Certain Women

In großartigen 16mm-Bildern erzählt Kelly Reichardt von vier Frauen aus Montana. Ein Film über Begehren und Enttäuschungen, über stille Wut und das Zurechtkommen – der ganz nebenbei und ohne Predigt auch den stummen Zwang der Geschlechterverhältnisse in den Blick nimmt.

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Man sollte anfangen mit diesen großartigen Bildern Montanas, Bildern von der Prärie, von Neon-Reklamen, von Zügen, die das Niemandsland zerschneiden. Das sind meisterhafte 16mm-Miniaturen, zugleich ikonisch und bescheiden: Bilder, die mit Americana-Pathos aufgeladen, aber doch keine Poster sind, die zugleich davon zeugen, dass sich in den Prärien, unter den Leuchtreklamen, im weiten Niemandsland lauter kleine Leben abspielen. Dazu ein präzises Sounddesign, das ganz ähnlich zwischen Wunsch und Wirklichkeit pendelt, das sich eine unberührte Natur vorstellt und zugleich weiß, dass diese Vorstellung nur eine Schimäre ist. Wenn man verstehen will, was dieses häufig zu lesende „sense of place“ bedeutet, dann müssten diese Bilder, wie überhaupt die Filme von Kelly Reichardt, als Antwort genügen. Auch ihr neuester Film Certain Women ist also schon durch seine Land- und Soundscapes aufregend, wobei gerade dieses Wort nun nicht so recht passt: Denn die sorgsam auf die Leinwand gepinselten Bilder sind eigentlich so beruhigt, nicht einmal innerlich brodelnd, dass selbst die Geiselnahme aus dem ersten Teil des Films gar nicht erst auf die Idee kommt, sich als dramatischen Höhepunkt zur Verfügung zu stellen.

Trügerische Synopsen

Zwei der drei Episoden, aus denen sich Certain Women zusammensetzt, ließen sich knapp und trügerisch zusammenfassen: Im ersten Teil stimmt der durch Verschulden seines Arbeitgebers geschädigte blue-collar worker Fuller (Jared Harris) überhastet einem Vergleich zu und verspielt damit die Möglichkeit zur Klage. Er will das nicht wahrhaben – obwohl ihm seine Anwältin schon seit Monaten die Aussichtslosigkeit seiner Situation klarmacht –, dreht schließlich durch und nimmt eine Geisel. Im zweiten Teil geht es bergab mit dem alten Albert (René Auberjonois), der immer tatteriger wird und neulich gestürzt ist. Ein befreundetes Ehepaar will seine Lage ausnutzen, um ihm den seltenen Sandstein vor seinem Haus abzukaufen und für den eigenen Hausbau im Wald zu verwursten.

Raus aus dem Strudel der Repräsentationspolitik

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Doch Reichardt dezentriert diese Sozialdramen leidender Männer, indem sie zwei andere Figuren in den Mittelpunkt stellt: Anwältin Laura (Laura Dern) in der ersten, Ehefrau und Mutter Gina (Michelle Williams) in der zweiten. Indem Reichardt, basierend auf Kurzgeschichten der Schriftstellerin Maile Meloy, mit solchen narrativen Verschiebungen arbeitet, scheinen ihre Figuren weniger auf einem weißen Blatt gezeichnet als aus einem gesellschaftlichen Panorama in den Vordergrund geschoben. Damit immunisiert sich der Film nicht zuletzt gegen die Simplifizierungen einer kontextblinden Repräsentationskritik, die auf Frauenfiguren gern mal Schablonen anwendet, um Filmen dann ein Zeugnis auszustellen. Mehr starke Frauen im Kino, hieß es mal, wobei schnell klar wurde, wie wenig gewonnen war, wenn dieses Anliegen ins Stereotyp der „starken Frau“ umschlug, die nun keine Schwächen mehr zeigen durfte. Sollten wir also nach dem richtigen Maß suchen, nach „dreidimensionalen Figuren“ mit sorgsam austarierten Stärken und Schwächen, oder schneiden wir damit nicht gerade wichtige Polarisierungen zugunsten von biederem Arthouse-Realismus ab? Schreien wir nach Diversität, nach abertausenden unterschiedlichen Frauenfiguren in den schillerndsten Farben, oder ist Diversity nicht auch bloß eine Erweiterung des Regals, bei der wir uns an der jüngsten Lieferung neuer Schubladen ergötzen?

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Aus dem Schlamassel, so scheint es, kommt man kaum heraus beim Figurenbau, weil er ja eben damit zu tun hat, dass Frauenfiguren in einem Maße zu Vertreterinnen von „Frau“ gemacht werden, wie Männerfiguren eben nicht zu „Mann“ gemacht werden – und deshalb gerade dieser Prozess filmisch durchleuchtet werden müsste. Reichardts Frauen nun tragen nicht die Bürde, ein Problem filmisch exemplifizieren zu müssen – darauf verweist schon der Filmtitel, der die Beliebigkeit ins Spiel bringt –, aber sie tragen alle eben doch sichtlich jene Bürde, eine Frau zu sein. Das erlaubt Certain Women den Blick auf die subtilen Praktiken, in denen sich Geschlecht erst herstellt und die jeder „starken“ oder „schwachen“ Figur vorgängig sind.

