Casting a Glance

James Benning hat seine Streifblicke auf Robert Smithsons berühmte Land-Art-Kunst, die „Spiral Jetty“ in Utah, dokumentiert und ein bisschen mit dem Ton gespielt.

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Der vielleicht schönste Moment von Casting a Glance (2007) ist ein skurriler, rätselhafter, ungeplanter. Einer, der sich nur entschlüsselt, wenn man das DVD-Booklet zu Bennings Dokumentation liest oder sich unter den Extras Auszüge aus einem Publikumsgespräch mit dem Regisseur anhört. Das sollte man aber lieber nach Sichtung des Films machen, sonst ruiniert man sich den Spaß und das Wundern. Während die Kamera verschiedene Abschnitte von Robert Smithsons „Spiral Jetty“ festhält, ist auf der Tonspur ein wiederholtes „Uuuuieeeh!, Uuuuieeeh!, Uuuuieeeh!“ zu hören. Die Ausrufe stammen von einem Mann, aber was er uns damit sagen möchte, bleibt unklar. Gibt er Kommentare zu dem Kunstwerk ab? Hat er eine Schraube locker? Könnte man ihn sehen, würde das sein Verhalten vielleicht erklären, doch so wie Smithsons Steinspirale 30 Jahre lang unsichtbar, da unter Wasser war, so bleibt es auch der mysteriöse Schreihals.

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Der Moment ist auch deshalb so schön, weil die Natur im Gegensatz zu dem möglicherweise stark beeindruckten Besucher vollkommen unberührt von ihm wirkt. Die erhabene Gleichgültigkeit der Landschaft wird noch durch die für Benning typischen statischen Einstellungen unterstrichen. Zudem erscheint die Sequenz leicht surreal, da die Montage diverser Abschnitte der „Jetty“ in Verbindung mit der Tonspur eigentlich bedeuten müsste, dass der Ausrufer mehrfach seinen Standort gewechselt hat. Wie häufig in den Werken des US-Amerikaners ist der Ton nicht zwangsläufig ein natürlicher und nicht immer ein „logischer“, sondern er wurde hier getrennt von den Bildern und vom Regisseur eigenhändig, da ohne Tonmann aufgenommen und später im Schneideraum hinzugefügt. Und ähnlich wie in dem parallel zu Casting a Glance entstandenen Eisenbahnfilm RR (2007) kommentiert die Tonspur in manchen Szenen in etwas zu aufdringlicher Weise die Bilder, oder vielmehr die Gedanken hinter den Bildern, wenn zum Beispiel in einer Szene das Lied „Love Hurts“ von Emmylou Harris erklingt.

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So verwirrend wie die „Uuuieeehs!“, und ebenfalls nur durch Booklet und Extras erklärt, sind die Zeiteinblendungen des Films. Diese beginnen mit 1970 und enden mit 2007, sodass man denken könnte, Benning wäre über einen Zeitraum von 37 Jahren zu der spiralförmigen, 460 Meter langen und 4,6 Meter breiten Landzunge im Großen Salzsee in Utah gefahren, die wie eine große verschlungene Zwei aussieht. Tatsächlich hat er ihr lediglich zwischen 2005 und 2007 16 Besuche abgestattet, um für seine Dokumentation die Sichtbarkeit von Smithsons Kunst mit mathematisch rekonstruierten Wasserständen in 16 Sequenzen nachzustellen. Der Film beginnt mit einer kurzen Einstellung ihrer Unsichtbarkeit, bevor Aufnahmen folgen, die den Zustand der „Jetty“ 1970, im Jahr ihrer Entstehung zeigen. Ihre Basaltsteine sind jetzt noch schwarz, bevor sie mit der Zeit von einer weißen Salzschicht überzogen und dann wieder vom Regen dunkler gewaschen werden.

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Der 1973 im Alter von 35 Jahren bei einem Flugzeugabsturz gestorbene US-amerikanische Maler und Land-Art-Künstler Robert Smithson hat wie James Benning Werke erschaffen, die (jahres-)zeitliche Veränderungen von Landschaften und den Einfluss von Industrie und Technik auf die Natur thematisieren. Smithson hat die temporäre Unsichtbarkeit der Steinspirale durch einen hohen Wasserstand ebenso einkalkuliert wie den Wandel ihrer Beschaffenheit durch Wasser und Erde, Salz und Algen. Die abwechslungsreiche Veränderung ihres Aussehens demonstriert Casting a Glance genauso detailliert, anschaulich und faszinierend wie die der Landschaft am Großen Salzsee durch unterschiedliche Jahreszeiten und Wetterbedingungen. Es dominieren Totalen und Halbtotalen, vereinzelt gibt es Nahaufnahmen von Algen, Steinen oder Salzkristallen. Das Wasser ist mal laut, mal leise, mal ruhig, mal wild. In manchen Szenen zwitschern die Vögel laut, der Wind bläst kräftig oder die Wellen rauschen stark, andere sind dagegen sehr still. Menschen sind wie in einigen Werken von Benning eher Randerscheinungen und befinden sich hier bis auf eine Aufnahme aus der Entfernung gänzlich im Off.

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Aber auch wenn Menschen nur einmal sichtbar sind, so ist ihre Präsenz durch die Tonspur doch mehrfach vorhanden: Jemand ruft seinen Hund, es fallen Gewehrschüsse, aus der Ferne hört man eine Sprengung und zum Ende die Geräusche eines Flugzeuges – vielleicht ein Zufall, vielleicht eine bewusste Erinnerung Bennings an die Todesart von Robert Smithson, dem der Film gewidmet ist und der mit dem Kurzfilm Spiral Jetty (1970) einst den Entstehungsprozess seines Kunstwerkes dokumentierte. Das Beeindruckendste an Bennings Rekonstruktion einer 37-jährigen Entwicklungsgeschichte sind die atemberaubenden Totalen: Aufnahmen, in denen Himmel und Wasser fast übergangslos erscheinen, in denen die Steinspirale so gefilmt wurde, als schwebe sie frei in der Luft, oder in denen nicht eindeutig klar ist, ob große Schneeflocken oder Salzablagerungen durchs Bild fliegen. Und das Spannendste sind die durchgängig variierenden Rhythmen und Dynamiken der insgesamt 78 Einstellungen, die, obwohl die meiste Zeit „nicht viel mehr“ als Steine, Wasser und Himmel zu sehen sind, nie eintönig wirken.

Der Titel Casting a Glance ist für dieses intensive Hinschauen und Einfangen eine bescheidene Untertreibung.

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