Die Höhle der vergessenen Träume

In der südfranzösischen Chauvet-Höhle befinden sich die ältesten heute noch erhaltenen Höhlenmalereien. Werner Herzog hat für diesen Ort eine exklusive Zutrittsberechtigung erhalten und spinnt dort seinen ganz eigenen Mythos.

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Es war im Dezember des Jahres 1994, als ein Team von Wissenschaftlern in den Bergen, nahe der südfranzösischen Ortschaft Vallon-Pont-d’Arc, eine folgenreiche Entdeckung machten. Durch einen Luftzug stieß die Forschergruppe auf eine Höhle, die nicht nur die Kunstgeschichte umschreiben sollte. Im Inneren befanden sich die bis heute ältesten noch erhaltenen Höhlenmalereien, Kohlestiftzeichnungen, deren Alter auf 32.000 und 35.000 Jahre geschätzt wird.

Der Zugang wird seitdem nur Wissenschaftlern gewährt, und auch das nur mit starken Beschränkungen. Ein in der Mitte gebauter Weg aus Metallplatten darf zum Schutz von Knochen und Ablagerungen nicht verlassen werden, und die Aufenthaltsdauer soll wenige Stunden nicht überschreiten. Werner Herzog, der Spezialist für extreme Drehbedingungen, hat sich davon nicht abschrecken lassen. Seine Dreherlaubnis hat er vom französischen Kultusminister persönlich bekommen und ist damit der Erste, der die Chauvet-Höhle mit einer Kamera betreten darf.

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Die Tatsache, dass Die Höhle der vergessenen Träume (Cave of Forgotten Dreams) in 3D gedreht wurde, lässt ein opulentes Leinwandspektakel erwarten. Die Bilder in der von Stalagmiten und Stalaktiten übersäten Höhle sind jedoch alles andere als perfekt ausgeleuchtet. Die Filmcrew war hier auf vier Personen beschränkt, und die einzige Lichtquelle kommt von den batteriebetriebenen, von den Crewmitgliedern in den Händen gehaltenen Strahlern, mit denen die Wände beleuchtet werden. Herzog weiß diese Einschränkung aber gezielt zu nutzen. Durch die zitternden Scheinwerfer wirkt die Höhlenexpedition umso geheimnisvoller.

Die Malereien sind auch trotz der schwachen Beleuchtung sehr beeindruckend: Zu sehen sind vor allem diverse Tierdarstellungen, die nichts mit primitiven Kritzeleien zu tun haben, sondern Zeugnis hochentwickelten Handwerks sind. Jedes Tier verfügt hier über einen individuellen Ausdruck, durch Schraffuren und Staffelungen wird darüber hinaus ein dreidimensionaler Effekt erreicht, den die unebene Form der Wände und die 3D-Technik noch verstärken. Herzog, der den Film wieder einmal selbst mit seiner beruhigenden, hauchenden Stimme eingesprochen hat, bezeichnet die Verdoppelungen der Körperumrisse, durch die in den Wandbildern Bewegung dargestellt wird, sogar überspitzt als eine Vorform des Kinos.

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Cave of Forgotten Dreams besitzt durchaus Merkmale einer BBC-Dokumentation, und tatsächlich ist der Film für den History Channel entstanden. Neben seiner eigentlichen Attraktion, den Wandbildern, sind vor allem Interviews mit Archäologen zu sehen, mit deren Hilfe Herzog die Lebensbedingungen zur Zeit der Entstehung der Wandbilder zu rekonstruieren versucht: die Musik, die Flora und Fauna, die Kleidung, die Waffen, aber auch die Konzepte der Flüssigkeit und Durchlässigkeit, die das damalige Denken geprägt haben. So erhellend manche dieser Gespräche sind, teilweise wünscht man sich, der Film wäre weniger wortlastig ausgefallen und verließe sich mehr auf die Kraft seiner Bilder.

Cave of Forgotten Dreams verfügt über den ganz eigenen Herzog-Stempel, den der Regisseur jedem seiner Filme, egal ob Dokumentation oder Spielfilm, aufdrückt. Allein das Motiv einer urzeitlichen Höhle, die von niemandem betreten werden darf, ist schon ein typisches Sujet für Herzog mit seinem Faible für das Große, Archaische und Mythische. Auf seiner Suche nach dem Erhabenen, der Idealisierung der Vergangenheit und seiner naiv staunenden Perspektive rückt er dabei teilweise in die Nähe des Kitschigen. Auch ein wenig Bescheidenheit hätte dem Film gut getan. Herzog wird nicht müde, die Außerordentlichkeit und Ausnahmslosigkeit seiner Expedition zu betonen, als müsse er seinen Film mit so einer Selbstbeweihräucherung aufwerten.

Man kann Herzogs esoterische Abschweifungen natürlich auch als eine Qualität des Films sehen. Cave of Forgotten Dreams ist zweifellos ein sehr persönlicher Blick auf einen wissenschaftlichen Gegenstand. Herzogs Absicht, historisches Material in die eigene Mythologie einzubetten, ist es dann auch, was den Film von genannten Fernsehdokumentationen abhebt.

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Kommentare


Wolfgang Hoffmann

Ich finde Kienzls Kritik doch etwas herabwuerdigend. Fuer mich ist Herzog, und das beweisst auch wieder dieser Film, einer der letzten visionaeren Filmemacher von Rang, der aus dem eigenen, lebendig gehaltenen und gesunden Verhaeltnis zur Imagination, der Welt der Abenteuer und Mythen, die uns mit der Welt des Kollektiven Unbewussten (Carl Gustav Jung), die wir als Menschen alle teilen,in Kommunikation zu treten oder bleiben auffordert. Diese wichtige Seite des Menschen ist allgemein in einer bedrohten Sitaution. Ich bin Werner Herzog sehr dankbar, das er diese Faszination mit uns teilt. Seine Filme haben deswegen auch einen tieferen Sinn. Seine ideosynkratische Weise macht seine Filme persoenlicher im Bezug auf Autorenschaft und kuenstlerisch sehr interessant.


Marion Unverdorben

"...Auch ein wenig Bescheidenheit hätte dem Film gut getan. Herzog wird nicht müde, die Außerordentlichkeit und Ausnahmslosigkeit seiner Expedition zu betonen,..."
Obwohl der Text sehr informativ ist, möchte ich doch den Kritiker etwas kritisieren. Werner Herzog empfinde ich durchaus als bescheidenen Menschen. In seiner Schilderung der Außerordentlichkeit seiner Expedition drückt er (in meinen Augen) seine Begeisterung über diese Erfahrung, dieses Erlebnis aus, - seine Freude, dass er es geschafft hat. Das macht ihn lebendig, sympathisch und glaubwürdig.






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