Captive

Anatomie einer Entführung.

Captive 01

Es geht alles sehr schnell, ganz ohne den Umweg einer Einführung. Wir schreiben den 27. Mai 2001 auf den philippinischen Palawan-Inseln. Es ist Nacht, als zwei Boote an der Küste ankommen. In einem sitzt die christliche Missionarin Thérèse Bourgoine (Isabelle Huppert) mit ihrer einheimischen Kollegin Soledad (Rustica Carpio), im anderen eine Gruppe muslimischer Terroristen mit Maschinengewehren. Nur einen Augenblick später haben Letztere mehrere Touristen aus einer Hotelanlage entführt und fliehen mit einem kleinen Boot weiter in den Süden. Auch Thérèse befindet sich unter ihnen.

Captive beginnt mit einer Entführung und endet zwei Stunden später auch mit ihr. Was in den neun Monaten dazwischen passiert, basiert auf einer wahren Begebenheit, aus der die Abu-Sayyaf-Gruppe mit hohen Lösegeldforderungen Kapital schlagen wollte. Im neuen Jahrtausend gab es viele solcher Entführungen. In Deutschland kennt man etwa den Fall der Familie Wallert, die sich ein Jahr zuvor in der Gefangenschaft von Terroristen befand. Nicht selten endeten solche Entführungen mit vielen Todesopfern.

Captive 02

Der philippinische Regisseur Brillante Mendoza hat sich mit seinen spröden, politisch ambitionierten Filmen in den letzten Jahren zum internationalen Festivalliebling gemausert. Mit einer durch den Moloch Manila wackelnden Handkamera lenkte er den Blick dabei immer wieder auf die Krankheiten von Gesellschaft und System: die emotionalen Strapazen einer Leihmutter (Foster Child, 2007), korrupte Polizisten (Kinatay, 2009) oder ein ungerechtes Justizwesen (Lola, 2009). Captive bildet da keine Ausnahme. Die damalige Geiselnahme war nicht nur wegen der vergewaltigenden und mordenden Entführer ein Verbrechen. Die philippinische Armee nahm die Terroristen mehrmals unter Beschuss, ohne sich darum zu scheren, dass bei ihrem Angriff auch Geiseln getötet werden.

Captive wirkt visuell schöner und dramaturgisch dichter als die letzten Filme Mendozas. Während sich dort aus dokumentarisch wirkenden Beobachtungen nur langsam eine Handlung herauskristallisierte, ist hier die ganze Zeit was los. Schusswechsel lösen sich mit den Strapazen der Natur und Spannungen innerhalb der Gruppe ab. Das soll jedoch nicht heißen, dass der Film einer konventionellen Dramaturgie erliegt. Mendoza widersteht beharrlich den Versuchungen, eine Story zu erzählen oder zu viel von seinen Figuren preiszugeben. Stattdessen widmet er sich einer Ausnahmesituation in ihrer ganzen Ambivalenz.

Captive 2

Ein reines Täter-Opfer-Schema durchbricht er dabei gekonnt mit vielen kleinen Momenten. Sicher gibt es Szenen, in denen sich die Entführer wirklich abstoßend verhalten. Da werden alleinstehende Frauen zwangsverheiratet, anlässlich der Anschläge vom 11. September ein Jubeltanz aufgeführt oder eines der Opfer im Todeskampf nachgeäfft. Die leichte Empathie mit den Geiseln entsteht aber eher aus der Situation als dadurch, dass Mendoza sie zu sympathischen Identifikationsfiguren stilisiert. Dass ihr Leben etwa allein durch ihre Herkunft profitabler und damit wertvoller ist als das ihrer philippinischen Leidensgenossen, scheint keinen der „Privilegierten“ zu stören.

Und dann gibt es wiederum absurde und fast zärtliche Momente, in denen die klare Rollenverteilung durcheinander gerät, wie in einem intimen Moment zwischen Thérèse und einem 12-jährigen Nachwuchsterroristen. Da wechseln sich Muttergefühle mit erotischen Untertönen ab, und nach einigen subtilen Vorwürfen schießt die Missionarin mit dem Maschinengewehr in die Luft, einfach um es mal auszuprobieren. Kurze Zeit und eine surreale Vision später sind die Rollen wieder klar besetzt, und der Junge bohrt seiner Geisel die Waffe in den Rücken.

Captive 03

Schon die letzten Filme Mendozas waren französische Koproduktionen. Diesmal ist aber auch ein französisches Gesicht zu sehen, und zwar ein ziemlich bekanntes: das von Isabelle Huppert. Nun ist es nicht so, dass Mendoza zuvor nicht mit Stars gedreht hat. Coco Martin, Mercedes Cabral oder Rustica Carpio – die letzten beiden spielen auch in Captive mit – sind auf den Philippinen sehr bekannte Schauspieler. Vielleicht liegt es an der fürs westliche Auge subtileren Spielweise, aber wenn die Kamera auf sie gerichtet ist, scheint die Mimik weniger nach Aufmerksamkeit zu lechzen, als es bei Isabelle Huppert der Fall ist. Ob ihre starke Leinwandpräsenz mit der Beiläufigkeit von Mendozas Regiestil zusammenpasst, ließ im Voraus durchaus Zweifel aufkommen.

Damit Huppert den Film ähnlich wie die Entführer gewaltsam in Beschlag nehmen kann, dafür ist Mendozas Blick aber dann doch zu schweifend. Besonders in der ersten Hälfte von Captive ist die Figur der Thérèse nur eine unter vielen. So wie die Inszenierung nicht zwischen wichtigen und unwichtigen Momenten unterscheidet, interessiert sich Mendoza auch mehr für größere Zusammenhänge als Einzelschicksale. Egal ob es um unterschiedliche Sprachen und Werte geht oder um die Verständigung zwischen Entführern, Geiseln und Militär, überall finden wir eine zutiefst gestörte Kommunikation. Captive erzählt letztlich von einem gescheiterten Dialog. Warum der sonst immer an gegenwärtigen Missständen interessierte Mendoza eine Geschichte erzählt, die elf Jahre zurückliegt, verrät eine Texteinblendung am Schluss: Bis heute hat es die philippinische Regierung nicht geschafft, das Problem mit den Geiselnehmern unter Kontrolle zu bringen. Erst vor einer Woche sind im Süden des Landes wieder zwei Touristen entführt worden. 

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