Carrie

Und die Moral von der Geschicht’: Mobbe deine Mitschüler nicht.

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Nicht selten wird Popkultur dazu genutzt, die Ungerechtigkeiten des Lebens auszugleichen. Für all die Demütigungen und Ausgrenzungen, die im Alltag unkommentiert bleiben, rächen sich stellvertretend Filme mit den Mitteln der Kunst. So stellen amerikanische Komödien immer wieder die Hackordnung der Highschool auf den Kopf, geben den vermeintlich privilegierten Sportskanonen und Cheerleaderinnen Saures und lassen die Nerds triumphieren. In einem System der Unterdrückung und in Gesellschaft von Mitschülern, denen es an Zivilcourage fehlt, helfen manchmal aber auch gewiefte Protagonisten und naiv optimistische Plot Points nicht weiter. Da bleibt nur noch die Kraft des Übernatürlichen.

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In seinem ersten Roman erzählt Bestsellerautor Stephen King von einem Mädchen, das von seiner klerikalfaschistischen Mutter ebenso wie von gehässigen Gleichaltrigen drangsaliert wird. Als die verschüchterte Carrie allerdings entdeckt, dass sie über telekinetische Fähigkeiten verfügt, findet sie ein Ventil für ihre Qualen in der Zerstörung. Der Schaden, der sich über die Jahre in ihrem Inneren angesammelt hat, wird nun an die Außenwelt zurückgegeben.

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Mobbing gab es schon immer, auch, als Brian De Palma 1976 Kings Roman als mit Suspense aufgepeitschten Highschool-Albtraum auf die Leinwand brachte. Heute ist das Bewusstsein für die kleinen Grausamkeiten und die tiefen Narben, die sie hinterlassen, aber zweifellos gestiegen. Im amerikanischen Fernsehen beruhigen Prominente etwa junge Opfer mit dem Slogan „It Gets Better“. Die Wirklichkeit hat die Horrorstory schon lange überholt. Wenn in Kimberly Peirce’ Carrie – den man wahlweise als weitere King-Adaption oder als Remake von De Palmas Verfilmung sehen kann – nun das nackte, von seiner ersten Periode verängstige Mädchen von den Mitschülerinnen mit Tampons beworfen wird, filmen diese die Demütigung auch gleich noch mit dem Smartphone und stellen den Clip anschließend ins Internet. Peirce, die sich bereits in ihrem Langfilmdebüt Boys Don’t Cry (1999) realer Gewalt angenommen hat, versucht die Aktualität einer unbestritten starken Geschichte zusätzlich zu betonen, bleibt dabei aber letztlich hinter ihren Möglichkeiten zurück.

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Carrie ist durchaus solide, allerdings hätte man sich bei einer Neuverfilmung doch eine andere Lesart oder stärkere Ausarbeitung aktueller Bezüge gewünscht. Die Veränderungen spielen sich aber überwiegend an der Oberfläche ab. Mode und Musik haben sich verändert, die Schnitte sind schneller geworden, und dank modernster CGI-Effekte darf Carrie im Finale auch gleich eine kleine Apokalypse auslösen. Das Mobbing ist im Wandel der Zeit jedoch das Gleiche geblieben. Der Unterschied besteht eher darin, dass der Film es stets mit großer Vehemenz moralisch verurteilt. Wenn Carrie sich selbst nicht mehr helfen kann, tut es eben Sue (Gabriella Wilde) – die sich von der Mobberin zur Fast-Freundin gewandelt hat – mit einer emotionalen Verteidigungsrede.

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Besonders enttäuschend ist, wie Peirce in ihrer Inszenierung sämtliche Ecken und Kanten abschmirgelt. Als größtes Problem erweist sich dabei Hauptdarstellerin Chloë Grace Moretz, die viel zu schön und niedlich für ihre Rolle ist und sich abgesehen von einem schüchternen Blick auf den Boden kaum von ihren Peinigerinnen unterscheidet. Da fühlt man sich ein wenig an Teenykomödien erinnert, in denen eine attraktive Schauspielerin zum hässlichen Entlein wird, indem man ihr eine große Brille aufsetzt. Gerade hier wäre es doch spannend gewesen, jemanden in Szene zu setzen, der sich von all den adretten Schülern deutlich unterscheidet. Man denke nur an Sissy Spacek, die ihr Unvermögen, sich in eine Welt einzufügen, in der Ballköniginnen gewählt werden, stets mit ihrem schlaksigen, verkrampften Körper nach außen trägt. Auch wenn sie ihre Mitschüler plötzlich als ihresgleichen behandeln, wird sie doch nie dazugehören. Die traumatische Zeit, die sich in ihren Körper gefressen hat, verschwindet nicht einfach, nur weil sie ein goldenes Krönchen trägt.

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Ausgerechnet die ansonsten so schöne Juliane Moore gibt als Carries Mutter eine Ahnung davon, wie sich Hässliches in diese allzu glatte Filmwelt integrieren ließe. Aufgedunsen, faltig und durch und durch böse ist für sie alles, was im Leben Freude bereitet, eine Todsünde. So sehr es Carrie auch vermeidet, Horrorfilm zu sein, bei den Auftritten von Juliane Moore ist er nah am Genre dran. Wenn ihr etwa eine andere Mutter erzählt, dass Kinder sich auch mal austoben und Fehler begehen dürfen, muss sie sich von diesem Unfug erst mal erholen, indem sie mit einer Stecknadel ihren Oberschenkel bearbeitet. Dass aber gerade in einem Film, der sich den Außenseitern widmet, wieder nur die Bösen richtig hässlich sein dürfen, ist dafür eine ziemliche Enttäuschung.

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