäter werden); die vielen Frauen werden in einer immer gleichen Prozedur zunächst mit einem Taxi entführt, im Haus gedemütigt, gefoltert und schließlich ermordet. Weniger die Explizitheit dieser einzelnen Schritte steht bei Chained im Vordergrund – wenngleich es durchaus die ein oder andere blutgetränkte Szene gibt – als vielmehr der aufgezwungene Trott, die Ausweglosigkeit, welcher der junge Mann ausgeliefert wird. Er muss die Einrichtung in Schuss halten, seinem Herrn unter Zeitvorgabe die Türe öffnen, ihm Essen servieren und hinter dessen Gräueltaten aufräumen, also die Leichen unter dem Haus in der Erde vergraben.

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Eamon Farren, der Rabbit in den meisten Szenen als beinahe erwachsener Jugendlicher verkörpert, liefert mit abgemagerter Physis, verstört-zurückhaltender (Körper-)Sprache und nicht zuletzt den großen, verängstigten Augen eine intensive Darstellung, die der seines Gegenübers nur wenig nachsteht. D’Onofrio, das Herzstück des Films, vermag den brutalen Serienkiller zugleich als eine von Kindesängsten geplagte Figur voller Verletzlichkeit darzustellen. Die in ihm schlummernde Gewalt wird zunächst in montierten Erinnerungsfragmenten mit passiver, bereits erlebter Brutalität in Verbindung gebracht und daraufhin auf seinen müden, kleinen Augen sowie seiner enormen, bisweilen bewusst plumpen Körperlichkeit reflektiert. Abgerundet wird dies durch einen virtuos gespielten Sprachfehler, ein unbeholfenes Lispeln und Schmatzen des Triebtäters, der das dadurch entstehende Speichelsekret immer sogleich mit einem Taschentuch von den Mundwinkeln wischt, um den physischen Makel umgehend zu kaschieren.

Abgesehen von den vielen Szenen, die häufig allein vom Spiel der beiden Protagonisten getragen werden, sticht Lynchs Gespür für die Verortung des Geschehens hervor. Bobs Haus, in dem er Rabbit gefangen hält und die Körper seiner Opfer später anatomisch genau studieren lässt, wird in wenigen, aber effektiven Einstellungen von außen gezeigt, wodurch es als Fixpunkt im weiten Nirgendwo der amerikanischen Steppe erkennbar wird und letztlich jeden Hilferuf ungehört lässt. Die vielen Szenen, in denen sich die Kamera im Inneren des fensterlosen Gebäudes befindet, geben den Blick der Filmemacherin auf jene Grundelemente sozialer Zerstörung frei, die schon in Ansätzen ihre ersten beiden Werke bestimmten: häusliche Gewalt, der beständige Blick auf verschlossene Türen und die daraus resultierende Dunkelheit, die die Persönlichkeit des Einzelnen zu schlucken droht oder erst hervorbringt.

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Lynchs unaufgeregte Konsequenz in der Erzählweise umfasst schließlich auch die finalen Sekunden von Chained, während noch die letzten Schriftzüge des Abspanns über die Leinwand flimmern und der Titel des Films erneut eingeblendet wird. Bis hierhin wird auf akustischer Ebene an die zuvor gesehenen Bilder angeknüpft und die Geschichte weitererzählt. Vielleicht auch deshalb wirkt dieser Film noch lange nach.

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Kommentare


Linda

Ich fand den Film sehr schockierend und frage mich, wie die Autorin darauf kam, solch einen schrecklichen Film herauszubringen. Es zeigt einen Jungen, dessen Mutter brutal ermodert wird und er als Eigentum des Psychopathen in seinem Verließ weiterlebt. Der Täter bringt Frauen fast vor seinen Augen um, eine richtige Erklärung dafür hat er nicht außer, dass es "alles Schlampen sind, die nach ihm gerufen haben". Im Film wird gezeigt, dass der Täter unter Alpträumen leidet, an Erinnerungen wie sein Vater ihn geschlagen hatte und gezwungen hatte, mit seiner eigenen Mutter zu schlafen. Der Vater beschimpfte die Mutter als Hure und da hat bei dem Täter wahrscheinlich die Schraube endgültig locker gemacht. Ein sehr brutaler Film, was ich niemandem empfehlen würde zu sehen.






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