Carne y Arena

Wo bin ich, und wenn ja, mit wem? Alejandro González Iñárritus Virtual-Reality-Projekt über Geflüchtete an der US-Grenze zu Mexiko findet nicht ganz zu der Subjektivität, nach der er sucht.

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„Enjoy!“, sagt man mir – nur mir, niemandem sonst. Komischer noch als die – am Kontext gemessen – etwas irreführende Aufforderung zum Genießen ist, dass nur ich gemeint bin, dass ich alleine zu meinem Recht kommen soll, oder muss, oder darf, dass niemand sonst mit mir dieses Genießen teilt, dass die Erfahrung restlos privatisiert wird: ein Ich, unverbunden mit den Anderen, von der Welt abgetrennt. Alejandro González Iñárritus Virtual-Reality-Projekt, das einen in die Wüste Arizonas schickt, damit man dort zum Flüchtling wird, werden darf, formuliert in einer seiner grundlegendsten Schichten zunächst einmal nur die Fantasie von einem solchen Ich und damit auch das Verlangen nach einem Bewegungsbild-Medium, das völlig anders als das Kino ist, eben gerade kein Massenmedium mehr. Virtual Reality – viele der gegenwärtigen Debatten scheinen da ziemlich ins Leere zu laufen, aber vielleicht müssen wir ohnehin auch noch 50 Jahre warten, bis wir uns genügend Überblick haben – ist nicht die Intensivierung und Weiterführung der Kinoerfahrung, sie ist eine ästhetische Einrichtung völlig eigenen Rechts und zwar genau deshalb, weil es ein gänzlich anderes Ich synthetisiert und in diesem Sinne dann auch voraussetzt.

Wie beim Frisör

Man wird alleine – Teil 1 des Synthetisierungs- und Abtrennungsprozesses – in einen winzigen Raum geschickt. Am Boden liegt angehäuft-sortiertes, zerschlissenes Schuhwerk herum. Es sind Schuhe, die in der Wüste, im Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA gefunden wurden, die einmal von Migranten getragen wurden. An der Wand stehen weitere Aufforderungen. Man soll selbst Schuhe und Socken ausziehen und dann warten, bis eine (rote!) Signallampe aufleuchtet. Sobald das passiert, soll man durch eine Türe treten, die einen in einen etwa 50 qm großen, mit Sand aufgeschütteten Raum führt – in eine Blackbox. Dort wird einem ein riesiges Brillengestell aufgesetzt; wie beim Frisör wird man, während es am Kopf festgezurrt wird, gefragt, ob es auch komfortabel sei. Dann bekommt man einen Rucksack auf den Rücken geschnallt und Kopfhörer aufgesetzt. Man soll sich – so die nächste Aufforderung – frei im Raum bewegen. Es wird darauf geachtet, dass man nicht gegen Wände läuft.

Ein Kunststurm

Carne Y Arena - Poster

Sechseinhalb Minuten ist man nun in der Wüste (Teil 2 der Monadisierung), die Füße sind im Sand, eine Windmaschine schleudert mir aufgewirbelte Luft an den Körper. 360-Grad-Blick, inmitten spanischsprechender Migranten, Babys krabbeln über den Boden. Zusammen mit dem Kunststurm rattert ein Helikopter auf mich zu, dann rauschen die Fahrzeuge der Border Patrol an. Laute Sirenen. Ich habe den Lauf eines Maschinengewehrs vor der Nase, werde angeschrien, gezwungen, mich hinzuknien. Wenn man in die Körper der Migranten steigt, sieht man ihr organisches Innenleben, Herzen pochen: Später wandern Seelen zum Himmel – sie dürften 21 Gramm wiegen. Natürlich macht Iñárritu auch in Carne y Arena das, was er schon immer machte: ein in sich geschlossener, mit einer Infrastruktur aus Schicksalsstraßen ausgestatteter, stets nach innen wirkender (und vermutlich gerade deshalb an die Transzendenz glaubender) Weltentwurf. Ein naives, sicher nicht sonderlich subtiles, häufig aber auch etwas zu engagiert beschimpftes Kino. Wer so holistisch denkt wie er, musste früher oder später ja fast zur VR-Technik finden.

Wo ist das Ich

Das Problem von Carne y Arena ist weniger die Naivität, mit der Iñárritu über Empathieerzeugung nachdenkt. Selbstverständlich bleibt die virtuelle Realität virtuell – selbst wenn sie noch so gut programmiert und animiert wurde (was hier noch nicht einmal wirklich der Fall ist). Man erfährt die Technik immer mit, das lässt sich nicht abstellen – und das betrifft neue ästhetische Medien nur umso mehr. Die Angst bleibt künstlich, auch wenn sie noch so intensiv erlebt wird. Iñárritus Holismus will davon nichts wissen; er will sich den Glauben an eine hundertprozentige Integration eines Ichs in seinen Kosmos nicht nehmen lassen. Und es gäbe auch keinen Grund, ihn zu zwingen, es zu tun. Problematisch ist viel eher – und das dürfte überhaupt eine der spannendsten Fragen sein, die man sich im Zusammenhang mit der VR-Technik und dem ästhetischen Erleben, das sie freisetzt, stellen kann –, dass Ich zu jemandem werde, der seine Konnektivität verliert, seine affektive Verwebung mit den Anderen und deren Erleben. Diese komische Sonderstellung des eigenen Ichs lässt sich in der Virtualität nicht einfach wieder aufheben – so easy lässt man sich nicht umtopfen. Die virtuellen Anderen sind anders als die Anderen, die mit mir sind. Man ist allein, man ist ein ultrakünstliches Ich, und man erlebt sich als künstlich. Das ist die Grundierung der Erfahrung – und sie setzt die ethische Subjektivität, an der Carne y Arena ziemlich selbstsicher zu basteln glaubt, sogleich aufs Spiel. Im Grunde geht es hier immer und zuallererst um mich. Um – nicht das das grundsätzlich schlimm wäre – Selbstgenuss. „Enjoy!“ – das war sehr weise gesprochen.

 

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