Casanova

Noch bevor man sich von Heath Ledgers schauspielerischen Qualitäten in Brokeback Mountain (2005) überzeugen kann, kommt er als Casanova in die deutschen Kinos. In Venedig wurde Ledger für diese Darstellung gelobt. Der Film, bei dem Lasse Hallström (Chocolat, 2000) Regie führte, fiel jedoch beim Festivalpublikum durch.

Casanova

Woher sie denn wissen könne, dass er wirklich Casanova sei, fragt die zarte Nonne den berühmten Liebhaber von „1.000 Frauen“. Eine Ellipse im Filmschnitt bringt unmittelbar darauf die Antwort. Für wenige Sekunden darf Casanova (Heath Ledger) im Schlafgemach der Sünderin seine Männlichkeit mit vollem Einsatz unter Beweis stellen. Doch die körperlichen Freuden sind nicht von Dauer. Aufgescheucht von städtischen Hütern des Rechts flüchtet der Hasardeur über die Dächer Venedigs. Das war’s dann auch mit den amourösen Abenteuern im Leben des Casanova. So stellt es jedenfalls der neue Film von Lasse Hallström (Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa, What’s Eating Gilbert Grape, 1993) dar. Wie schon Federico Fellini nimmt der schwedische Regisseur diese mythenumwobene Figur der Zeitgeschichte, die Giacomo Girolamo Casanova (1725–1798) in seinen umfangreichen Memoiren selbst schuf, für einen Filmstoff zum Vorbild.

Venedig 1753: Casanova in seiner Blüte und kein Sex? Um nicht der Stadt verwiesen zu werden, muss sich der Charmeur zügeln und eine Braut seiner Wahl zur Frau nehmen. Eine Mäßigung, die ihm gar nicht ungelegen zu kommen scheint, hat er doch nur noch Augen für die emanzipierte Francesca Bruni (Sienna Miller). Was als originelle Herangehensweise an den Mythos dieser Figur erscheinen mag, entpuppt sich schnell als bloßes Kalkül. Casanova wurde von Touchstone Pictures produziert, einem Produktionszweig von Disney Pictures. Saubere Filme für „die ganze Familie“, die frei von Anzüglichkeiten sind, stellen die Hauptsparte der Touchstone-Produktionen dar. So auch Casanova, der alle Ingredienzien einer normierten Familienunterhaltung enthält. Sei es der lustige Sidekick der Hauptfigur, ins Lächerliche überzogene Darstellungen von Bösewichtern oder eine turbulente Verfolgungsjagd gegen Ende des Films: routiniert zieht Casanova sämtliche Register dieser Form der Komödie.

Casanova

Trotz der Genremuster weiß Hallström gekonnt mit dem Setting des Films umzugehen. Das Venedig der 1750er Jahre wird nicht nur durch elaborierte Computereffekte und aufwendige On-Location-Drehs mit einem Anschein von historischer Genauigkeit erschaffen. Dem Regisseur gelingt es auch die barocken Paläste und Villen mit Leben zu füllen. Keinerzeit erwecken die Prunkhallen den Eindruck von musealer Erstarrung. Mit bisweilen präzisen Dialogen gelingt es sogar ein Gesellschaftsporträt der oberen Schichten zu entwerfen, das Assoziationen zu den Werken von Jane Austen hervorruft. Dennoch haftet Casanova der Makel einer inadäquaten Umsetzung an, da die Komödienkonstruktion nur allzu deutlich die Narration des Films bestimmt. Dieses Korsett scheint auch den schauspielerischen Ehrgeiz von Ledger und Miller abzuschnüren, haftet ihren Figuren doch eine merkwürdige Teilnahmslosigkeit an. Die Schlitzohrigkeit Casanovas möchte man Ledger noch abnehmen, jedoch ist die Leidenschaft, die der Figur laut Erzähler im Blut stecken soll, nicht zu spüren. Selbst der Oscarpreisträger Jeremy Irons bekommt lediglich die Gelegenheit eine Chargenrolle auszufüllen.

Auch wenn die in den 80ern gegründete Produktionsfirma Touchstone Pictures mit ihrem ersten Film Splash – Jungfrau am Haken (Splash, 1984), unter Protest einiger Disneyproduzenten, ein bisschen Brust und Po von Daryl Hannah zeigte, ist von Freizügigkeit in Casanova nichts mehr zu sehen. Dass diese klinische Reinheit für den Film nicht nur ein Verzicht auf nackte Haut bedeutet, wird deutlich, als Casanova im Gespräch mit seiner Angehimmelten seine charakterlichen Eigenschaften, die von körperlicher Liebe, Selbstliebe und Selbstzweifel geprägt sind, lediglich anschneidet. Die schattenreichen Facetten der Figur, die sich eine unersättliche Libido bescheinigt, können in dieser Komödienvariante nur oberflächlich behandelt werden. Meilenweit entfernt scheint Fellinis Casanova (1976), der in der Sexsucht der Figur den selbstzerstörerischen Automatismus eines Chauvinisten sieht.

Casanova

In diesem puritanisch anmutenden Casanova gibt es weder Platz für Lust und Sinnlichkeit, noch für Krankheit und Tod, die naheliegenden düsteren Aspekte dieser Figur. Dafür wartet der Film mit einer gehörigen Portion Moralin auf. Denn erst am Ende, wenn der einstige Schwerenöter mit seiner Auserwählten den gemeinsamen Lebensabend verbringen kann, wird er glücklich. Nachdem der monogamisierte Casanova auch noch mit seiner lang vermissten Mutter wiedervereint wird, ist das Familienidyll perfekt. Da liegt die letzte Konsequenz der Disneyesken Metamorphose nicht fern. Eine Fortsetzung mit diesem handzahmen Casanova müsste dann wohl Superdad heißen. Doch produzierte Disney Pictures schon 1973 einen Film mit diesem Titel. Der Konzern, der mit einer Maus sein Imperium aufbaute, ist sich auch mit diesem Stoff treu geblieben.

Kommentare


Martin Z.

Ein nicht ganz ernst gemeinter, prunkvoll ausgestatteter und prominent besetzter Kostümschinken. In der Reihe über den großen Frauenverführer ist dies wohl der prüdeste. In der erwarteten Richtung passiert nichts und man sieht auch nichts. Dafür setzt der Film mehr auf den Modus der Shakespeareschen Verwechslungskomödien und spielt mit falschen Namen. Es beginnt recht schwungvoll, erlahmt dann aber zusehends um am Ende nach ganz kurzem Spannungsaufbau in ein alle zufriedenstellendes Massenhappyend zu münden. Ähnlich wie in den Komödien des großen Briten. Manche Stellen der Dialoge sind aus der Jetztzeit und wirken unglaublich modern. Manche Slapsticks wirken etwas deplaziert, finden aber Gefallen. Na wenn’s sein muss: Spaß muss sein.






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