Lass Frau mal machen

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Dass die Anwältin für den betrogenen Underdog eben nicht Autorität, sondern emotionaler Mülleimer ist, diesen Punkt macht Reichardt noch ziemlich explizit und diskursiv, weil Laura selbst – nach dem Einholen einer „zweiten Meinung“ bei einem männlichen Kollegen – kaum fassen kann, dass ihr Klient auf einmal mit einem bloßen „Okay“ quittiert, womit er sich zuvor monatelang nicht zufrieden gab. Wenn die Anwältin dann aber aufgrund ihres angeblichen Vertrauensverhältnisses zu Fuller von der örtlichen Polizei mitten in eine Geiselnahme geschickt wird, dann kostet Reichardt die Absurdität der Situation auch visuell aus: Ein „hostage expert“ brieft Laura kurz mit absurden Allgemeinplätzen, ein Cop tastet sie ab und stattet sie mit einem Telefon aus, der Sheriff verliert noch ein paar ermutigende Worte, und dann wankt ein zugleich souveräner wie verunsicherter Körper in eine Gefahrensituation. Wie hier eine Frau wortwörtlich aus einer erkämpften Machtposition herausbeordert wird, um an jene emotionale Front geschickt zu werden, auf der ihr die männlichen Autoritäten etwas zutrauen, das ist eine äußerst gelungene filmische Zuspitzung.

Stille Enttäuschungen und viel Zurechtkommen

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Frauen die emotionale und kommunikative Arbeit machen lassen, das ist auch bei der Sandstein-Episode ein Thema, wenn Gina für die Charmeoffensive gegenüber Albert verantwortlich ist, wenn sie herausrücken muss mit der Bitte um den Verkauf des Steines, während ihr Ehemann dem alten Herren direkt kumpelhaft versichert, er könne natürlich auch einfach nein sagen. Dieser zweite Teil von Certain Women ist selbst für Reichardts Verhältnisse understated, das größte Gewicht haben die scheinbar geringfügigsten Momente. „Lass uns heute mal nett zu Mami sein“, versucht der gütige Ehemann mit der Teenage-Tochter einen Pakt einzugehen. „Warum, ist sie krank?“ Die wortkarge Autofahrt nach dem Besuch bei Albert spricht dann, wie der ganze Film, von stillen Enttäuschungen und vom Trotzdem-Zurechtkommen. Beliebige Beispiele, ganz ohne existenzialistische Untertöne: Reichardt lässt ihre Figuren in den Landschaften untergehen und an Widerständen verzweifeln, ohne vom menschlichen Dasein als solchem zu schwadronieren, findet auch für den großen Begriff der Entfremdung keinen Gegenstand, sondern höchstens unzählige kleine Indizien.

Ein Bild für eine Zukunft

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Noch nichts ist damit gesagt über jene dritte Episode, in der es um eine herzzerreißende Sehnsucht geht, um eine dann doch irgendwie große Geschichte einer unerwiderten Liebe – ohne dass die Subtilität von Certain Women dadurch verloren ginge. Alles was zu sagen wäre über diese Liebe, steht schon in Lily Gladstones Gesicht geschrieben, die eine junge Frau mit indigenen Wurzeln spielt, die sich irgendwo im Niemandsland ganz allein um eine große Farm kümmert. Diese junge Frau, die in den Credits nur „The Farmer“ heißt, stolpert eines Nachts in einen Abendkurs für Lehrer über Schulrecht, den die von Kristen Stewart gespielte Jurastudentin Beth hält.

Wohl auch weil sie zum Inhalt des Kurses keinen Bezug hat, weil ihr gar nicht klar ist, wie sehr Beth das Thema langweilt, leuchten die Augen der Farmerin derart, wenn sie Beth zuhört. Die beiden beginnen eine Routine, die aus einem gemeinsamen Abendessen nach dem Kurs besteht; jeweils bevor sich Beth wieder auf den vierstündigen Rückweg nach Livingston macht – der Grund, warum sie den Kurs irgendwann an einen männlichen Kollegen abgibt. Vor dieser tragischen Trennung hat die verliebte Farmerin der gebeutelten Jurastudentin einmal eine Freude gemacht, sie ist mit einem ihrer Pferde gekommen und hat Beth von der Schule zu ihrem Auto geritten. Mit diesem Bild blickt Certain Women dann doch mal für einen Moment nicht auf eine unbefriedigende Gegenwart, sondern in die Zukunft – auch wenn die gemeinsame Flucht im Schritttempo ein allzu profanes Ziel hat.

Trailer zu „Certain Women“


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Kommentare


Barbara Suhren

danke für diese schöne und treffende Kritik - aber könnt ihr bitte Lily Gladstone bei den Darstellerinnen dazuschreiben???


Michael

Normalerweise zeigt es bei unseren neueren Filmeinträgen immer nur die ersten fünf Darsteller an. Aber dann wollen wir mal eine Ausnahme machen. :-)


Michael

Noch kurz zur Erklärung: Da die Darsteller-Angaben bei uns automatisch erstellt werden, kommt es manchmal zu einer seltsamen Reihenfolge. Wenn es uns auffällt, greifen wir natürlich ein. Also danke für den Hinweis!






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