Casting

Berlinale 2017 – Forum: Verharren im Halbgeformten. Casting erkundet das dauerhafte Aufschieben einer Entscheidung als letzte Quelle der Eigenständigkeit und Gestaltungsmacht, zieht sich dabei aber immer wieder in die eigene Ungreifbarkeit zurück.

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Streng genommen markiert eine Entscheidung nur eine dimensionslose Grenze zwischen zwei entgegengesetzten Zeitspannen: zwischen der Zeit der Ungewissheit, in der Gedanken und Gefühle mal zielstrebiger, mal verworrener miteinander abgeglichen werden, und der Zeit des Handelns, in der es nur um die Umsetzung eines bereits ausgeformten Vorhabens geht. In Nicolas Wackerbarths Casting jedoch entfaltet die Entscheidung selbst eine gewisse Dauer, nimmt Raum und Zeit ein, wird zu einem Zustand, in dem man beinahe beliebig lange verharren kann. Denn es ist nicht so, dass sich die Regisseurin Vera (Judith Engel) bei der Vorbereitung ihrer Neuverfilmung von Rainer Werner Fassbinders Die bitteren Tränen der Petra von Kant nicht für eine Hauptdarstellerin entscheiden könnte – sie entscheidet sich ja die ganze Zeit über, angesichts jeder Schauspielerin, die sie zum ersten oder auch schon zum vierten Mal zum Vorsprechen einlädt. „Ich habe das Gefühl, sie will sich jetzt entscheiden“, sagt ihre Assistentin einmal über sie, und in eben diesem sichtbaren Wollen hat Vera sich eingerichtet. Sie hat den Bereich der Unschlüssigkeit verlassen, ohne in den Bereich der Handlungsfähigkeit eingetreten zu sein, denn nur in dieser Zwischenwelt hat Vera tatsächlich so etwas wie Macht. Solange alles noch im Werden ist, hängt die gesamte Filmproduktion von ihren Entscheidungen ab – aber nur, solange diese Entscheidungen nicht endgültig gefallen sind.

Die Herrschaft der tatenlosen Anwesenheit

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Aber dieses Verharren im Halbgeformten scheint für Vera die einzige Möglichkeit zu sein, sich dem starren Machtgefüge zu entziehen, in das die gesamte Filmproduktion eingebettet ist. Denn über allem Tun inmitten der halbaufgebauten Kulissen, über allen Ängsten, Wünschen und Frustrationen waltet, ungesehen und doch allgegenwärtig, der Sender. Dabei ist es nicht der Zwang, der hier regiert, es wird nie diese oder jene Einzelentscheidung gewaltsam durchgedrückt. So besetzt der Sender zwar eigenmächtig einen ihm genehmen Star für die Hauptrolle, aber diese Besetzung wird nach den ersten Konflikten scheinbar anstandslos wieder rückgängig gemacht. Die Macht des Senders besteht nicht in einer unmittelbaren Kontrolle, sondern in einer Atmosphäre der permanenten Anwesenheit, in dem Bewusstsein aller Beteiligten, dass es ihn als höchste Instanz gibt, als eine Intanz, die alles sieht und die nur aufgrund ihrer Gnade nicht auf ihren Wünschen beharrt. Repräsentant dieser verborgenen Macht ist der Produzent des Films, der zwar nicht dem Sender angehört, dessen ganze Autorität sich aber aus dem Kontakt speist, in dem er mit ihm steht. Wie ein hoher Gesandter tänzelt er durch das Set, gibt jedem Crewmitglied irgendwelche sinnlosen Anweisungen, und macht so für alle erkennbar: Er verweilt zwar hier im Dorfe, aber eigentlich ist sein Platz im Schloss.

Eine Entscheidung, die sich nicht vollzieht, eine Herrschaft, die sich dem offenen Zwang enthält – es ist, als würde Casting zur Gänze in einer endlos breit gewordenen Lücke spielen, innerhalb derer jede Dynamik ruhiggestellt wird. So bleibt auch der Raum des Filmstudios gänzlich von den Rhythmen der äußeren Welt abgeschirmt, er wird weder betreten noch verlassen, und das Freie hinter den Fenstern ist selbst immer nur Teil der Kulisse. Auch das Voranschreiten der Zeit lässt sich nicht an der Abfolge von Tagen und Nächten erfahren, sondern nur an dem immer detaillierter werdenden Szenenbild. Das Ende des einen Arbeitstages ist die Mitte des Nächsten, irgendwann hat wohl ein Wochenende stattgefunden, und doch sind die Figuren immer nur, wo sie die ganze Zeit schon waren: an einem Ort, der in immer wieder neue Räume auseinanderfällt. Diese permanente Zwischenzeit findet ihre greifbare Gestalt und ihre eigentliche Kulisse nur in den Rückseiten der Studiobauten, in den filigranen, durch Eisenklammern zusammengehaltenen Holzplatten, gleichermaßen gebaut, um zu stehen und um wieder abgebaut zu werden.

Rückzug in die Vielgestaltigkeit

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Letzten Endes wird jedoch auch Casting selbst von diesem heraufbeschworenen Schwebezustand erfasst und jedes Anzeichen eines eindeutigen Anliegens oder eines vorrangigen Interesses wird umgehend wieder aufgehoben. Eine Satire auf die senderdominierte Filmproduktion in Deutschland, eine Auseinandersetzung mit dem Erbe des Neuen Deutschen Films, ein Spiel mit Machtkonstellationen und Geschlechterrollen – der Film wechselt so beständig seine Gestalt, dass man oft unschlüssig ist, wie man sich zu ihm verhalten soll, mit welchen Fragen und in welcher Sprache man sich ihm nähern soll. Es ist, als verfolge der Film als Ganzes dieselbe Überlebensstrategie wie eine seiner Figuren, der erfolglose Schauspieler Gerwin (Andreas Lust). Zunächst nur als Anspielpartner für die verschiedenen Schauspielerinnen engagiert, wechselt Gerwin permanent die eigene Rolle, passt sich instinktiv seinem jeweiligen Gegenüber an, stiftet immer wieder auf vordergründig naive, beinahe mephistophelische Art Zwietracht und Chaos, und frustriert so jeden der Versuche, ihn aus dem Filmprojekt auszuschließen. Für Gerwin wie für Casting selbst scheint zu gelten: Eigenständigkeit und Kontrolle sind nur zu erreichen, wenn man für andere nie wirklich greifbar ist. Der große Triumph ist mit dieser Strategie vielleicht nicht zu erreichen, aber eines hat zumindest Gerwin am Ende bewirkt: dass er weiterspielen darf, und sei es nur für eine kurze Zeit.

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