Celeste & Jesse

Im Rewind-Modus: Ein junger amerikanischer Independent-Film macht Romantic Comedy besser als Hollywood.

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Celeste & Jesse (Celeste and Jesse Forever) beginnt ähnlich wie ein Film, der 2012 in den deutschen Kinos gestartet ist: Das verflixte 3. Jahr (L’amour dure trois ans) des Franzosen Frédéric Beigbeder. Im Vorspann beider Filme wird im Zeitraffer die Geschichte eines Paares vom Kennenlernen bis zur Hochzeit erzählt. Bei Beigbeder geht es danach mehr oder weniger direkt zum Scheidungsanwalt, um im Folgenden die Liebeswirren des neugebackenen männlichen Singles zu erzählen. In Lee Toland Kriegers Romantic Comedy kommt sehr viel später auch die Szene mit den Anwälten, allerdings mit völlig anderen Vorzeichen. Die Trennung, die Beigbeder in wenigen Szenen abhandelt, wird hier ins Zentrum der Handlung gerückt. Sich trennen ist nämlich mehr als eine Unterschrift auf der Scheidungsurkunde: ein langsames, schmerzvolles Ablösen vom Partner, begleitet von Zweifeln, Rückfällen, Eifersucht.

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Celeste (Rashida Jones) und Jesse (Andy Samberg) sind seit der Highschool so etwas wie das absolute Traumpaar, gut aussehend, charmant und im Zweierpack unschlagbar. Als Trendforscherin für eine Marketing-Agentur in L.A. ist sie beruflich auf dem Höhenflug, er treibt ziellos vor sich hin. Grund genug für sie, mit Anfang 30 die Reißleine zu ziehen und ihn vor die Tür zu setzen, übergangsweise erst mal in die Gartenlaube hinterm Haus. Doch die beiden verstehen sich weiterhin so gut, dass sie jede freie Minute miteinander verbringen und ihre besten Freunde sich angesichts der bevorstehenden Scheidung die Haare raufen. Und Jesse würde eigentlich auch lieber wieder bei Celeste einziehen.

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Sich entlieben, wo die klassische Romantic Comedy das Verlieben zelebriert: Celeste & Jesse stellt die Logik des Genres auf den Kopf. Und nimmt eine ganze Reihe von Liebeskomödien-Stereotypen aufs Korn. Dass dieser charmante Film so frisch wirkt, liegt zunächst an den vielen jungen amerikanischen Talenten vor und hinter der Kamera. In Nebenrollen überraschen Emma Roberts als zu vermarktender Popstar und Elijah Wood als Celestes schwuler Arbeitskollege, der nie um einen zynischen Kommentar verlegen ist. Der Regisseur Lee Toland Krieger ist in Deutschland noch völlig unbekannt. Sein erster Langfilm The Vicious Kind (2009) hatte zwar einige Achtungserfolge auf Filmfestivals, aber keinen deutschen Verleih gefunden. Celeste & Jesse ist sein zweiter Kinofilm.

Als Vorlage hat ihm seine Hauptdarstellerin Rashida Jones zusammen mit ihrem Ex-Partner Will McCormack ein überaus effizientes Drehbuch vorgelegt. Sie haben Dialoge geschrieben, bei denen es sich lohnt, genau hinzuhören, weil sich bis in die Nebensätze hinein kleine Witzbomben verstecken (der Hinweis auf die Lieferzeit eines Sofas, der Seitenhieb auf Nick Nolte). Sie haben im Stile der Bridget-Jones-Filme einige Slapstick-Elemente in die Geschichte eingebaut (Celeste steckt kopfüber in einer Mülltonne fest). Und sie schaffen es immer zum richtigen Zeitpunkt, das Tempo aus der Geschichte zu nehmen und aufrichtig mit ihren Figuren mitzufühlen. Kurzum: Ihnen gelingt die delikate Gratwanderung zwischen Komik und Drama.

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Rashida Jones hat sich mit Celeste eine Traumrolle auf den Leib geschrieben. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge in perfekter Balance verkörpern sie und Andy Samberg ihre beiden Rollen, urkomisch und todtraurig, total cool und brutal verletzlich. An wenigen Stellen der Geschichte möchte man als Zuschauer den Strudel der Ereignisse nicht ganz mitgehen. Doch der unglaubliche Weg, den die Beziehung der beiden nimmt, bleibt glaubwürdig, weil die Chemie zwischen den beiden Schauspielern so perfekt ist. Im Laufe der Geschichte verschieben sich ihre Rollen. Der orientierungslose Jesse wächst an einer Entscheidung, die er trotz großer Selbstzweifel durchzuziehen versucht. Für Celeste scheinen das Seelenleben und die intimen Wünsche ihrer sozialen Umwelt vollkommen transparent. Aber angesichts ihrer eigenen Gefühle wirkt die toughe Trendforscherin zunehmend hilflos. Selten haben Melancholie und frecher Humor in einer Filmfigur so gut nebeneinander gepasst. Am Filmanfang singen Celeste und Jesse fröhlich gemeinsam eine Liedzeile aus Lily Allens Song Littlest Things: „So come on, tell me, is this the end?“ Am Ende des Films gibt es darauf auch eine Antwort.

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